Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. April 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. April 1949
Mein liebes Herz!
Also morgen um diese Zeit willst Du in Überlingen "vor Anker gehen"! Du kommst hoffentlich zu Lande dort an, denn nach dem hiesigen Wetter zu urteilen, wäre es auf dem Wasser etwas ungemütlich. Herzlich wünsche ich Dir, daß der April bald guter Laune wird, damit Du Dich mit Behagen im Freien aufhalten, bequeme Wege machen und in der Sonne sitzen kannst! – Der Anker wird vermutlich in der Nähe der Landestelle, nahe der Münsterkirche sein, und ich wünsche Dir herzlich, daß er Dir einen sympatischen Aufenthalt bietet, so etwa wie die Linde in Freudenstadt, damit Du recht ungestört zum Genuß der Freiheit von allen Belästigungen und unliebsamen Pflichten kommen kannst.
Dieses Gefühl der Gelöstheit vom täglichen Druck habe ich mir am vorigen Sonnabend, eigentlich ohne Plan und Absicht gegönnt. Ich hatte einige Besorgungen in der Stadt, hatte bei der Verwaltung der Kliniken endlich mein
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| Geld bekommen, Krankenschein und neuen Zusatz besorgt, und dann Rösel Hecht besucht. Energisch wie sie ist, nötigte sie mich auf ihren Liegestuhl im Garten, wo ich in der Sonne rasch einschlief, dann mit ihr zu Mittag aß, und nachher wieder in der herrlichen Luft mit ihr im Freien Ruhe hielt. Nun war ich so aus der täglichen Ordnung gerückt, daß ich die Freiheit weiter auszunützen beschloß und in das Siebenmühlental ging, dort am Abhang im Kaffee Sonnenbad auf der Terrasse Kaffee und Kuchen bestellte, und mich an dem weiten Blick über die sonnige Ebene erlabte und dabei auch –  – in meinem kleinen Bodenseeführer las, was er von Überlingen alles zu berichten hat. Aber eigentlich habe ich ja das viel besser und schöner in meinem Sinn gegenwärtig und so genoß ich auf dem frühlingsschönen Hintergrund der Gegenwart eine ebenso lebendig gegenwärtige Erinnerung. Auf meinem Tisch stehen noch einige von den zarten Anemonen, die ich mir auf dem Rückweg mitnahm, und die
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| den ganzen Waldboden wie einen Teppich bestickten. Es waren schöne, ungehemmte Stunden!
Jetzt heißt es wieder flicken, waschen, einkaufen, kochen etc. Und auch zu zeichnen habe ich wieder, 3 Tabellen für den Sohn Engelking, zu einer paläontologischen Arbeit; weniger anziehend als nützlich; aber sachlich interessant. –
Und wie mag es auf der Comburg gewesen sein? Daß die Magie neu erscheint, freut mich sehr. Sie ist schon lange vergriffen. Aber vermutlich ists die Tübinger Ausgabe ohne die Weltfrömmigkeit – leider!
Die Gründe Deiner Ablehnung, hier einen Goethevortrag zu halten, verstehe ich, aber es ist mir schmerzlich. Es ist wie ein Verhängnis, das mich jeder Möglichkeit, Deine Wirkung in der Öffentlichkeit mitzuerleben, fernhält. Wie wundervoll war das damals in Berlin, 26.VI.32!
Für heut laß mich nur noch die herzlichsten Wünsche für einen erfolgreichen Verlauf dieser wenigen Ruhetage beifügen. In Gedanken werde ich viel bei Dir sein, ohne Dich zu stören!!
Viel innige Grüße von
Deiner
Käthe.