Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Februar 1949 (Heidelberg)


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<der Scan von S. 3 ist am re. Rand abgeschnitten>
Heidelberg. 9.II.1949.
Mein geliebtes Herz!
Heute morgen kam Dein lieber Bleistiftbrief vom 8.II., der mich natürlich gleich sehr erschreckte. Diesmal hatte mir keine Vorahnung eine Warnung zuteil werden lassen, nur im Allgemeinen bin ich schon länger in Sorge wegen der dauernden Überlastung, die Du Deinen Kräften zumutest. Möchte doch nun diese kleine Warnung dich bewegen, etwas das Tempo zu mäßigen! Ich bitte Dich sehr herzlich darum, nicht nur um meinetwillen, sondern weil Du in unserm armen Deutschland noch so dringend nötig bist! Welcher Arzt wird sich denn Deiner bemächtigt haben? Hoffentlich ein recht einsichtiger! der ein maßvolles Regiment ausübt. Denn etwas wehrlos ist man doch naturgemäß, wenn man mit einem Arzt verhandelt. Das habe ich auch am vorigen
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| Sonnabend mal wieder erfahren, wo ich 2 Stunden in einem ungeheizten Wartezimmer sitzen mußte, und mir dabei doch keine Grippe, nicht mal einen Katarrh holte. Ich hatte an der Kopfhaut eine kleine Geschwulst, die mir größer zu werden schien und Frl. Dr. Clauß empfahl, zu einem Hautarzt zu gehen. Es stellte sich aber als eine harmlose Warze heraus. Das ist mir doch lieber als etwa Krätze oder Grind! Überhaupt bin ich so gut in Verfassung eben, daß ich hoffe, der überall umgehenden Grippe genügend Widerstand zu leisten. Wenn ich das doch auf Dich übertragen könnte!
In der Elektrischen bin ich freilich täglich unterwegs, aber ich mache immer einen weiten Bogen um verdächtige Subjekte. In der Klinik ist das freilich nicht so leicht, und da ist ein ganz erstaunlicher Betrieb für mich im Augenblick. Die mikroskopische Arbeit für Dr. Müller kommt nicht von der Stelle, da ich überhaupt nicht dabei bleiben kann, sondern andauernd zum Chef abkommandiert
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| werde. Erst war es der Pemphigus, der glücklich fertig ist, dann kam eine sehr seltene Trübung der Hornhaut, die noch in Arbeit ist, und morgen sollen noch 2 Augenhintergründe angefangen werden. Ich lasse mich aber von der Sache nicht aufregen, sondern denke: es wird schon werden, nur die Ruhe kann es bringen.
Wie lange ist es doch her, daß Du zuerst bei mir in der Rohrbacher Straße von Augenhintergründen hörtest! Auch sonst wurde ich dieser Tage so lebhaft an "dazumal" erinnert. Ich suchte bei dem Fach der vielen Booschüren nach der Schrift von Fr. von Wieser: Recht und Macht, die Du mir 1915 schenktest. Denn die Not der Gegenwart trieb mich die Erlebnisse jener Zeit wieder wach zu rufen. Du wirst nicht mehr wissen, daß die Veranlassung zu Deiner Gabe damals ein Gespräch war, das ich in Kassel auf der schönen Aussicht mit einem biederen thüringer Volksschullehrer hatte, der vom Felde heimstrebend, mir erklärte, "sie hätten nun genug Krieg." Wir wollten jetzt "das Schwert des Geistes führen." Du
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| sagtest damals, auch das sei nur möglich im Schutze der Staatsmacht. Damals war uns noch ein Rest solcher Möglichkeit geblieben, aber jetzt?! Wie glücklich bin ich, daß Du sie in Tübingen fandest! Gefährde sie nicht durch ein Übermaß an Arbeitsleistung. Versuche doch wenigstens abzustoßen, was nicht unbedingt notwendig ist. Halte Dich auch nicht zu früh wieder für hergestellt. Die Grippe soll nicht schwer auftreten in diesem Jahr, aber Rückfälle wären unangenehm. –  – Bei dem Suchen in den alten Schriften fand ich so manchen Wegbegleiter von jener Zeit: Troeltsch, Windelband, Häckel, Adickes u.s.f. – Da war auch noch etwas, was ich fast vergessen hatte, von Arthur Bonus, Religion als Schöpfung. Das kam von Dir am 25.II.1913 und darin steht von Deiner Hand "Die Kategorie des Wertes steht über der Kategorie des Seins." Es ist seltsam wie ein Vorklang der "Magie der Seele" und ich staune, wie lange diese Gedanken uns schon bewegen.
Für heut will ich diesen "Krankenbesuch" beenden und bei Sturm und Regen den Brief noch an die Post bringen. Ohnehin flackert die <li. Rand> Lampe, als wollte sie verlöschen. Es ist wohl was im Werk kaputt.
<li. Rand S. 3> Mit vielen innigen Wünschen für baldige Genesung und die <li. Rand S. 2> nötige Schonung grüße ich Dich von Herzen. Deine Käthe
[i. Rand S. 1] Viele Grüße auch an Susanne, die hoffentlich verschont bleibt.
[Fuß S. 1] Dank auch für den wunderschönen Glückwunsch zum 70. Geburtstag von Wundt.