Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Februar 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22.II.49.
Mein liebes Herz!
Damit Du nicht etwa denkst, ich hätte die Grippe, will ich wenigstens einen kurzen Brief schreiben, wenn er auch das Porto nicht wert sein wird. Meine Tage stehen unter dem Zeichen des Augenspiegels und ich habe rechte Mühe dabei, wenn es auch nicht einmal die Arbeit selbst ist, sondern das Drum und Dran. Dreimal war ich ohne Resultat deswegen in der Klinik, erst war das Bild in Apparat nicht klar zu sehen, dann fehlte das Vorbild, dem die Arbeit angeglichen werden sollte, dann blieb der Patient aus, dann kam ein Arzt, der endlich den Apparat einstellen konnte – aber jedesmal mußte ich dabei stehen und – Du weißt schon "was?" feilhalten. Nerven und Geduld versagten schließlich, ich war er
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|müdet und verstimmt, ohne irgend etwas geleistet zu haben. Dazu die vergebliche Fahrerei und stundenlanger Zeitverlust ohne Zweck. Jetzt soll nun am Donnerstag wieder ein Versuch stattfinden, zu dem ich daheim Skizzen mache und zwar wieder abends zwischen 7 und 8. So war ich bisher jeden Tag irgendwie damit beschäftigt und behindert, und meine Gedanken waren damit belastet. Hoffentlich bringe ichs nun noch im alten Lebensjahr unter Dach!
Sonst habe ich diesmal garnichts zu erzählen. Ich denke noch öfters an die Extravaganz des Besuches von Litt's Vortrag, und wüßte wohl gern, ob Du auch der Meinung bist, daß im Geistigen die Entwicklung nur in katastrophalen Durchbrüchen vor sich geht. Und dann dieser Vergleich von Hesses Roman mit Goethe! Aber der Vortrag als solcher war ausgezeichnet. – Jetzt will ich mal Schillers Antrittsrede in Jena lesen!
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Am Freitag werde ich Kaffeebesuch haben, die Schwestern Mathy - Franz, Elsbeth Gunzert, Rösel und Frau Buttmi. Nach dem Abendbrot will Frau B. dann Hérancourts und Heinrichs mit mir zum Tee bei sich haben. Alle gingen ja nicht in meine Stube! – Von meiner Schwester kam schon ein Glückwunsch-Päckchen, was ja umgekehrt leider nicht möglich ist. – So werde ich dauernd beschenkt von allen Seiten, und würde doch so gern auch andern Freude machen. Ich bin aber so in meinem engen Lebenskreis eingesponnen, daß mir garnichts einfällt, was dazu dienen könnte.
– Der tägliche Morgennebel, heute sogar Regen, lichtet sich meist gegen Mittag. Sehr schön war der Sonntag, und ich hoffe, Du hast ihn, trotz der durch die Grippe verlorenen Zeit, zu einem Weg ins Freie benutzt zu Deiner Erholung. Das kommt dann doch der Arbeit zugute!
Ich werde an dem so ungebührlich umständlich vorbereiteten 25. wie immer von Herzen Dir
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| nahe sein, dankbar und glücklich, daß ich das darf. Ich werde das neue Lebensjahr beginnen mit dem Glauben an die Dauer der Werte, für die unsre Treue uns Bürgschaft ist. In dieser Gewißheit wollen wir das Alte bewahren durch alle Stürme der Vernichtung.
Und so grüßt Dich in treuer Liebe
Deine
alte Käthe.