Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1./2./3. Januar 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Januar 49.
Mein geliebtes Herz!
Die ersten Zeilen im neuen Jahr müssen doch unbedingt an Dich sein, wenn auch eigentlich viele dringende Briefschulden mein Gewissen belasten. Aber die raschen paar Begleitworte des Päckchens an Dich, waren ja garkein Brief! Ich kann so gut begreifen, daß Du vor lauter wichtigen Verpflichtungen nicht die ruhige Pause für ein privates Schreiben nach persönlicher Neigung findest. Und es ist nicht mehr so wie in manch früheren Jahren, daß ich mit brennender Sehnsucht auf solch Zeichen deines Gedenkens warte, ich lebe in stiller Gewißheit der immer gleichen Liebe zwischen uns. – Aber ich will Dich darum doch nicht etwa ermutigen, möglichst selten zu schreiben!!!
Heute nun sitze ich mit der Decke um die Füße, die Wärmflasche im Fußkissen, den elektrischen Ofen hinter dem Stuhl und ein
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| Tuch um die Schultern höchst behaglich am Mitteltisch und vor mir steht unter der 25kerzigen Lampe Dein liebes Bild und sieht mich ernst und gedankenvoll an. Die alte Gewohnheit stärkerer Besinnlichkeit um die Jahreswende war in diesen beiden Tagen sehr lebhaft in mir. Ich habe gefunden, daß ich mich viel zu wichtig nehme, daß ich mich gegen die selbstverständlichen Lasten des Alters und des gegenwärtigen Lebens auflehne, anstatt sie tapfer zu überwinden, daß ich mir sogar manchmal selbst leid tue! Und mich gegen andere beklage, anstatt mich aufzuraffen. Und das soll besser werden!
Eine große Freude steht mir ja bevor: Deine Durchreise hier am 15.I.! Aber für 2 Stunden? Wie denkst Du dir das möglich ohne innere Unruhe? Du willst darüber noch Näheres schreiben und darauf bin ich gespannt. Aber zu bedenken möchte ich Dir doch geben, da es ein Sonnabend ist, also der nächste Tag keine feste Verpflichtung, ob Du nicht über Nacht bleiben und am Sonntag bei guter Zeit
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| weiterfahren könntest? In der Rose hat mir die Wirtin schon wiederholt versichert, daß ein Fremdenzimmer zur Verfügung stände, und wenn Du es vorzögest, wäre bei dem milden Wetter auch das bekannte Logis im Parterre möglich. Bestimme nach Neigung und nicht etwa nach [über der Zeile] irrtümlicher Rücksicht, daß für mich irgend etwas Mühe verursachen könnte. Ich bin gesundheitlich wieder in Ordnung und erfreuliche Tätigkeit ist eine wohltätige Belebung. Das wäre geradezu heilsam für mich, denn meine Energielosigkeit artete in einen Schlendrian aus, der durchaus überwunden werden muß.
Diese Weihnachtswoche hat mir so viele Liebesbeweise gebracht und ich war so ausschließlich im allem nur die Beschenkte, daß es mich unendlich beschämt hat. So möchte ich wenigstens meinen Dank beweisen, indem ich danach strebe, möglichst das zu werden, was die Menschen in mir sehen.
Heute habe ich einen sehr schönen Jahresanfang gehabt. Rösel Hecht hatte mich ein
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|geladen und ich war von 12 bis 7 Uhr mit ihr und ihrer Schwester bei einem guten Mittagessen, ergiebiger Ruhe, vorzüglichem Kaffee und schließlich noch Gutseln und Likör. Am Nachmittag kamen noch zwei nette Bekannte dazu, Rösel las höchst amüsante Briefe ihrer Tochter Hanne vor, die in England Haushilfe ist vor, und dann war noch ein stimmungsvolles Plauderstündchen unter dem brennenden Tannenbaum – kurz, es war alles so warm und wohltuend. – Auch am Tage zuvor hatte ich eine hübsche Kaffeestunde bei Heinrichs, die nach 10 Wochen von dem Besuch bei ihrer Tochter [über der Zeile] aus England heimgekehrt waren, und ich empfinde bei alledem, daß es gut wäre, ich suchte überhaupt wieder mehr menschlichen Umgang. Ich bin sonst im Begriff in der kalten Atmosphäre dieses Hauses zu erstarren, zu versauern und zu verschimmeln und versimpeln.
