Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. März 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg, 21.III.1949.
Mein liebes Herz!
Heut ist nun also der Beginn der so lange schon erwünschten Ferien. Freilich wird es nicht allzu fühlbar sein, denn es ist natürlich unendlich viel aufzuarbeiten. Aber es wird nun doch wohl etwas mehr zusammenhängende Ruhe zu häuslicher Arbeit bleiben. Oder ist wieder eine Epoche durchreisender Besuche? – Gestern fand ich in dem kleinen Band "Freiheit" von Treitschke den Artikel, den in hiesiger Zeitung s. Z. Ella Gaß dem Andenken an die Freundschaft Ihres Vaters mit Treitschke gewidmet hat. Welch eine Welt des Friedens weht einen aus solcher Schilderung an! Sie zeichnet das Bild des Vaters im Gegensatz zu dem Feuerkopf Tr.’s als den stillen, weltfernen Gelehrten und wahrscheinlich hat ja auch die große Verschiedenheit der Temperamente die Dauer dieser Freundschaft verbürgt. Aber welch bedeutende Männer waren damals auch gleichzeitig noch hier und wie reich war das Leben! Wenn ich solch eine Schilderung glücklicher Heidelberger Jahre lese, dann gibt es
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| mir immer einen Stich ins Herz, daß nicht auch Du eine solche Zeit froher Entfaltung in dieser milden Atmosphäre haben konntest. Mit wieviel Kämpfen war Dein Weg von anfang an belastet und doch – welch rascher Aufstieg! Im Rückblick kann man doch immer nur das Schicksal segnen! Jetzt ist es nur wieder nicht leicht, sich in die notwendige Beschränkung durch das Alter zu finden.
Bei dem Rote-Kreuz-Vortrag bist Du wahrscheinlich recht gefeiert worden. Und von der Tagung auf der Comburg hörte ich schon durch Frau Buttmi, die sehr bedauerte, nicht mehr im Amt zu sein, also nicht teilnehmen könnte. – Und was hast Du denn für Osterpläne? Schade, daß die Reichenau noch immer nicht zugänglich ist! Ich glaube, es wird für das Haus keine Entscheidung fallen, ehe nicht auch größere Fragen entschieden sind. Oder vielleicht wird es zum Frühling wieder mit Kindern belegt. – Ich habe manchmal recht Sehnsucht nach dieser unserer stillen Welt. Und seit Weihnachten war es meine Absicht, mal wieder an Emmy zu schreiben. Du sagtest auch
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| im Januar, daß sie garnichts mehr von sich hören ließe, das bestärkte mich auch in dem Entschluß und ich dachte mirs heimlich sehr schön, wenn wir dort mal wieder zusammen sein könnten. Auch weiß ich schon länger, daß Susanne sich sehr freuen würde, mal einige Tage bei ihrer Schwester sein zu können, und so würde uns beiden ein Wunsch erfüllt, wenn Deine Pläne sich damit vereinigten.
Es ist seltsam, daß man das Plänemachen und hoffen einfach nicht lassen kann. Selbst die Leute, die am vorigen Mittwoch ihre Koffer packten, um mit ihnen dem "Weltuntergang" zu entgehen!, hofften doch, davon zu kommen. Sie haben die Katastrophe in einer falschen Richtung gesucht und glauben sie jetzt überstanden zu haben. Aber man braucht doch nur die politischen Nachrichten mit Verständnis zu verfolgen, um zu wissen, daß sie noch nicht vorüber ist. Was hältst denn Du von dem Tauschhandel, der mit uns getrieben werden soll? Ganz abgesehen davon, daß er ein deutsches Gemüt in tiefster Seele empört, ist es doch ein recht durchsichtiges Manöver. Ist es nicht ein recht naives Verlangen
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| von den Franzosen, daß die Amerikaner allein die Kastanien aus dem Feuer holen sollen? Und für mich persönlich würde damit die Zonengrenze noch verstärkt! Sie ist mir schon immer ein stiller Schmerz, ganz abgesehen von ihrer vaterländischen Bedeutung, denn dagegen nützt auch die relative räumliche Nähe nichts. Aber schön ist es, daß Du Dich in dem stillen "Diebinge" wohlfühlst. Denn es ist, wie auch Treitschke von sich sagt, bei Dir: "ich bin nur politisch ein Preuße, menschlich fühle ich mich in Süd- und Mitteldeutschland heimischer wie im Norden."
Von meinen Freunden hier habe ich zu berichten, daß Hanna Heraucourt nicht wirklich geheilt ist. Sie hat viel Schmerzen und überwindet sie nur tapfer, um nicht ganz steif zu werden. – Paula Seitz hatte die Grippe, als ich ihr den Don Quihote zurück brachte, und so habe ich sie nicht gesprochen. Das Buch habe ich nur ziemlich flüchtig durchgelesen; es ist von einer fabelhaften Erfindungsgabe, aber doch von einer mir unerträglichen Ausführlichkeit. Das muß man bei andrer geistiger Verfassung lesen. Die Tendenz des Buches, die verdorbene Lektüre der Zeit ad absurdum zu führen, läßt mich etwas Ähnliches
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| für die Gegenwart wünschen, die sich in Kriminalromanen ergeht.
Am Sonntag habe ich meine schöne Schreibezeit durch einen Besuch verloren, der recht ausführlich und unnötig war: Frau Kühn! Ich frage mich immer: was will sie wohl von mir, denn sie ist doch im Unfrieden fort? Diesmal aber brachte sie 2 Eier und 2 vorzügliche Dampfnudeln. Ich muß mich natürlich revangieren, aber es ist mir recht unbequem. Und mein Verdacht ist es, vielleicht zu Unrecht, daß sie "erben" möchte!
Augenblicklich habe ich unnötig viel Geld im Haus, und ich möchte Dich bitten, für den Mai nichts zu schicken. Vorhanden sind noch über 300 M, und nachx [li. Rand] x denn auf der Verwaltung hatte man jetzt kein Geld! dem 1.IV. habe ich von der Augenklinik 82 M. zu bekommen, außer der üblichen 37,20 Rente. Ich kann also sogar an den Luxus denken, mir jetzt ein paar gute Schuhe zu kaufen, und die Klötze, die mir solche Schmerzen machten, abzuschaffen. Ich glaube, man tut im Augenblick gut daran, wer weiß, ob die Preise weiter fallen.
Und mit dieser Prosa will ich für heute den
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| Brief schließen und ihn mitnehmen in den Postkasten, damit er morgen früh um 7 Uhr mit fortgeht. Ich will zu Buttmis, denn ich lese mit Mutter und Tochter Deinen Herder-Vortrag und wir haben viel davon. Es ist eine recht verständnisvolle Gemeinsamkeit, und wir machen es gründlich.
Hoffentlich geht es Dir weiter so "normal", oder lieber noch besser! Sei von Herzen gegrüßt, und grüße auch Susanne und Ida.
Deine
Käthe.