Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Februar 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg, 27.II.49.
Mein liebes, liebes Herz!
Nach einer sehr lebhaften Woche ist heute nun ein ganz stiller Sonntag, völlig allein in meinem dunklen Zimmer. Nur einmal erhellte es sich blitzartig, da war die Sonne für Minuten durch die Wolken durchgebrochen, und einmal wurde auch die Küchentür nach dem Balkon plötzlich von einer Böe aufgedrückt, – so fürchte ich, wird dieser erste Sonntag nach dem Semesterschluß nicht geeignet sein, Dir einen wohltätigen Naturgenuß zu schenken. Ich kann nicht leugnen, daß ich mich etwas sorge, weil Du Dir so garkeine Schonung nach der Grippe gönnen konntest. Und mir geht es so unverschämt gut. Ich habe so viel Schönes und Liebes erlebt, daß ich voller Dankbarkeit bin. Nicht gutes Wetter, aber warme Freundschaft hat versucht, Deine fehlende Gegenwart zu ersetzen.
Aber ein lieber Brief von Dir war trotz aller Überlastung doch rechtzeitig da, vorher kam noch
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| die große Geldsendung, und auch das Päckchen, das Susanne wieder schickte, war längst da. Auch über das reizende Bändchen Eichendorff-Gedichte habe ich mich innig gefreut, denn ich liebe ihn. Aber das Allerliebste ist doch Dein Brief! Was Du über die stille Entrücktheit des Alters schreibst, ist mir ganz aus der Seele gesprochen und hat meine Gedanken in letzter Zeit oft bewegt. Es ist mir sogar manchmal wie eine Gefahr für das reale Leben erschienen, für das man heut leider besondere Aufmerksamkeit braucht. Mir ist es eine symbolische Erscheinung des menschlichen Lebens, daß die Augen sich selbst immer mehr auf die Ferne einstellen. Und in manchen Äußerlichkeiten kann ich das Altsein geradezu als einen Vorzug betonen, und als das Recht, dies und jenes abzulehnen. Ist es nicht auch eine gute Seite dabei, daß man sich dem Ende dieser irdischen Plage nähert?
Trotz allem höre ich es aber doch immer gern, wenn man mir versichert, daß ich garnicht so alt erscheine. So ist der Mensch, "mit seinem Widerspruch"! Aber haben wir nicht von je nach dem "Zeitlosen" gestrebt?
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| So kehren wir immer wieder zu uns selbst zurück, vertiefter und gesicherter.
Sehr wohltuend war mir die wirklich herzliche Art, in der mich meine hiesigen Freunde gefeiert haben. Ich wurde sehr beschenkt und von auswärts bekam ich trotz meiner grenzenlosen Briefschulden über 15 Postsachen. Das kann Dir freilich nicht imponieren, aber für mich ists viel. – Auch Rudolf Nitsche erfreute mich durch einen sehr schönen Primelstock, und ist in diesen Tagen überraschend umgänglich gewesen. Es wäre hübsch, wenn das vorhielte.
Von Matusseks habe ich in letzter Zeit wenig gesehen, und so konnte ich noch nicht nach dem Götze-Klaren fragen. Vor 10 Tagen kam der jüngere Bruder allein, und sprach von einer längeren Erkrankung des andern. Da ich seitdem nichts mehr hörte, ging ich gestern in der Psychiatrischen mit heran, fand aber den Dr. wieder soweit gesund und im Dienst. Mittwoch wollen beide kommen, dann höre ich wohl auch etwas Näheres. – In dem Vortrag von Litt waren leider beide nicht. Ich hätte gern von ihnen ein Urteil gehört. Was mich betrifft, so habe
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| ich doch neulich gleich dazu gesagt, daß der Vortrag als solcher vorzüglich war, klar, folgerichtig entwickelt und reich an Gedankenbeziehungen. Aber sachlich hatte ich Einwände und ich hatte das Gefühl, daß das Niveau etwas zu populär gehalten war, und daß vor allem das Urteil über Goethe oberflächlich war. — Daß in Weimar ein treuer Bewahrer aufgehört hat, zu wirken, beklage ich mit Dir. Wir sind ihm, s. Z. auf der Straße begegnet, ein stattlicher, lebhaft sprechender Mann. Er war wohl in seiner Bedeutung ein Nachfolger Eckermanns, treu im Dienen. – Ein ähnliches Lebensbild schien mir Dein Glückwunsch für Wundt zu zeichnen. –
Ist Dir das neue Buch von Hellpach schon begegnet? Nach der Besprechung scheint es vom Badischen Blickpunkt aus orientiert zu sein. – Also Krüger kommt nun wirklich hierher! Da will ich doch dann aufpassen, daß ich ihn mal reden höre Ich war in den letzten 10 Jahren doch der Heidelberger Geisteswelt sehr fern gerückt. –
In der "Neuen Zeitung" hat gestanden, daß Du nach London eingeladen bist, wie mir Heinrichs
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| sagten. Und Du schreibst, es sei "ein halber moralischer Zwang." Ich denke, wenn Du Dich einigermaßen entlasten kannst und erholst, dann wäre solche Reise recht interessant. Die Fahrt als solche, von Frankfurt in 4½ Stunden per Luftschiff wäre ein Genuß und ohne jede Beunruhigung. Du bist ja am Bodensee schon mit unserm Zeppelin gefahren. Ich habe mir von je gewünscht, fliegen zu können, aber selbständig, ohne Maschine. Da werde ich wohl auf die Engelsflügel warten müssen. Wie lange noch? Und ob sie sicher sind?
