Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. Januar 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30.I.1949
Mein liebes Herz!
Es wird zwar heute nicht mehr zu einem Brief reichen, aber einen Gruß möchte ich Dir doch gern noch senden. Die Woche war für meine Verhältnisse ziemlich lebhaft. Aber Dein lieber Brief vom 22. hatte meine Stimmung so gehoben, daß mir die Arbeit gut von der Hand ging. Denn das wirst Du ja gemerkt haben, daß der unprogrammgemäße Verlauf unseres Wiedersehens mich etwas deprimiert zurückgelassen hatte. – Am Montag, d. 24. saß ich nun ganz eifrig im Laboratorium am Mikroskop und hatte mich nett hineingefunden, da kam ein junger Assistent, stellte sich vor und fragte im Auftrage des Chefs, wann ich für ihn einen "Pemphigus" zeichnen könne? Das ging natürlich vor, und ich mußte in die Infektionsabteilung zu einer alten Frau, bei der ich dann von Dienstag bis Sonnabend täglich zu
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| tun hatte. Und das Arbeiten nach dem lebenden und leidenden Patienten ist mir doch immer so peinlich! Aber es ist nun zur Zufriedenheit erledigt, ich bin froh und hoffe dafür 32 M zu bekommen. Es ist Auge und Mundhöhle, zwei Aquarelle.
Im Übrigen habe ich nur am Dienstag nachmittags privat über meine Zeit verfügt, da war ich zu einem gemütlichen Kaffee bei Paula Seitz, mit der ich mich immer sehr gut verstehe. – Eine persönliche Aussprache ganz anderer Art war die mit der armen Patientin, der 61 jährigen Gattin eines Feldschützen in Lorch. Das ist nämlich eine ganz feine stille Frau, die zu den beiden Mitbewohnern des Zimmers garnicht paßt. Als diese draußen waren, klagte sie, keiner der Ärzte hätte ihr noch ein ermunterndes Wort gesagt. Dann berichtete sie, was der Professor in der Vorlesung über sie sagte, und was im gleichen Sinne, ein kurzer Bericht den Verlauf der Erkrankung, und ohne Erwähnung einer möglichen Heilung war. Dann kam noch heraus,
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| daß ihrer Tochter bereits eine sehr ungünstige Auskunft gegeben war, die diese ihr leider auch mitgeteilt hatte. Was soll man in solchen Fall da sagen? Erst versuchte ich zu trösten, daß die Ärzte doch erst versuchen müßten, wie die Behandlung wirkt. Aber es war ja zu sehen und ich weiß über die Krankheit Bescheid, daß da wohl keine Hoffnung ist. Sie bat mich, wenn ich wieder in die Klinik zur Arbeit käme, sie aufzusuchen und ich will hoffen, daß ich ihr ein wenig Mut machen kann. Sie ist ja fromm, das wird ihr helfen.
Ich wäre kein guter Arzt geworden, ich nehme zu intensiven Anteil. – Ein umso erfreulicherer Eindruck ist es, wie Hanne Heraucourt an Kräften und subjektivem Befinden zunimmt. Heut, Sonntag nachmittag, war ich bei ihnen zu Kaffee und selbstgebackenem Kuchen. Da höre ich immer allerlei von Welt und Menschen, denn die Mutter hat einen sehr großen Kreis unterschiedlicher Beziehungen, alles auf dem Hintergrund ihrer pfarrfraulichen, hilfreichen Natur. Und ganz persönlich haben sie auch immer
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| ungewöhnliche und oft unangenehme Erlebnisse. So hörte die Mutter dieser Tage durch den Friseur, daß eine langjährige Bekannte, ja eigentlich von ihr [über der Zeile] früher als Freundin angesehen, die sie bereits unter der Naziherrschaft bei der Gestapo denunzierte, von ihr gesagt habe, sie führe undeutsche Reden! Wie soll man sich vor solcher Nachrede schützen?! Ich muß schon sagen, die Beiden erleben besonders viel Aufregendes und Schweres.
Habt Ihr auch schon tagelang diesen abscheulichen Nebel? Man fühlt sich, wie in einem kalten Umschlag. Hoffentlich ist Eure Wetterlage besser. Aber schön ist die Welt in dem dicken Rauhreif!
In den nächsten Tagen hoffe ich, Probezigarren an Dich abzuschicken, fast sind sie schon verpackt. Durch die alte Frau Keller erhielt ich Proben aus einer Fabrik, wo man auf reelle Bedienung rechnen kann. Leider ist durch die Schwerhörigkeit der guten Frau die Auswahl noch nicht die richtige. Aber Du kannst sie wohl mal versuchen. –
Entschuldige mich doch, bitte, nochmal bei Susanne, und grüße sie, ebenso Ida. Dir selbst viele herzliche Grüße, und Wünsche für dein unermüdliches Schaffen!
Deine Käthe.