Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11./13. März 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. März 1949
Mein geliebtes Herz!
Ich will nicht bis zum Sonntag warten, bis ich Dir den hübschen Brief von Hannelore schicke, und nun kann ich auch gleich für den Deinigen danken, der heute kam. Ich hatte schon sehr großes Verlangen von Dir zu hören, denn nach dem Grundton Deiner letzten Nachrichten war ich in stiller Sorge, daß es Dir gesundheitlich garnicht gut ginge. Und mit der Befürchtung hatte ich ja nicht ganz Unrecht. Und es ist ja wirklich ein Mißbrauch, den der Staat mit seinen besten Kräften da treibt, indem er solche Examenseinrichtungen aufstellt. Wird das nun für Dich wenigstens die Zeit bis zum 21. etwas erleichtern, oder handelt es sich nur um einmaligen Erlaß, den Du erreichtest? Wie ist denn die Methode bei den Examen anderswo gewesen? Es ist wohl auch ein Auswuchs des zeitgemäßen Organisierens, das mit Men
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|schen wie mit Schachfiguren umgeht, daß solche Verordnungen gemacht werden.
Der Brief von der Reichenau freute und betrübte mich gleichzeitig. Vielleicht hast Du inzwischen auch von dort schon direkt gehört, aber wohl kaum hast Du die netten Bilder und so ausführliche Nachricht gehabt. Wenn es nicht zu mühsam ist, erbitte ich beides zurück. – Es ist in Deutschland jetzt oft ein begonnenes Studium abgebrochen worden, und in diesem speziellen Fall wäre wohl ein Umsatteln schon früher richtig gewesen. Aber Hannelore hatte sonst die Neigung nicht, einmal Mohrenwirtin zu werden und es freut mich um der Eltern Willen, daß sie jetzt zu dieser Einsicht gekommen ist. – Ihre Bemerkung, daß Du im April doch einen kurzen Besuch machen möchtest, würde mich sehr erfreut haben, wenn es nicht anscheinend vorläufig durch die andauernde Beschlagnahme verhindert wäre. Aber irgend eine Dir gemäße Erholung ist doch dringend nötig. Hast Du denn wohl
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| sonst irgend etwas in Aussicht genommen?
Es war ja im Mohren bei mangelnder Wärme immer etwas riskant im Frühling. Aber all die lieben Erinnerungen, die einen dort umgeben sind so wohltuend, daß sie sicher der Seele wohltun würden. Und das wirkt doch auf den ganzen Menschen!

13. März. Die große Müdigkeit ließ mich am Freitag nicht weiterschreiben, und auch gestern, am Geburtstag Deiner lieben Mutter, kam ich nicht dazu. Nun war heute ein stiller Sonntag, den ich mir von allen Verpflichtungen frei halten konnte und der noch besonders unter dem Zeichen der endlich beendeten Arbeiten für die Klinik steht. Das Wetter war trübe, wie magst Du ihn verlebt haben? Ich habe ein behaglich warmes Zimmer, nachdem ich gestern so viel unterwegs war, daß ich garnicht erst geheizt hatte. Es ist ja zum Glück wieder weniger kalt draußen. –
Da ja hier im Hause nicht de geringste persönliche Verkehr für mich besteht, habe ich öfter des Abends noch einen kleinen Besuch bei den früheren Nachbarn gemacht. Bei Buttmis sind
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| immer allerlei Familiensachen zu erzählen und zu bedenken. Bei Héraucourts macht das Befinden der Tochter von neuem Sorge, denn sie hat an Händen und Füßen wieder geschwollene Gelenke und etwas erhöhte Temperatur. Die Ärzte sind nicht dafür, daß sie sich legt, sondern empfehlen maßvolle Bewegung, damit sie nicht steif werde. Es macht den Eindruck, als sei nicht viel zu machen. – Im ganzen ist wohl auch die Jahreszeit etwas schuld an allerlei Mißbefinden, denn ich habe auch viel Gliederschmerzen und Steifigkeit, worüber auch andre Leute gegenwärtig klagen. – Ich zähle die Tage bis zum 21., der Dir endlich das Ende der Plage mit den Examen bringen wird. Mache Dir dann aber auch wirklich mal etwas richtige Ferien. Es braucht ja kein Nichtstun zu sein, aber eine Tätigkeit nach Wunsch! Ach, wenn ich doch noch die Möglichkeit hätte, wie in der Rohrbacher Straße, Dir eine behagliche Zuflucht zu bieten, oder ein Heim, wie bei unserem Tanting in Kassel!
Schreibe mir doch bald mal nur eine Karte, wie es Dir geht! Mit den herzlichsten Wünschen grüßt Dich innig
Deine Käthe.

[li. Rand] Grüße auch Susanne vielmals und Ida.

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Fast hätte ich versäumt, Dir für die Drucksache zu danken, die gestern, am 12.III. bei mir eintraf. Ich las ganz langsam, und ich bin ergriffen von der mystischen Glut des Erlebens, das Deine Worte vermitteln. Du weißt ja, wie diese Einfühlung in das Allleben mir liegt. Aber gerade daran leidet man eben heute doppelt!