Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. März 1949 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg, 27.III.1949
Mein liebes Herz!
Wo Du wohl diesen Sonntag gewesen bist? Mich hat die herrliche Sonne draußen, aus meinem Zimmer ins Freie getrieben und ich ging unter Vermeidung schattiger Straßen bis etwa an den Platz, wo wir nach der gleichzeitigen Vertreibung den tröstlichen Tropfen pfälzer Wein zusammen tranken. Am Abhang saß ich ein Weilchen im Grase und ruhte die Seele im stillen Ausblick über die weite zart verschleierte Rheinebene. Vor mir zog eine bunte Menge vorbei; der richtige Osterspaziergang und alle waren sichtlich befreit nach der langen Dunkelheit. Wie schön ist Heidelberg und wie nahe der Natur!
Ich wäre froh, wenn Du hier die kurze Zeit, die Du Deiner Erholung gönnen willst, zubringen könnest! Aber ich habe leider immer den Eindruck, daß es zu viel Mängel für Dich bekommen
[2]
| hat, und ich habe keine Möglichkeit, sie zu umgehen. Wäre wenigstens die Tagung vom 1.–5.IV. statt auf der Comburg! Warum hat sich dieser Professor Durand so garnicht bemüht!! Und für privaten Aufenthalt ist hier ja alles beschlagnahmt. Ich lege Dir das Verzeichnis bei, das im Heidelberger Amtsblatt bei, das von 20 Hotels nur 5 als zugänglich erkennen läßt. Dagegen ist es ja in Rohrbach üppig! Lockt Dich die Rose garnicht?
Heute war wieder der alljährliche Sommertagszug, schon seit Tagen das wichtigste Ereignis für die Kinder. Ich habe es nicht einmal zu einer der üblichen Brezeln gebracht; aber ich habe mir viel Marmelade gekauft, da sie seit gestern markenfrei ist, und ich sehr auf Obst erpicht bin. —
Die Beschäftigung mit Herder hat mich veranlaßt, das Baltenbuch wieder vorzunehmen und ich bin tief bewegt von dem Schicksal dieses tapferen Deutschtums, das durch Jahrhunderte dem Anprall von Osten in beständigem Kampfe
[3]
| standhielt. Es hatte eben doch einen Rückhalt am Bestand Deutschlands, wenn auch keine materielle Hilfe. Aber jetzt, wo ist unser Halt? Nur im metaphysischen wird er der Menge nicht zugänglich sein, denn mit den Dogmen haben doch viele gemeint die Religion erledigt zu haben. Den Wert des Menschentums in der göttlichen Bestimmung des Menschen zu suchen scheint aussichtslos in einer Zeit, die so intensive Bemühung lediglich für seine materielle Existenz erfordert. Und wie greift die Genußsucht um sich jetzt, wo wieder die üppigsten Kaufmöglichkeiten geboten werden. Woher nur das viele Geld dafür herkommt? Natürlich bietet sich die Kirche als Heilmittel an, aber sie hat für den heutigen Menschen doch zu viel von der Art der Diktatoren der letzten Epoche. Darum brauchen wir eine zündende Predigt, die allen das "höhere Kulturgewissen" wachruft, daß die "Umschaffung der Person als Kulturträger" vollziehen hilft. Deine "Magie der Seele" hat den Weg dazu gezeigt, Deine gesamte Lehrwirkung formt in diesem Sinne. So wird es auch auf
[4]
| der Comburg sein und fruchtbar weiterwirken, denn es sind Lehrer. (dD. h. ich verwechsele wohl diese Tagung mit der, die Frau Buttmi gern besuchen möchte?)
Es ist ja wirklich schwer, in diesem heutigen Chaos den göttlichen Sinn zu spüren, und man möchte zweifeln, ob Gott sehe "daß es gut war!" Es steht doch auch geschrieben: es reuete ihn – ich fürchte, wir haben das gerade zu erleben! Und so tun wir gut daran, es wie der Mann im Syrerland zu halten! Freuen wir uns, daß wieder eine wärmende Sonne strahlt! Wie licht wird es in Deinem schönen Arbeitszimmer sein! Mögest Du recht ungestört darin sitzen können und den Druck der Sorge vor drohender Überlastung abschütteln. Wolle nicht mehr als Deine Kräfte hergeben, sonst bist Du ja doch unbefriedigt.
Ich hoffe, Gutes von Dir zu hören, vor allem, daß du das Maß der Arbeit etwas ferienmäßig gestaltest. Meine letzte Nachricht war die Karte vom 17.III.! Sei innig gegrüßt und grüße auch Susanne herzlich.
Deine
Käthe.