Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Dezember 1949 (Tübingen)


[1]
|
<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

22.12.49.
Meine einzige Freundin!
Weihnachten scheint diesmal recht warm zu werden. Ich brauche also nicht zu fürchten, daß Du in Deinem Zimmer unbehagliche Temperatur hast, wenn nicht Dein – immer schmutziger werdender – Geiz Dich auch dann noch am Heizen sparen läßt. Ich nehme an, daß Du an einem der Feiertage irgendwo bei guten Freunden sein wirst, und daß man Dich bei ungutem Wetter mindestens an die Elektrische bringt. Am Heiligen Abend selbst bist Du vermutlich am liebsten allein. Es kommt dann nur darauf an, wie sich die Bilder der Vergangenheit melden: ob sie einem das Herz abschnüren oder als milde freundliche Vergegenwärtigung erscheinen. Ich kenne beides. Sei gewiß, daß ich am 24.12 Dir
[2]
| ganz besonders nahe sein werde. Dann ist es so, als ob wir wieder
auf Bergeshöhn
In seinem lieben Lichte gehn. –
Meine Anregung wegen des Cognacs hast Du keines Wortes gewürdigt. Wenn Dir die Sorte nicht angenehm ist, so nimm einen Eierkognac oder eine Flasche Sherry. Dieser Rat ist durchaus ernst gemeint.
Wenn die Rohrbacher Post nicht wieder bummelt, wirst Du hoffentlich an den Württemberger Klöstern, meinem bescheidenen und einzigen Weihnachtsgeschenk, ein bißchen Freude haben. Es fehlt in unsrer Reisechronik noch Maulbronn. Das wollen wir vertrauensvoll für 1950 vornotieren.
Wir werden am 24.XII. im üblichen Spranger – MelzerTierok – Kreise sein. Am 1. Feiertag ist Frau Linke (geb. Donndorf, meine ausgezeichnete Schreibhilfe) d zu Mittag da. Der zum Kaffee gebetene 85jährige Professor Bohnenberger ist nicht frei. Wir
[3]
| werden allenfalls Wenkes sehn und, wenn das Wetter nicht zu feucht ist, einen maßvollen Ausflug machen. Am 3. Feiertag kommt mein letzter Berliner Assistent Dr. Lieber, jetziger Hausverwalter, d. h. Steuerzahler, aus Berlin und bleibt über Nacht. (Unser Herr v. Mutius ist in Heidelberg.) Um gleich mit dem Programm fortzufahren: Am 3. I. werde ich, diesmal mit Susanne, wieder bei den Köngenern in Rohr sein, aber abends schon wieder heimkehren, weil mir ein besonderer Umstand, von dem nachher noch die Rede sein wird, wieder jede freie Verfügung über die Ferien der Jahreswende raubt.
Was jetzt kommt ist leider sehr unweihnachtlich. Dein Brief vom 11.XII steht unter dem frischen Eindruck des Todes von Frau Deetjen. Ich erinnere mich, daß Du die verehrte Frau schon kanntest, als wir – nach Weihnachten 1931/2? – Deetjens in Weimar besuchten. Aber was Ihr Gatte war, wo sie wohnte u.s.w., das hast Du mir wohl nie gesagt. Der Kreis wird
[4]
| kleiner – so will es das Gesetz vom Vorüberwandern der Generationen. Auch diesmal wieder standen wir um die gleiche Zeit unter gleichen Erlebnissen. Zuerst erhielt ich die Nachricht, daß mein (Nenn-)vetter Ernst Körner in Potsdam, mit dem mich gemeinsame Tage in Wiesbaden 1900! für alle Zeit verbunden hatten, an Darmkrebs gestorben ist. Sein Bruder Carl Körner, der Vater des vermißten (?) und wohl nie wiederkehrenden Adalbert befindet sich ebenfalls in so schlechtem Gesundheitszustand, daß man Ernstes befürchten muß. (Adelberts "Witwe" hat wieder geheiratet.)
