Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Januar 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16.I.1949
Mein geliebtes Herz!
Hast Du bemerkt, wie in dem Augenblick, als Dein Zug aus der Heidelberger Halle ausfuhr, am Himmel die Wolken zerrissen und ein heller Sonnenblick aufstrahlte? Mir war es ein Sinnbild Deines lieben Besuches; gerade so flüchtig, schnell vorüber, und doch einen warmen beglückenden Schein zurücklassend. Mir war nach dem ganzen Tag, als wäre Sonntag, und ich beeilte mich, mein Zimmer und alle Geräte wieder in Alltagszustand zu setzen, nur der Tannenzweig steht noch da, bis auch er – zu Wärme wird. Er sagt mir vorläufig noch, daß er Gefallen vor Deinen Augen gefunden hat, wenn auch sonst manches nicht nach Wunsch war. Wirklich betrübend aber war mir, daß ich Dir nichts Eßbares für unterwegs mitgegeben habe. Da wäre
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| es wirklich am Platze, daß du mich einen "alten Geizkragen" nennst. Aber es hatte mich etwas überstürzt, daß der Aufenthalt nun doch so unglaublich kurz war. Bis zu Deinem Kommen hatte alles so gut geklappt und war ohne jede Hetze fertig geworden, auch die Butter zum Brot war morgens geholt – und dann versagte mein Verstand, als Dir das Weißbrot nicht zu gefallen schien. Ich hätte Dir doch Schwarzbrot anbieten können! Ach, warum hast Du mir da nicht nachgeholfen? Du weißt doch, daß alles für Dich da ist! – Ich habe in dem uralten Kursbuch nachgesehen, es ging damals ein Zug um die gleiche Zeit ab, der 5 Uhr 18 in Stuttgart ankam, so hast Du vielleicht noch den Anschluß nach Tübingen erreicht. Aber dann war garkein Aufenthalt in Stuttgart und also keine Zeit, dort etwas zu kaufen. Wenn Du dort länger bleiben mußtest, dann hast Du jedenfalls nicht Mangel zu leiden brauchen, denn es gibt jetzt ja wieder Gastwirtschaft am
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| Bahnhof. Aber wenn Du durchfahren mußtest, dann bliebst Du viele, viele Stunden ohne Essen, und der Gedanke hat mich die ganze Nacht verfolgt und immer wieder geweckt. Es wäre doch garzuviel Unbill, die Du da um meinetwillen auszuhalten hättest, von früh um 7.20 an! Denn der Speisewagen nebenan war ja, wie Du sagtest, nur für Besitzer von Devisen. Ich will froh sein, wenn ich über den Verlauf Deiner Reise bald etwas höre, und bitte Dich nur, meine zunehmende Altersschwäche zu entschuldigen. Sollte der Zettel, den Du probeweise mit dieser Feder schriebst, vielleicht Deine Beurteilung der Situation sein?
Im Übrigen kehren meine Gedanken immer wieder zu dem zurück, was Du von dem jungen Theologen von der Reichenautagung erzähltest. Der und Fräulein Lucas haben mir damals besonderen Eindruck gemacht, Ist er nun der freie protestantische Geistliche, der zwischen lauter Schwarzen in Stuttgart sitzt? Ich habe den Zusammen
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|hang nicht erfaßt. Du weißt ja: "hören tut das dumme Luder auch nicht!" Überhaupt auch die Bemerkung von dem Wiedersehen mit der Jugendbewegung blieb mir ohne klare Beziehung. War jene Tagung ausgesprochen jugendbeweglich? Dann muß ich auch noch bekennen, daß ich im Moment Schröbler und Morgener (d. h. die Namen) verwechselte. Schröbler war jener erste Famulus den Du von Meumann übernahmst, und das war ja für die Einführung recht erwünscht. Aber seine Persönlichkeit ist mir nicht mehr gegenwärtig. –
Sehr vieles sonst, was mir zu fragen am Herzen läge, blieb unerwähnt, Persönliches und Allgemeines. Zu ersterem gehört vor allem, ob Du die Beschwerden, derentwegen Du die unbenutzte Brille anschafftest, endgültig los bist? Dein Aussehen war trotz der gehabten Anstrengungen so gut, daß ich meine Freude daran hatte. Oder war es Blendwerk? Und zum zweiten beschäftigt es mich dauernd, in wieweit wir hoffen können,
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| eine religiöse Erneuerung ohne den Rückfall in kirchliche Erstarrung zu erleben? – Ich habe hier wiederholt Gespräche mit dem jüngeren Matussek, der sich gegen seine innere Wahrhaftigkeit durch die kirchlichen Vorschriften des Katholizismus gebunden fühlt. Ich verweise ihn immer nur auf die innere Stimme, die ihn in diesem Kampf den rechten Weg durch das Leben führen wird. Denn das Leben lehrt – bereit sein ist alles!
