Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Februar 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Februar 49
Mein liebes Herz!
Nun ist doch die ganze Woche darüber hingegangen, ehe ich die versprochenen Cigarren abschicken kann. Es ist, wie Du ja weißt, nicht die Überfülle der Arbeit, was mich hindert, sondern nur der Mangel an Tatkraft, d. h. zu deutsch: eine unüberwindliche Faulheit. Ich gebe der erneuten Kälte die Schuld, denn gesundheitlich geht es mir durchaus gut. Die Tage waren auch wirklich ziemlich lebhaft. Denn der Besuch von Gretle Schwidtal, den ich eigentlich glaubte abgebogen zu haben, fand doch statt, und er war im Grunde "nicht übel", sondern sehr nett. Aber mit dem Abholen auf dem Bahnsteig bin ich recht ungeschickt, und wir haben uns dabei recht verfehlt. Ich hatte ihr die ungewohnte Fahrerei der Elektrischen bequem machen wollen und deshalb meine Arbeit so gelegt, daß ich von der Klinik zur Bahn gehen konnte, als sie ankam; aber es
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| sollte wieder nicht klappen. Aber nachdem sie sich selbständig hergefunden hatte, war es doch recht nett. Zu meinem großen Bedauern hat sie in Kassel die neue Stellung schon wieder verloren. Nachdem sie am Dörnberg ein neues Kinder-Erholungsheim von Grund aus mit allen Schwierigkeiten eingerichtet hat und die Sache gut in Gang gebracht hat, will man jetzt die Anstalt mit Krankenschwestern mehr als Sanatorium aufziehen und hat ihr mit einem anerkennenden Schreiben gekündigt. Nun ist sie, die im Riesengebirge flüchten und allen Besitz im Stich lassen mußte, wieder stellenlos, dabei ist sie mit ihrem ruhigen, angenehmen Wesen ein so tüchtiger, zuverlässiger Mensch.
Sie blieb über Nacht in der bewußten "Rose", und fand es dort ganz ordentlich. Es gibt da fließend Wasser, aber nur kalt, statt dessen aber Centralheizung und ein sauberes Zimmer. Preis 3,50, und als Frühstück ein Kännchen Bohnenkaffee 1 M!!, sonst nichts. Ich finde das für die ländliche Einfachheit viel.
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Im Übrigen bin ich täglich einige Stunden zum Zeichnen gewesen und habe mich über die hellen Tage gefreut. Daneben will dann außer dem Haushalt nicht viel gedeihen und ich muß mir, wenn ich darüber klage, sagen lassen, daß das bei meinem Alter nur natürlich wäre, im Gegenteil hätte ich nur Ursach, mich zu wundern, daß ich das noch kann. Aber es ist so eigentümlich, daß ich in mir die Veränderung nicht in dem Maße spüre, wie in der mangelnden Leistung. Am schlimmsten ist es mit dem Gedächtnis. Was ich im Augenblick beiseite lege, entschwindet mir rettungslos.
Du wunderst Dich gewiß über die Besorgung der Zigarren, und ich selbst war über das Resultat auch verwundert, denn ich hatte es ganz anders bestellt. Du weißt von der guten Frau Keller, die in ihrer Schwerhörigkeit ein doppelt betrübtes Alter hat und früher in guten Verhältnissen lebte. Ihre Schwiegertochter [über der Zeile] mit der sie zusammenlebt kommt aus einer hiesigen Cigarrenfabrik und da kam zwischen uns mal die Rede darauf, daß
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| man da auch ohne Zwischenhandel gut kaufen könne. Ich bat um Proben; sie sprach von Sorten zu 20 und 40 <altes Pfennigzeichen>., und ich betonte wiederholt die schlanke Form. Da brachte nun die Schwiegertochter diese Menge und ich zweifle, ob sie Dir gefallen können. Versuche es mal, und wenn Du es vorteilhaft findest, kann man es in Kisten haben, je nach Wahl. Besonders gelobt ist die Brasil, mit Überseetaback und gutem Deckblatt. Dieselbe Mischung wird auch mit deutschem Deckblatt geführt und kostet dann genau ebenso groß 25 <altes Pfennigzeichen>. – In dem Milei ist die 30 <altes Pfennigzeichen> vom Eichendorffplatz. – Wenn es geht, und Du reflektierst auf etwas, dann gib mir, bitte, bald Nachricht. Der Fabrikant habe den Ehrgeiz, sein Geschäft hoch zu halten, und es gehe ihm nichts über seine Fabrik. Du wirst Dir ja an den Proben ein Urteil bilden können. Hoffentlich kommen sie heil an!
Und damit will ich auch heute schließen, und nur noch viele, viele Grüße anfügen. Auch die Federn noch, die nun vielleicht für das nächste Jahr ausreichen! Oder soll ich noch mehr besorgen? In stetem treuem Gedenken
Deine Käthe.

[li. Rand] Grüße auch Susanne herzlich, und Ida.