Sodann erhielten wir – bisher nur indirekt und ohne jede Einzelheiten – die Nachricht, daß Sabine mit ihrem Mann (Rudolf Bethmann, Cronberg) durch einen Autounfall ums Leben gekommen ist. Die 4jährige Tochter war nicht dabei und lebt. Sabine war 6 Jahre verheiratet. Wir waren uns zuletzt recht ferngerückt. Sabine war ungewöhnlich hübsch; der Mensch kann nicht anders, als dahinter auch eine liebenswürdige Seele zu vermuten. Sie war aber ziemlich leer und kalt. Das Verhältnis zu ihrer Mutter [unter der Zeile] in Bornim hatte
[5]
| sich wenigstens wieder normal gestaltet. Auch mit uns hat im Frühjahr noch ein kurzer Verständigungsbriefwechsel gespielt, der aber die Herzlichkeit, wie sie in ihrer Kindheit bestand, nicht wiederherstellen konnte. – In der Liste der Toten fortfahrend, erwähne ich, daß auch mein Altersgenosse Müller-Freienfels gestorben ist.
Noch ein fünfter Toter wirkt in diese Tage hinein. Die Trauerfeier für meinen bedeutenden Kollegen Stadelmann hat noch nicht stattgefunden. Bald wurde der eine, bald der andere Historiker zum Redner bestellt. Von Anfang an schien es, als ob die Witwe am liebsten sähe, daß ich die Rede hielte. Ich habe abgewehrt, so lange wie ich konnte. Er war Historiker; ich bin es nicht. Nun ist eine Situation entstanden, in der ich den Antrag übernehmen muß, was mir schon wegen der Kollegen vom Fach der Geschichte nicht recht ist, außerdem aber viel Arbeit macht. Denn – nachdem ich ihn selbst kaum 3 Jahre gekannt
[6]
| habe, muß ich mich nun in sein ganzes Werk hineinleben. Das kostet fast ⅔ der Zeit bis zum Tage der Feier: 21. Januar. Im Sommer Goethe, im Winter Stadelmann. Es ist immer mißlich, wenn Frauen zu viel subjektive Stimmungen in Angelegenheiten hineinspielen lassen, für die eine übliche Ordnung maßgebend sein sollte.
In den letzten Tagen gab es reichlich Sitzungen und Prüfungen. Aus meinem Kreise hat sich ein sehr vielversprechender Arabist habilitiert, ein anderer mit mittlerem Erfolg promoviert. Das gab den Mittelpunkt für die gestern im Hause gegebene Kaffeetafel meines phil. Privatkreises. Wir waren 19 Personen. Solche Veranstaltungen erfordern lebhafte Stimmung, die ich nach den Anstrengungen der letzten Zeit nicht recht hatte. Aber die jungen Leute, unter denen nun schon 3 Dozenten sind, unterhalten sich ja auch untereinander ganz gut.
Wenke hat nach Hamburg fahren müssen,
[7]
| weil für die hinterlassenen Kandidaten kein Examinator da war. Flitner hat ihm auch noch die seinigen aufgehalst, indem er nach der Schweiz fuhr. Heidelberg hat er abgesagt, was Du wohl in Deiner Zeitung im Tone berechtigten Verdrusses gefunden hast. Er macht jetzt merkwürdige Sachen.
Nun habe ich wohl einen vollständigen Bericht erstattet. Von heute an werden die Tage wieder länger. Man muß dem Frühling entgegenleben, die kleinen und großen Lasten nicht zu schwer nehmen (auch mich zwackt es bald hier, bald da), und sich immer Mühe geben, die Existenz lebenswert zu finden. Darum bitte ich Dich inständig. Zu Neujahr werde ich vielleicht nicht – mindestens nicht ausführlich – schreiben können. Denn ich ahne einen run von auswärtigen Besuchern. Schon heute Nachmittag kommt trotz deutlichen Abwinkens eine alte – nun wirklich alte – Schülerin von der Böhmschen Schule her. Und des Schreibens sonst – nach allen Weltteilen – wird kein Ende sein.
[8]
|
Alter Zeiten eingedenk und für 1950 hoffend grüße ich Dich innig. Das ganze Haus schließt sich an. Bleibe gesund und freue Dich!
Bene agere et laetari (Spinoza.)
Stets Dein
Eduard.

[] Grüße Buttmis und die guten Brüder Matussek.   Louvaris ist frei.