Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13./15. Februar 1949 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 13.II.1949
Mein geliebtes Herz!
Du wirst Dir denken, daß ich sehr auf eine Nachricht über Dein Befinden warte! Es war nur gut, daß Du mir eine Pause von mindestens drei Tagen angekündigt hattest. Hier wird ja gesagt, daß die Grippe allgemein nicht schwer auftritt, wenn man sich entsprechend hält. Hoffentlich ist das bei Euch auch so, und hast Du entsprechende Vorsicht geübt. Die ständigen Wetterschwankungen sind auch nicht gerade heilsam.
Hier hat Frau Buttmi ihren Tribut gezahlt, und sie ist auch keine geduldige Patientin. Der Mann hatte mit der Erkrankung begonnen und es wurde mir etwas übel genommen, daß ich daraufhin meinen beabsichtigten Besuch unterließ. Denn ich will durchaus jede Möglichkeit der Ansteckung vermeiden, soweit es in meiner Macht steht. – Im Übrigen aber bin ich durchaus nicht ängstlich, sondern sogar ungewöhnlich unternehmend. Die tägliche Arbeit in der Klinik ist für mich förmlich wie ein Lebens
[2]
|bedürfnis, und ich fühle mich in meinem Element. Es ist auch damit vorläufig nach Wunsch geglückt. Wenn doch dies Gefühl einer Rückkehr der Kräfte inzwischen auch bei Dir eingegangen wäre!
Am Freitag bin ich sogar nach Jahren mal wieder in einem Vortrag gewesen und zwar in der alten Aula, wo wir [über der Zeile] Heidelberger dazumal Kuno Fischer noch sprechen hörten. Es war wie eine Erinnerung aus grauer Vorzeit für mich. Diesmal faßte ich den raschen Entschluß dazu, als ich mittags in der Zeitung unvermutet las, daß Litt sprechen würde! Ich habe so manche ähnliche Gelegenheit verpaßt, daß ich diesmal nicht zögerte, und das Ausfallen der Verabredung mit dem Patienten, den ich malen sollte, begünstigte mich ausdrücklich. So ging ich also recht gespannt hin. Das Thema hieß: Geschichte und das Übergeschichtliche. Die Aula war ziemlich gefüllt und ich saß zufällig neben Prof. Durand, der natürlich so gleich von Dir sprach und den Aufsatz in der Wirtschaftszeitung mit seinen Seminaristen behandelt hat. Er "gibt die Hoffnung nicht auf, doch
[3]
| noch einmal Dich zu einem Vortrag hier zu gewinnen." – (Er hätte sich ja zur Zeit melden können!) Der Vortrag am Freitag fand statt im Rahmen der Heidebg. Universitätsvorträge. —
Ich war sehr gespannt auf die Erscheinung von L., von dem man mir gesagt hatte, er habe Ähnlichkeit mir Dir. Aber das kann ich nicht finden, nur im Vorbeigehen fand ich Kopfform und Genick an Dich erinnernd. – Der Vortrag war selbstverständlich sehr klar und gut aufgebaut, von der Gegenwart ausgehend, die in ihrer Wucht erschütternd uns wie eine kosmische Gewalt staunenswert und vernichtend erscheint. Es sei eine natürliche Bewegung in der Gegenwart, sich davor in persönliche Grenzen zurückzuziehen. Aber es sind schon früher solche Katastrophen über die Erde gegangen und [über der Zeile] es sind Marksteine einer allgemeinen Geistesentwicklung zurückgeblieben. Es wäre wohl angebracht in diesem Goethejahr sich zu fragen, wie dieser sich zur Geschichte gestellt habe. Da kam dann aus Briefstellen der Nachwelt, wie ihm, dem stetige Entwicklung des Organischen zur Form, [unter der Zeile] der Sinn des Lebens, das Katastrophale im geistigen Leben
[4]
| sinnlos und widerwärtig erscheint. Sein Sinn des Lebens liegt nur in ruhiger Entfaltung. Auch in seinem Erziehungsroman fällt die Beziehung zum staatlichen Leben mit seinen Problemen aus. Und da wäre es vielleicht erlaubt eine Dichtung der Gegenwart zu nennen, die zu dieser "pädagogischen Provinz" ausdrücklich in Beziehung tritt. Nach einer kurzen Schilderung des Inhalts, der die Welt des Geistes und die Realität des wirklichen Lebens als zwei völlig getrennte Sphären darstellt, soll der Held des Buches durch seine Absage an die ruhige Geborgenheit der geistigen Fortentwicklung uns ein Bild der Gegenwart sein, die in der Bejahung des Lebens auch in seinen zerstörenden Kämpfen über Goethe hinausgehen muß. Gewissermaßen als Entschuldigung schloß der Redner mit einem Citat aus Goethe von der Notwendigkeit eines steten Wandels und Fortbildens. –  – Das alles war sehr reich und klar ausgestaltet, viel Bekanntes und sehr allgemein verständlich.
