Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19./20. Januar 1949 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 19.I.1949
Mein geliebtes Herz!
Eben ist Dr. Matussek fortgegangen, der heute nur allein kam, und der eine halbe Stunde hierblieb, da er noch eine Verabredung hatte. Ich habe Deinen Gruß ausgerichtet und er war in seiner ungestümen Art gleich voll Bedauern, daß er das nicht gewußt hatte, daß du durchkämst. Aber er verbesserte sich gleich auch selbst, und sah es ein, daß das nicht in Betracht kam. Es war ja wirklich auch garzu kurz! Wir haben nun zu zweit den Rest der Weyerer Flasche auf Dein Wohl ausgetrunken, ich natürlich mit dem beständigen Bedauern, daß Dir dieser gute Tropfen entging. Du hast ihm garzu wenig Ehre angetan. Überhaupt liegt es mir schmerzhaft auf der Seele, daß Heidelberg für Dich nicht die Mühe lohnte, die Du auf das Herkommen verwendetest. Im Moment Deiner Abreise war ich nur von Dank erfüllt, aber nach und nach fiel mir immer mehr ein, was alles hätte anders sein sollen, um Dich zu erfreuen. Vor allem hätte ich den Vorschlag mit Rohrbach nicht gemacht, wenn nicht 4 Stunden Spielraum angekündigt gewesen wären.
[2]
| Aber bei der plötzlichen Veränderung hatte ich nicht die Geistesgegenwart die neue Situation zu erfassen. Das lief noch so automatisch in mir weiter, bis Du mir klar machtest, daß 13.30 nicht 3.30 ist. Aber auch Du machtest keinen Gegenvorschlag, auf den ich eigentlich schon [über der Zeile] vorher gefaßt gewesen war, und den ich durchaus natürlich gefunden hätte.
Matussek hatte wieder an einer Diskussion über religions-psychologische Fragen teilgenommen, bei der Theologen, Psychiater und andres Volk beteiligt waren. Er hat den Standpunkt von Schlinck und Campenhausen angegriffen, die immer von der religiösen Wahrheit als einer feststehenden Größe sprachen: "Da sei schon zwischen der katholischen und der protestantischen Auffassung des Sündenbewußtseins ein großer Unterschied". Aber Das wurde zunächst schroff abgelehnt, aber doch später von Campenhausen zugestanden. Überraschend ist mir öfters, daß M. Sachen, die ich aus persönlicher Überzeugung ausspreche, für katholisch erklärt.
Gestern war ich in einer ganz anderen Welt. Bei Mehners war die Knapssche Urenkelin, ein lebhaftes, hübsches und kluges junges Frauchen, von einem sprudelnden Frohsinn. Sie brachte eine Atmosphäre, mit, wie sie etwa vor 60 Jahren herrschte, heiter,
[3]
| voller Pläne, voll unbefangenem Lebensgenuß. Es war nichts Übertriebenes oder Verletzendes dabei; ich fand es schön, daß es auch das noch gibt.
Und morgen werden Elsbeth Wille-Gunzert und Hedwig Mathy bei mir einen ganz einfachen Kaffee trinken. Ich hoffe, das soll gut verlaufen.
Seit heute ist es draußen etwas weniger naß. Aber es ist so trübe, daß ich schon sehr früh Licht machen mußte. Du hast neulich nun mal selbst gesehen, wie finster mein Zimmer ist, und daß ich nicht ohne Grund darüber klage. Dabei bin ich es schon so gewohnt, daß ich neulich erst durch Dich darauf aufmerksam wurde.
Die 5 Cigarren zu 30 <altes Pfennigzeichen> habe ich besorgt und werde sie demnächst schicken. Vielleicht bekomme ich auch noch auf anderem Wege etwas Empfehlenswertes, zur Probe.

20.I. Vorhin sind Hedwig und Elsbeth fortgegangen, und wir hatten ein paar sehr gemütliche Stunden miteinander; wir mögen uns gegenseitig und man kommt doch so selten zusammen. Allerlei Fragen der Gegenwart wurden berührt und natürlich auch Dein Urteil in vielem erwähnt. Die Vorschläge zur Hochschulreform, die heut bei uns in der Zeitung mitgeteilt wurden, finden spontan überall dieselbe Kritik wie sie der Hamburger Bürger
[4]
|meister
äußerte. : Jetzt, bei unserer Armut soll das Studium noch um ein Jahr verlängert werden!! Ich muß an 1809 denken, wo in Berlin die Universität trotz alle Not die Universität als Sammelpunkt vaterländischen Geistes entstand. Ist nun in diesem Vorschlag ein ähnlicher Geist, oder ist es nur eine organisatorische Neuerung? Im Sinne Deiner Reformforderung für die Schulbildung könnte es wohl so aussehen, und gerade heute hervorgerufen sein durch die oft so unzulängliche Vorbildung auf den Schulen. Aber hatte das nicht großenteils seine Ursache in den Kriegsverhältnissen, dem Lehrermangel und den unruhigen äußeren Bedingungen? Wird nicht eine Vertiefung der Schulbildung von selbst diesen Mangel ausgleichen? Und wie viel Organisation ist in diesen Plänen! Ein neuer Typ Hochschullehrer, ganz abgesehen von den neuen Verwaltungsorganen! Was hat denn Euer Rektor von den Verhandlungen für Eindrücke mitgebracht? Ich habe sein Bild neulich in der Zeitung gesehen, die Nitsches halten, und er war ja kürzlich bei Euch zum Kaffee. – Etwas, wovon ich in den vier verheißenen Stunden der Reiseunterbrechung auch so gern mit Dir reden wollte, war die Frage, was Meinecke wohl von seinem Amt für
[5]
| einen Erfolg erwartet? Allen bisherigen Anzeichen nach ist mir dies ganze Unternehmen wie ein totgeborenes Kind erschienen.