Vorläufig hat mich die Freude beflügelt, mit der meine 77. Lebensjahr geschlossen (oder angefangen) hat. Schon am Abend vorher war die Arbeit in der Klinik endlich gut in Gang gekommen, und das macht viel für meine Stimmung. Da neige ich sonst garzu leicht dazu, die Schuld in einer Abnahme meiner Fähigkeit zu suchen. — Und das freundschaftliche Zusammensein am Nachmittag beim mir und des abends bei Frau Buttmi verlief beides so wohltuend, daß es
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| noch belebend in mir nachklingt. Auch der selbstgebackene Kirschkuchen fand freundliche Anerkennung und alle waren lieb zu mir. Ich wünsche Dir herzlich, daß Euer Zusammensein am Sonnabend ebenso erfreulich war.
Bei mir hat zwar die gewünschte Flasche Wein gefehlt, aber Stimmung war schon da, und außerdem ist mir eine Flasche Apfelsaft geschenkt worden! An das Kaufen von Wein hatte ich aber schon von selbst gedacht, falls Du mal wieder hier Station machst. Ich kann ja sonst das viele Geld garnicht verwenden!
Bei meiner so unverdient gesicherten Lage fällt mir dann Gretel Schwidtal mit ihrer neuen Sorge ein. Wendet sich nicht in Deiner großen Korrespondenz mal jemand an Dich um eine Leiterin für ein Kinderheim? Ich bürge dafür, daß man Frl. Margarete Schwidtal empfehlen kann. —
Ob Du den Sonntag etwas Ruhe haben konntest? Im ganzen scheint die Witterung Euch günstiger
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| gewesen zu sein, aber Du konntest sie nicht benützen. Hier hat es z. B. am 24. mörderisch gegossen. Gestern habe ich nun endlich ein Päckchen an Euch abgeschickt, dessen Inhalt längst geplant und endlich zustande gekommen war. Hoffentlich findet das früher beliebte Gebäck auch heute noch Deinen Beifall und die Glimmstengel von der alten Firma auch. Ich habe soviel Weißmehl und auch Eier kaufen können, daß ich das unbedingt verwerten mußte! Und so hoffe ich nach und nach auch andere gute Vorsätze ausführen zu können.
Jetzt aber will ich diesen Brief schließen und schlafen gehen, damit ich morgen frisch bin zur Arbeit. Habe innigen Dank für alles, was Du mir schenktest und was Du mir bist.x [li. Rand] x stammt das Bild auch aus Mainz? Auch der kleine Artikel im Tagesspiegel entspricht so ganz meinem Fühlen und Wünschen, aber – "mir fehlt der Glaube," daß wir die Neugestaltung noch erleben werden. Aber – Du bereitest den Weg! Und so beginne ich mit Dir ein neues Jahr in immer gleicher Liebe.
Deine
Käthe.

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Bitte grüße auch Susanne sehr herzlich und sage ihr meinen Dank für das reichhaltige Päckchen nochmals. Ich habe erst jetzt die einzelnen Herrlichkeiten ausgepackt und mich daran erfreut. Sogar "Kuchen" war dabei, sehr gute, selbstgebackene Plätzchen, neben denen die meinen nur dürftig sind! Nur die für Dich sind friedensmäßig!