[5]
| Im Hinausgehen schien mir im Publikum eine etwas erstaunte Reserve zu herrschen, die sich aus Respekt nur zögernd äußerte. Von mir persönlich kann ich nur sagen, daß ich zu lebhafter Opposition angeregt bin. – Herr Buttmi, den ich im Hinausgehen traf, meinte, die Studenten hätten nicht nur "was von Herrn Goethe" hören wollen! Ich bin jetzt gespannt, ob Matusseks auch dort waren und was sie am Mittwoch sagen.
Eine Stunde nach Litt war ein Vortrag über Don Quichotte, auf den ich vorher spekuliert hatte, (vermutlich wie gewöhnlich platonisch), den ich nun aber imstich ließ, denn das wäre doch etwas zuviel auf einmal nach der langen Enthaltsamkeit. Ich hatte meine Unbekanntschaft mit diesem Roman kürzlich als einen Mangel an Bildung empfunden, und vorgehabt, ihn mir bei Paula Seitz zu leihen. Da wäre eine Einführung sehr erwünscht gewesen.

Dienstag, 15.II.  Nun ist der Brief länger liegen geblieben, als meine Absicht war. Aber gestern mußte ich sogar abends zur Arbeit in die Klinik, da der Patient nicht anders kommen konnte!
[6]
| Freilich war die Sache ziemlich ergebnislos, da der junge Dr. mit dem Apparat nicht gut fertig wird, und ihn mir nicht scharf einstellen konnte. Es wird also damit jetzt erst am Samstag vormittag Fortsetzung geben, da dann ein Arzt anwesend sein wird, der den "Fall" schon 1947 behandelte.
Gestern kam nun Dein lieber Brief, der mich über Dein Befinden beruhigte. Ich hatte recht darauf gehofft. Dafür erzählte er von anderen Kümmernissen. Wie leid ist es mir, daß Du einen so lieben Kollegen in Deinem Tübinger Kreis verloren hast! Aber wegen der Vorlesung machst Du Dir vielleicht zu viel Sorge. Ich denke mir, wenn auch viel von den Einzelheiten des Aufbaus ausfallen muß, die Gesamtkonzeption wird doch zum Ausdruck kommen, und auf alle Fälle werden die Hörer ungewöhnlich reichen Gewinn auch davon haben, selbst wenn es ein Torso bleibt. Und im übrigen wollen wir auch da sagen: hoffentlich das nächste Mal!
Wie gern hätte ich diese Vorlesung gehört! Überhaupt verlangt mich so oft nach einer Aussprache mit Dir über alle möglichen Themata. Der Irrtum mit dem Fahrplan damals hat mich doch schmerzlich geschädigt.
[7]
|
Es wird über Bildungsfragen ungeheuer viel diskutiert. Ich lege Dir den Bericht über den Vortrag unsres Kultusministers bei, der mir recht maßvoll über seine Eindrücke in Amerika zu berichten scheint. Es ist eigentlich gerade das Gegenteil von dem, was Litt zu sagen schien: Kultur statt Macht – und nicht die Kritik der pädagogischen Provinz, in der Erziehung zur Politik fehle. Wie kann man überhaupt die Utopie von Hesse, die eine Treibhauspflanze ist, in Vergleich setzen mit der gesunden Bildung tüchtiger und brauchbarer Menschen. Und war der Geheime Rat nicht als Minister auch ein Politiker, wenigstens in der Verwaltung? Daß Katastrophen überwunden werden müssen, und daß nach ihnen auch Neues entsteht [über der Zeile] ist klar, aber es wächst immer aus dem gleichen Samen, nicht durch die Katastrophe, sondern trotz ihrer, und Höhepunkte reifen nur langsam heran. Ich glaube wirklich, daß wir bei Goethe noch immer Rat finden werden.
"Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten –  –  –"
Daß die Unternehmung mit der Cigarrenfirma nicht geglückt ist, betrübt mich. Es ging von Anfang an damit schief. Und ich hatte doch gehofft, durch persönliche Beziehung eine zuverlässige gute Qualität zu erlangen, da die alte Frau immer den Fabrikanten
[8]
| an dem sie sonst manches zu tadeln hat, als Leiter der Fabrik ungemein lobte, und seine Erzeugnisse lobte. Das war also Pech! Laß es gut sein und nimms nicht übel. Es ist nur schade um die unnötige Ausgabe.
Es gibt davon genug nötige! Aber in meiner Kasse sind noch 177 M, sodaß es mit der Rückgabe des Ausgelegten garnicht eilt.
Und nun für heute Schluß, damit der Brief noch mit der nächsten Post fortkommt, sonst trifft er mit dem für Susanne zusammen!
Also nur noch die innigsten Wünsche für ein gedeihliches und zuträgliches Arbeiten. Vielleicht waren die paar notgedrungenen Ruhetage ein wohltätiges Ausruhen. Ich grüße Dich von Herzen!
Deine
Käthe.