Es ist mir ein gutes Vorzeichen, daß das seit Jahren treu gepflegte Alpenveilchen, das ich aus selbstgewonnenem Samen zog, trotz
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| der Sonnenlosigkeit des Himmels wieder zum Blühen gekommen ist. Es reckt sich und streckt sich zwar verzweifelt dem wenigen Lichte zu, aber es hat doch eine wunderschöne leuchtend rote Blüte entwickelt, die heute nun voll aufgegangen ist. Schon gestern konnte ich wie mit der Zeitlupe die Entwicklung von Stunde zu Stunde beobachten und nun ists vollendet. Ob sie noch blüht bis Du kommst?
Die Wirtschaftszeitung habe ich mir besorgt. Aber es geht doch nie etwas glatt. Erst hatte mir der gute Mann in der Bude am Eichendorffplatz die Weihnachtsnummer in die Hand gedrückt. Aber er tauschte sie dann bereitwillig wieder um. Doch bekam ich sie dadurch erst gestern, wo ich durch das Schreiben verschiedener Briefe sehr müde geworden war. Und so habe ich erst begonnen, deinen Aufsatz über die Schulreform zu lesen, denn ich war einfach nicht mehr denkfähig. Das ist überhaupt ein großer Übelstand, daß sehr leicht eine grenzenlose Müdigkeit über mich kommt,
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| die ich mit dem besten Willen nicht überwinden kann. Darum ist auch der Vortrag aus Mainz aus den zwei Nummern der Universitas noch wenig gelesen, aber er hat mich in seinem Gedankenreichtum und seiner beherrschenden Überschau sehr gepackt. Ich möchte sagen, mir scheint sich darin das geistige Leben der Erde zu einem einheitlichen Organismus zu ordnen.
Derartige kosmische Bilder, mein liebes Herz, sind ja sehr unwissenschaftlich aber sie kommen mir aus einem angeborenen Allgefühl dem Leben gegenüber. –
Noch allerlei Persönliches hätte ich zu berichten. Von meiner lieben Schwester bekam ich einen sehr rasch beförderten Brief, der nur 3 Tage unterwegs war. Sie klagt nie, aber ich fühle, wie sie bewußt alles vermeiden, was die innere Fassung erschüttern könnte. – Auch Hans und Walter haben geschrieben und jetzt auch Rudi aus Würzburg, der bis zu seiner Entnazifizierung noch immer Fabrik
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|arbeiter ist, aber nun doch bald hofft, wieder in die ärztliche Tätigkeit einzurücken.

Am 2.I. Nun sitze ich wieder wie gestern bei der Lampe nach einem ziemlich bewegten Tage. Ich habe in Neuenheim heute vormittag drei Besuche gemacht, und kam erst um ½ 2 Uhr nach Haus. Das Essen war nur zu wärmen, und dann habe ich wieder lange geschlafen. Hier war inzwischen Dr. Drechsler gewesen, den ich dann bei seiner Schwester vergeblich wiederbesuchte. Er ist immer zu festlichen Tagen kurz hier und bringt dann seinen kleinen Ulrich mit, um die Familientradition zu erhalten. Ich sprach ihn schließlich noch vor seiner Abreise und empfahl ihm die Wirtschaftszeitung. Das Thema interessiert ihn sehr, denn er findet es schwer auf der technischen Hochschule den gewünschten Kontakt zu finden.