Auch von Wenke's Angelegenheit und seinen Aussichten dabei hätte ich gern mehr gehört als sich in Briefen schreiben läßt. Wie solltest Du zu solchen Ausführlichkeiten Zeit haben, die sich doch mündlich schnell erledigen lassen!
Heute kam ein Brief meiner Schwester aus Berlin geschrieben am 14., gestempelt am 17., dort ist das Fahren in den Elektrischen noch schlimmer als hier, wo ich gestern um 3 Uhr einen Wagen fand, in dem nicht mal alle Fensterplätze besetzt waren! Aenne versichert, daß sie "sich alle Mühe geben, stabil zu bleiben". Ach, wie gut, daß Du nicht mehr dort bist!
Ich weiß überhaupt nicht, ob ich Dir schon schrieb, daß ich am Montag vergeblich in die Klinik ging. Der Assistent, für den ich arbeiten sollte, war krank und so wurde die Sache um eine Woche verschoben. Anscheinend erstreckt sich eben die Ungewißheit in alle Äußerlichkeiten hinein. Hermann schreibt, er habe Verlangen nach geregelter Tätigkeit, das kann ich so gut mitfühlen.
[6]
| Ich hatte mich auch auf die gewohnte Arbeit gefreut. Denn so gehen die Tage in gleichgültiger Beschäftigung unbemerkt vorüber. Es ist mir garnicht glaublich, daß morgen schon eine Woche verging, seit Du hier warst. Und das Unzulängliche bedrückt mich. Ich träume [über der Zeile] nachts von Treppenstufen, die ich [über der Zeile] hinunter gehen soll und die vor meinen Füßen aufhören.
Da ist es gut von erfolgreichem Wirken zu hören, wie es Dir in Tübingen beschieden ist. Und es stehen mir dann die Worte von Haushofer vor der Seele:
"So wenig, wie in stoffgebundnen Reichen,
seit Schöpfertum im Sonnenkreis begann,
ein Körnchen Staub verloren gehen kann,
so wenig darf ein Seelenhauch entweichen."
Bei alten Papieren fand ich dieser Tage einige Zettel von Deiner Hand und darunter dies: "Zwei Dinge sind es doch wohl, die den denkenden Menschen der Gegenwart beunruhigen und auf die er eine Antwort fordert: Ist in unsrer Kultur der Krieg überhaupt ein sittliches Mittel? und: welchem Ziel steuern wir zu, wenn wir heut dem Krieg die letzte Entscheidung über unser niederes und höchstes Leben anvertrauen?"
[7]
|
Die Entwicklung hat uns die Antwort gegeben. Und die Wut, die den unterlegenen Gegner zum Verbrecher stempelt, deckt wohl eine geheime Strömung in der allgemeinen Geistesverfassung auf, so wenig wir im Einzelfall dieses Austoben der Rache als ein Heilmittel ansehen können. Denn geht nicht die Heraufbesch[über der Zeile] wörung neuer Kriegsstimmung beständig weiter? – Und da lag noch ein weiterer Zettel: "die Fülle der Liebe, die jetzt entbunden ist, und ein ehrenvolles Anrecht auf die geistigen Güter, für die das Blut ihrer Väter geflossen ist."  "–" das waren Gedanken unmittelbar nach dem Weltkrieg, denn sie liegen auf den losen Zetteln schon so lange in meinem Schreibtisch. Das ist unsere Ernte aus all den schweren Jahren, die Welt der Jugend und Zukunft, für die Du unermüdlich Deine Kraft einsetzst. Da ist der Weg gezeigt zu einem echten Frieden, der über dem nackten Kampf ums Dasein immer wieder vergessen wird.
Du kannst diese geistigen Güter lebendigen Seelen weiter geben, während mir oft in meiner
[8]
| weltfernen Stille diese innere Welt wie erdrückt erscheinen will. Und so ist all mein Bitten und Hoffen für die Deutsche Zukunft mit Dir und Deinem Wirken. Hat nicht Deine Begegnung mit dem damals jungen Geistlichen der Reichenautagung Dir gezeigt, welch fruchtbaren Samen Du damals ausgestreut hast? Ich denke es mir, und sehe überhaupt manches von jener Zeit mit immer tieferem Verstehen.
Jetzt wird der Brief nicht zum Sonntag ankommen, wie ich es gern hätte. Denn ich vermute, daß die Wochentage von Arbeit zu erfüllt sind, um Dir Zeit für solche lange Epistel zu lassen? Ich denke Deiner beständig und hoffe, daß Du nach den Reisestrapazen der Ferien das geordnete Behagen der eigenen Häuslichkeit genießt und daß Dir die Arbeit ohne Hetzerei befriedigend gelinge.
Meinen Brief mit der Einlage der Zeitung wirst Du erhalten haben. Und grüße auch, bitte, Susanne herzlich. Dir aber danke ich für Dein Kommen trotz aller Widerstände der Bahnverbindung und Deiner so kostbaren, knappen Zeit noch einmal ganz besonders, möchte es Dir keine zu große Enttäuschung gewesen sein, weil der Weg am Neckar ausfiel.
Innige Grüße in trauter Liebe von
Deiner Käthe.