Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. November 1949 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

27.11.49.
Meine einzige Freundin!
Dein lieber langer Brief hat mich beruhigt. Allerdings ist es auch Dir nicht prima gegangen. Aber das muß man am Winteranfang hinnehmen, wenn man das Mißbefinden nur schließlich überwindet. Es ist recht, daß Du im Dunklen möglichst wenig ausgehst. Im Dezember und Januar läßt es sich wohl so ziemlich durchführen. Wenn man aber doch heraus muß, dann mit viel Ruhe – kein Einsteigen in die Elektrische forcieren wollen! – und mit einem Stock. (Der verschafft einem auch eher einen Platz; ich meine natürlich nicht so, daß man von ihm tätlichen Gebrauch machen soll!)
Meine Affektion war doch wohl – nach Ansicht von Rudger Heß – eine leichte Rippenfellreizung, wieder rechts. Seit 3 Tagen haben die Schmerzen beim Husten aufgehört, noch nicht Husten und Schnupfen. Alles würde natürlich schneller vorübergehen, wenn ich nicht in den 14 Tagen 9 mal im Maximum hätte
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| reden müssen.
Denke Dir, was für eine – nicht ganz billige – Extravaganz wir uns gestern gestattet haben! Wir waren in Freudenstadt, mit Sonntagskarte pro Person 6 M + 50 Pf. Zuschlag. Abfahrt 12 Uhr, Rückkehr 9 Uhr Bhf. Tübingen, Aufenthalt 5 Stunden. Es war oben nicht eigentlich frisch, sondern mucklig und trübe. Wir sind bis hinter den Stadtblick auf dem Teuchelesweg gegangen und zurück zum Markt (2 St.) Die beiden Türme der Stadtkirche sind sorgfältig wiederhergestellt, fast fertig!! Am Markt aber ist noch kein Wohnhaus errichtet; nur eine sog. Ladenstraße mit Überdachungsvorbau, hoffentlich provisorisch. Um ½ 5 kamen Hessens von Alpirsbach, und wir haben dann in einem gemütlichen Restaurant gegenüber dem ehemaligen Theater 2 Stunden gesessen. Rückfahrt im Straßburger Eilzug 1 Stunde 40 Min.
Susanne schätzt so etwas sehr. Aber es ist eigentlich ein Luxus. Wir sind überhaupt ein bißchen ins Luxusleben geraten. Aber man hat nur zu oft zwecklos gespart.
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Radbruch ist gestorben. Es tut mir doch leid, daß ich ihn nicht einmal besucht habe. Euer neuer Philosoph Gadamer steht Wenke gleich im Fehlen jeder nennenswerten Produktion.
Ich bin 14 Tage lang ziemlich faul gewesen und werde es nun zu büßen haben.
Wenn meine Postanweisung bis zum 15.II vorausgreift, so hat das meinerseits "technische" Gründe, die ich nicht lang auseinandersetzen will. Zu Deiner Frage wegen der Hügel in Cassel sage ich ganz offen Folgendes: Wenn Du geschrieben hättest, daß Du für die Erneuerung 100 M und mehr brauchst, so kannst Du sicher sein, daß Du sie aus eigener Pietät [über der Zeile] meinerseits sofort bekommen hättest. Aber wenn diese beiden Herrn Juristen mit Pension (oder noch Gehalt?) sagen:  90 : 3 macht 30, so finde ich das gedankenlos, und es kränkt mich in Deine Seele hinein. Verstehe es ja nicht falsch; ich bin gewiß, daß Du es nicht tust: aber diese jahrzehntelange stumpfe Gleichgiltigkeit Deiner Familie gegenüber der naheliegenden Frage, wovon Du eigentlich leben sollst, die bringt
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| mich Deinetwegen auf, und "gedankenlos" ist der mindeste Ausdruck, den ich dafür habe, gleichviel, ob es sich um Hermann handelt oder Ännchen oder die Juristen. Am liebsten sagte ich: schicke der Gesellschaft ohne Kommentar die ganzen 90 M. –
Der Gatte von Frau Morgan hat sich mit Mac Cloy nicht verständigen können und hat demissioniert. Hoffentlich sehen wir wenigstens Frau Morgan noch einmal.
Dem Paul Matussek – einem echt polnischen Temperament – solltest Du doch mal gründlich klar machen, daß man in seinem Alter so weit zur Ruhe gekommen sein muß, um eine in jedem Sinne gesunde Existenz aufzubauen. Diese Art wird allmählich zum menschlichen Manco, für das ich keine Bewunderung aufbringen kann. Ich bin überzeugt, daß er sich gesundheitlich restituieren könnte, wenn er geeignete Wege suchte. Lebenskunst wird auch zur sittlichen Pflicht. – Daß der Japaner Shinohara mit seiner Lungen- und Darmtuberkulose gut in Tokyo angekommen ist und endlich geschrieben hat, habe ich wohl schon erwähnt.
Aber nun bin ich todmüde.
Innigst Dein
Eduard.

[li. Rand] Was ist mit der Coppius u. Fritz Sartorius?