Hast Du die Absicht fortgesetzt, die Paulinischen Briefe nach und nach zu lesen? Ich habe von dem an die Römer keinen rechten Zugang gefunden. Die Corintherbriefe haben eine ganz andere Tonart. Aber ich bin vielleicht nicht aufnahmebereit gewesen. — Und nun gar die Offenbarung Johannis! Vor Jahren habe ich sie geradezu mit Widerwillen abgelehnt. Es schien mir wie eine ungesunde Phantasie. Jetzt, da wir an soviel Scheußlichkeiten gewöhnt wurden, verstehe ich die Sprache eher und ich kann mir allerlei dabei denken.
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| Aber es ist in dem Buche gerade das, was mir an den "Gläubigen" so unsympathisch ist, das Schwelgen in der Herrlichkeit, die den "Auserwählten" beschieden ist. Mir genügt das Streben nach dem Frieden Gottes im Herzen. Vielleicht ist dies, was mit der ersten Auferstehung gemeint ist.
Heute habe ich mal wieder keinen Menschen gespochen. Ein Zustand, von dem Du dir ja keine Vorstellung machen kannst, der Dir aber vielleicht erklärt, warum ich immer unbehilflicher im Gebrauch des Wortes werde. Und in meinem Zimmer war es noch viel dunkler als tags zuvor. Draußen lag der Nebel bis an den Fuß des Berges und es war noch viel trübseliger als bei Deinem Hiersein. Es ist ein recht charakterloser Winter, und man friert trotzdem, gerade wegen der Nässe.
Du wolltest doch wissen, woher die kleinen Spielkarten stammen. Ich habe sie bei Hedwig Mathy gegen ein Spiel Rommékarten eingetauscht. Leider hatte sie kurz vorher die besseren schon an eine kleine Großnichte verschenkt. Vielleicht wird
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| man auch einmal wieder solche Dondorff-Karten zu kaufen bekommen. Denn die Du jetzt hast, sind doch schon recht schadhaft. –
Wenn ich wüßte, ob es Dein Ernst war, daß Du Dich bei mir "so viel aufregen mußtest."? Mir war so still friedlich zu Sinn, daß es mir recht leid wäre, wenn Dirs nicht ebenso ging. Trotz der drangvoll-fürchterlichen Enge bei Aron Wassertrum, die ja nicht meine Schuld, sondern meine Last ist, finden es die Leute bei mir oft so gemütlich.
Zum Mittagessen habe ich heut, (dem Rest von Reis und Soße, den Du leider nicht gegessen hast mit Kartoffeln verlängert) ein Glas von dem Wein getrunken. Aber so allein war es garnicht schön, und ich bedauerte umso mehr, daß Du ihn nicht mitnehmen wolltest. Morgen zwischen 10 und 11 werde ich in die Augenklinik pilgern und hoffe, dort gedeihlich zu arbeiten. Es ist nicht gut, so lange zu pausieren. Aber heute hatte ich ein unbändiges Schlafbedürfnis, denn gestern war doch ein bewegter Tag auch für mich, vor, bei und nach Deinem Hiersein! Am Dienstag soll ich zum Kaffee
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| bei Mehners, eine Großnichte von Vorstand, die jüngste Tochter von Meyers treffen. Sie ist auch mit Mann und zwei Kindern aus Ludwigshafen vertrieben.
Und am Dienstag beginnt wieder Dein Kolleg. Hoffentlich hast Du Dir keine Erkältung von der Reise mitgebracht, und bist unterwegs nicht verhungert. Was wird Susanne denken über meine mangelnde Fürsorge! Sage ihr doch herzlichen Dank für die Schokolade, auf der ich erst mit der Brille ihre Handschrift erkannte. Ich sollte wohl eigentlich die Brille ständig tragen, aber sie ist mir, wie Dir, nur für die Nähe angenehm. Ich sah aber gestern doch, mit welch einem Minimum an Sehschärfe ich mich für gewöhnlich begnüge und das ist ein entschiedener Fehler.
Denke noch manchmalx [li. Rand] x d. h. hin und wider gern an das gute, wenn auch nasse Heidelberg und an
Deine

alte, getreue
Käthe.