Von Hanne Héraucourt kann ich nur das Beste berichten. Sie wird zusehends kräftiger und zuversichtlicher. Es lebe das Penecilin! Es soll leider noch ungemein teuer sein. Dabei möchte ich gern einmal davon reden, daß Du schon wieder 120 M geschickt hast und außer
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|dem noch anbietest, mir Heizmaterial extra zu schenken. Laß Dir innigen Dank sagen, aber soviel Geld brauche ich wirklich nicht. Ich hatte vom vorigen Monat noch 75 M, dazu die 120 und die Rente ist 232. Das ist sehr viel auf einmal im Haus, wenn keine Anschaffung nötig ist. Meine Ärzte haben nichts gekostet, sogar die Rezepte werden umsonst abgefertigt. Frl. Dr. Clauß bin ich aber persönlich so dankbar, daß ich ihr die Jugendpsychologie schenkte. Sie hat sehr lieb und erfreut dafür gedankt. Sonst habe ich meiner Situation eingedenk allen Luxus vermieden – leider. Denn ich schenke doch so gern!

3.I. Jetzt bist Du nun in Rohr, und ich habe durch die eingehende Besprechung Radbruchs über das Buch von Marianne Weber erfahren, was die "Köngener" sind. Ich stelle mir vor, daß Du da ein recht aufnahmefähiges Publikum finden wirst. Und wann fängt die Vorlesung wieder an? Vermutlich am Donnerstag. Wie gut, daß es Dir möglich ist, in Tübingen den echten Sinn für das Universitätsstudium lebendig zu erhalten. Die Gefahr der Entwertung ist so groß.
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| Was Du über diesen Geist in dem Aufsatz der Wirtschaftszeitung sagst, habe ich schon oft empfunden, aber ich hielt es mehr nur für eine Folge augenblicklicher Not, die eine möglichste Beschleunigung der Ausbildung veranlaßt. Und dazu noch die Nachahmung dessen, was wir als Amerikanertum empfinden! Aber nach Deinem Aufsatz scheint es mir, als hätte sich auch bei uns schon länger eine Fehlentwicklung eingeleitet, die nur von der Gegenwart politisch unterstützt wird. Wie einleuchtend zeigst Du die Gefahren und die Möglichkeit der Abhilfe. Möchten es doch recht viel einsichtige Leute lesen.
Heute morgen kam Deine liebe Karte vom 31., die mir nun für den 15.I. vier Stunden des Beisammenseins in Aussicht stellt. Das ist mir eine große Freude, denn Du weißt ja wie langsam ich in jeder neuen Situation in Gang komme. Über das Nähere der Einteilung werden wir dann schon einig.
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Heute war die alte Frau Geheimrat Venediger und ihre Tochter aus Erfurt vormittags für ein Stündchen bei mir. Das war recht hübsch, und mein Zimmer präsentierte sich gut. Den kleinen Ofen füttere ich soviel es geht, der Aschenkasten faßt es beinah nicht, was täglich verbrennt, und bei dem milden Wetter ist es sehr schön warm bei mir. Ich habe den Damen dank eurer Cacaospende eine feine Schokolade vorgesetzt. – Für die Reise von Erfurt hierher brauchte Fräulein V. 3–4 Tage.! Vermutlich erzählte der Teilnehmer an der Univ. Eröffnung in Berlin Ähnliches.
Von Rektor Erbe sah ich in der Neuen Zeitung ein Bild, das mir gut gefiel. Es waren fast alle Universitäts-Rektoren da vertreten.
Wenn ich nicht jetzt Schluß mache, dann drösele ich an dem Brief noch endlos weiter, und Du hast doch garkeine Zeit das einfalllose Zeug zu lesen. Darum nur noch Dank für die liebe Grußkarte und viele, viele Grüße. Hoffentlich ist der Aufenthalt in Rohr erfreulich und gesund! An Susanne schreibe ich bald, heute nur herzliche Grüße <li. Rand> für sie und auch für Ida. In stetem Gedenken Deine Käthe.