Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Januar 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Januar 49.
Mein geliebtes Herz!
Ob Du den schönen Tag heute zu einem Spaziergang benutzen konntest? Es ist mir so leid, daß Du dich gehetzt fühlst und ich wollte, Du wehrst Dich gegen das Zuviel der Belastung. Denke doch mal an Kerschensteiner, mit welcher Ruhe er die Post in München warten ließ! Es erledigt sich auch manches selbst, wenn man es nicht so eilig damit hat. – Aber ich weiß schon, eines schickt sich nicht für alle!
Für mich ist der Sonntag am schönsten, wenn ich garnicht auszugehen brauche. Nachdem ein wenig sonntägliche Ordnung geleistet war, saß ich ganz still und andächtig mit Deiner Rede in der Universitas. Ich lese das sehr langsam und wiederholt, denn die Fülle der Gedanken, die ja vielfach nur stichwortartig berührt werden, ist für mich überwältigend. Aber das Ganze in seiner Ausdeutung für die Not der Gegenwart ergreift mich tief. Ich fühle so, wie hinter all der vorsichtigen, wissenschaftlichen
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| Erwägung der heiße Wunsch zu helfen lebt. Da wird nichts unerhört Neues empfohlen, keine Utopie gemalt, nur die Besinnung geweckt für das, was der Vergangenheit den bleibenden Wert gab. Ach, wenn es uns doch beschieden wäre, aus diesem Chaos geläutert als Deutsche hervorzugehen. Es ist so qualvoll, täglich im öffentlichen Leben daran gemahnt zu werden, wie ganz der Durchschnitt der Menschen auf die "Gottähnlichkeit" verzichtet hat. Wird die Not, die so viel Unredlichkeit erzeugt, auch einmal wieder gesundes Wachstum zulassen? Welch ernste Mahnung ist auch der Aufsatz über die Schulreform: hütet euch, schnellfertige Dutzendware heranzuzüchten!
Wie tröstlich ist mir immer bei all den trüben Eindrücken der Gegenwart, was Du von Deinen Tübinger Studenten berichtest. Auch hier gibt es sicher manches, was Zuversicht geben kann. Für mich sind das vor allem die Matusseks, denn sonst bin ich ja so isoliert. Und die große Spannung lastet auf allen. –
Worüber wird denn Dein Vortrag in Gießen sein?
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| Wann war es doch, daß Du von hier nach Gießen fahren wolltest, aber dann sagtest: wozu? hier gießt es auch!? –  – Eigentlich möchte ich Dich doch sehr gern zu einem Teller Suppe in mein Zimmer bitten! Es wäre mir so viel behaglicher als irgendwo im Gasthaus. Es liegen dafür so mancherlei Gründe vor, die ich besser im Haus besprechen könnte. Vor allem aber würde Dein Kommen diesem Raum, in dem ich mich so wenig heimisch fühle, mal wieder Licht und inneres Leben geben. Ein einfaches Essen stände fertig bereit, also bliebe Zeit genug auch für einen Weg ins Neckartal. Im Gasthaus ginge es keinesfalls schneller. Und dann ist da immer noch eine Flasche Weißwein, die Du trinken mußt! Also bedenke es wenigstens einen Moment. Aber ich will nicht unbescheiden sein, sondern bin auf alle Fälle zufrieden, wie es Dir recht ist. Eine besondere Mühe hätte es nicht für mich, denn ich bin wieder völlig gesund und mit dem Haushalt in Ordnung. Auch gut zu Fuß! Rechnen wir z. B. 1½ Stunden vom Bahnhof hierher und zurück, dann wäre
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| die Zeit von ½1 Uhr ab noch zu einem Spaziergang frei! Und wohin möchtest Du denn?
Ob Du vorher noch über Rohr mal schreibst? Ich bin doch sehr gespannt, wie es dort war. Von mir ist wirklich garnichts zu erzählen, als daß ich die nervöse Depression mal wieder überwunden habe, und das wohltuende Gefühl genieße, arbeitsfreudig zu sein. Es blieb auch inzwischen recht viel liegen. Und meine gute Frau Moser hat nach 3 Wochen mal wieder gründlich reingemacht, das ist auch ein Genuß. Denn der gutgeheizte Ofen staubt greulich; aber er wird überhaupt nicht mehr kalt, so gut habe ich ihn im Zuge. Auch Holz ist reichlich da, sodaß ich Dich nicht um Zuschuß bitten mußte. Sieh Dirs an, das wäre fein!
Doch wie ist es denn, fährst Du hinwärts nicht auch über hier? Könnte ich Dich da nicht an der Bahn wenigstens sehen, wenn auch nicht sprechen? Das möchte ich keinesfalls versäumen. Das wirst Du doch begreifen! Ich fange schon an, recht ungeduldig zu werden, bis es endlich so weit ist. Und heute nur noch viele, viele Grüße und gute Wünsche für gutes Gelingen!
Deine
Käthe.