Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Dezember 1949 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

8.12.49.
Meine einzige Freundin!
Freitag nach dem Seminar pflegt meine Schreibzeit zu sein, weil ich dann für weitere Arbeit zu müde bin. Ich habe mich über Deinen langen Brief sehr gefreut und danke für die Zeitungsausschnitte, unter denen mich der Fall Coppius interessiert hat.
Meinen vorigen Brief scheinst Du trotz meiner Vorsichtsmaßnahmen doch in zweifacher Richtung nicht ganz verstanden zu haben. 1) Ich habe nicht gemeint, daß "deine Leute" sich irgend welche Opfer auflegen sollten; sondern nur, daß sie einmal hätten fragen sollen, wie es bei Dir geht. 2) Niemals wird irgend eine Ausgabe für Dich mir irgendwie schwer fallen. Sie macht mir nur Freude. Es wird auch jederzeit (solange ich nicht selbst Bankrott mache), so viel zur Verfügung stehn, wie Du brauchst und haben möchtest. Wenn Du also anfängst, zu "knapsen" – wobei
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| nicht die verewigte Änne gemeint ist – handelst Du meinem entschiedenen "Gebot" zuwider. Wir wollen das sofort in die Praxis umsetzen. Kaufe Dir eine ganze Flasche deutschen Cognac (ca 20 M) und trinke täglich ein Gläschen davon. Du wirst sehen, daß das sehr angenehm durch die Adern läuft. So etwas ist für alte Leute – pardon! – Medizin. Welche Tageszeit dafür geeignet ist, mußt du selbst ausprobieren; natürlich nicht auf den nüchternen Magen. Ebenso solltest du immer ein Quantum echten Kaffee hinzunehmen. Bis zum Schlafengehn ist das vergessen, wenn man sich wieder daran gewöhnt hat. Endlich ist es wohl gut, im Winter regelmäßig Vitaminpräparate zu nehmen, etwa Cebion oder Dibionta oder was die Matusseks raten. – Über die Befolgung dieser Rezepte ist Bericht zu erstatten.
In der vorigen Woche war ich einen Abend zur Aussprache über das wiedererstehende Verbindungsleben von einer Verbindung x – eingeladen. Dabei hatte ich zum ersten Mal nicht recht günstige Eindrücke; es waren fast nur – Juristen und Mediziner. Auch sonst macht sich eine Umschichtung in der Studen
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|tenschaft (nach unten) bemerkbar.
Fast ¾ meiner Zeit widme ich der großen Vorlesung. Ich halte sie im Maximum, wo ca 450 sitzen. Gleichzeitig wird in den zeitgrößten Hörsaal übertragen, der auch noch voll sein soll. (also 7–800 im ganzen.) Das ist natürlich eine große Verantwortung, und der Aufwand an Mühe ist wohl gerechtfertigt.
Wenn dann das Wochenende fortfällt, weil Besuch kommt, ist der Ausfall kaum einzubringen. Diesmal war am Samstag der langwierige und oft langweilige Große Senat, abends kam der aus Rußland zurückgekehrte Dr. Kopp, der bis Sonntag 17½ blieb. Natürlich war es mir eine Freude, obwohl er ein schwieriger, eigenwilliger Mensch ist. Ich ersetzte ihm 20 M für die Fahrt; flugs ging er hin und kaufte für 8 M Nelken; so etwas mag ich nicht. Sonntag Mittag kam außerdem noch Euer Heidelberger Philosophieprofessor Metzke, mit dem ich sofort ausgezeichnet in Gang kam, obwohl s wir uns zum 1. Mal sahen. (Bergstr. 131)
Gestern war der Stuttgarter [über der Zeile] kath. Studentenpfarrer, ein Jesuit, bei mir, um mit mir über Gefahren der Psychoanalyse zu sprechen. Ich habe ihm Matusseks Buch über die "Metaphysik i. d. Medizin" mitgegeben, was Du diesem sagen kannst.
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Unser "Student", der schon gereifte Herr v. Mutius aus Heidelberg, hat rechtes Unglück gehabt. Er bekam einen Furunkel in der Nase und muß unter Spritzen gehalten werden; er ist deshalb jetzt in der Klinik.
Am Sonntag erwarten wir Wenkes und Kuhns zum Kaffee. Kuhn (Germanist) hat auch bei euch vertretungsweise gelesen und ist einer der liebenswürdigsten Menschen hier.
Die Weihnachtsfeiern, zu denen ich eingeladen werde, türmen sich. Gottlob liegen sie fast sämtlich auf dem 14. Dezember, wo ich schon vergeben bin. Wie stets, gehe ich Weihnachten mit Sorge entgegen; da wird die Arbeit meist unmenschlich. Ich arbeite noch immer gern; aber was ich den "kleinen Dreck" nenne, das zehrt mich aus. Das Wochenende ist fast nur noch für den "kleinen Dreck" da.
Es war wieder märchenhaft warm. Das ist mir auch Deinetwegen lieb. Übrigens: bei uns allen steigern sich die kleinen Mängel im Alter (bei mir ins Riesengroße.) Ich empfehle daher, der Wehrhanerei entgegenzuwirken durch planmäßige Zeiteinteilung. Einiges kann man sich dadurch erleichtern. Natürlich schwinden Energie und Tatenlust. Aber "des Geistes tapfere Gegenwehr" muß immer bleiben. Für das Alter sind ganz feste Lebensgewohnheiten die einzige Existenzform. Dazu <li. Rand> gehört dann auch reichliche Ruhe, kein "Forcieren", Gleichmut im Kleinen. So geht es immer noch lala, und so möge es gehen! Innigst Dein Eduard (Rezepte s. oben!)