Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17./18. April 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. Ostersonntag
1949
Mein liebes Herz!
Der strahlende Sonnenschein erhellt heute auch mein lichtarmes Zimmer, umso mehr, als gerade zum Fest das Haus gegenüber vom Malergerüst befreit wurde und nun in Elfenbeinweiß förmlich selbstleuchtend geworden ist. Draußen ist festliche Stille, die Menschen sind wohl fast alle gegangen, um die wundervolle Baumblüte zu bestaunen, ist sie doch wieder einmal so herrlich "wie noch nie!" Ich aber habe mich auf den stillen Ostertag gefreut, um recht in Ruhe und Sammlung mal wieder an Dich schreiben zu können.
Du hast mir mit Deinen beiden Karten, überhaupt mit den letzten Nachrichten auch von der Comburg viele Freude gemacht. Es war nach so manchen Mißständen am Semesterende mal wieder eine gute, erfreuliche Zeit. Ich denke Du wirst recht österlich befreit und
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| belebt heimgekehrt sein. Aber erschreckt hat mich die böse Überfahrt nach Allensbach. Ich hatte Dich eigentlich von vorn herein vor Kahnfahrten warnen wollen im Gedanken an die Tücke des Sees bei stürmischem Wetter, und war recht beruhigt, als Du erwähntest, es sei kein Boot auf dem See zu sehen. Aber bei Allensbach hatte ich keine Gefahr vermutet, obgleich wir dort auch schon Ähnliches erlebten. Es ist jetzt ja doch Motorbootverkehr gewesen und den hielt ich für sicherer als früher. – Daß auch die Insel Dir nicht das war, was Du davon erwartet hattest, bedauere ich recht. Du wirst Dich erinnern, daß schon durch die Heirat von Emmi ein fremdes Element ins Haus kam. Vielleicht, wenn sie anwesend gewesen wäre, hätte das ausgleichend gewirkt. Das traurige ist, daß der Franzel gestorben ist, der wäre sicherlich ihr Sohn geworden, die Hannelore ist wohl mehr sein Kind. Sie klagte einmal gegen mich, daß die Tochter so garkeinen Sinn fürs Haus hätte. Der Brief von Hannelore, den ich Dir mitschickte,
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| schien ja darin aber Besserung zu melden. Ich glaube, daß für mich die Bedingungen dort nicht so von den Menschen abhängen wie für Dich. Mir ist es mehr die schlichte und weite Natur, die eindrucksvollen Kirchenbauten, und all das tiefe Erleben, für das dies alles nur Hintergrund war und das ich in immer gleicher Lebendigkeit in mir trage. Drum sage ich nicht "nur noch Erinnerung!"
Du hast auf Deinen lieben Karten mehr berichtet, als ich im längsten Brief schreiben kann. Es wird mir überhaupt immer schwerer, mich dazu aufzuraffen und meine Briefschulden sind erdrückend. In mir ist oft eine unüberwindliche, lähmende Müdigkeit.
Heute habe ich den Tag damit begonnen, daß ich die Ostergeschichte in den drei ersten Evangelien gelesen habe und war wieder ganz ergriffen davon, wie einfach und eindringlich dies alles erzählt ist, doppelt eindrucksvoll in dieser Zeit der Sensationen und Tendenzen.
Es beschäftigt mich auch, daß bei den Gesprächen der philosophischen Arbeitsgemeinschaften beide male das "Gewissensthema" gewählt wurde.
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| Das ist kein Zufall, denn es ist doch da ein wirklich erschreckender Verfall vorhanden. Immer wieder wird man durch die täglichen Ereignisse daran gemahnt. Und ich selbst muß mir die Verantwortung vor dem Leben einmal wieder recht ernst vor Augen rücken, denn ich habe ja zu einem müden Sichgehenlassen geneigt. Wie vieles blieb bei der guten Absicht stecken! –  –
Auch Matussek beschäftigt sich ja viel mit dem Gewissensproblem. Von ihm habe ich den Auftrag, Dir sehr herzliche Ostergrüße auszurichten. Er schriebe gern selbst, aber er ist in etwas beunruhigter Situation. Prof. Schneider hat in einem Brief erwähnt, daß er zu stark von seiner wissenschaftlichen Arbeit in Anspruch genommen sei und dem täglichen Dienst nicht genug Aufmerksamkeit widme. M. hält das nun für mißgünstige Beeinflussung durch gewisse Collegen und ist sich keiner Versäumnis bewußt. Er hat schon länger über allerlei Schikanen bei mir geklagt, und meint, daß die Methode seiner psycho-therapeutischen Behandlung, die schon offenbare Erfolge bewiesen habe, mit die
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| Ursache für Verstimmung einiger Mitassistenten sei. Er beteilige sich nicht an dem untätigen gemeinschaftlichen Warten auf das Erscheinen des Chefs zur Visite, sondern tue seinen Dienst und erübrige möglichst viel Zeit für die eigene Arbeit. Offenbar hat er sich eine gewissen Sonderstellung geschaffen, die Neid erregte, bei denen, die es nicht zu eigner Produktion bringen, wie er meint. Der Chef versichert ihm zwar gleichzeitig die Absicht, ihn definitiv anzustellen, aber am liebsten würde er diese unerfreuliche Situation aufgeben. Ich habe sein Schwanken zu einer einlenkenden Erklärung unterstützt, und er wollte auch selbst versuchen, etwas [über der Zeile] mehr Rücksicht auf das dienstliche Dekorum zu nehmen. Auch empfindet er es als ungünstig, daß seine Ansichten in gewissem Grade von denen Schneiders abweichen, und er fühlt sich da auf der Seite des Fortschritts. Kurz, er ist in einer kritischen Lage, und kam am Charfreitag morgens, um sich auszusprechen, denn der Bruder war fürs Fest in Marbach.
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Nach all den starken Schwankungen der Temperatur ist hier jetzt sommerliche Wärme. Ich glaube es war gut, daß Du es für Deine große Wanderung am 12. noch weniger heiß getroffen hast. Nur das Einregnen auf dem Gnadensee war vom Übel, und ich hoffe nur, daß es ohne Erkältung vorbei ging. – Es hat sich auch außer im Mohren dort ja recht viel verändert. Hörtest Du an Ort und Stelle etwas über das Internationale Institut Schloß Mainau? Wir sehen im Geist dort noch eine vornehme Tradition lebendig! Wird da nun ein neues Leben von geistiger Höhe beginnen? Man ist immer so skeptisch bei solch offiziellen Neugründungen!
Inzwischen hat Marie Baum hier den 75. Geburtstag gefeiert und ist sehr anerkannt worden. In Wieblingen, der Taddenschule, hat man sie im Kreis der Herzogin Anna Amalie empfangen, was sehr hübsch und gelungen gewesen sein soll. Ich höre von dergleichen immer bei Frl. Schupp.
Weniger erfreulich berichtete meine Zeitung über
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| die Publikation des Lustspiels der Charlotte von Stein. Ich finde es traurig, daß dieses Nachspiel eines echten und großen Erlebens immer wieder ans Licht gezogen wird. Warum diesen unnötigen Beweis erbringen, daß die Frau der Größe ihres Schicksals nicht gewachsen war? Ich hole mir den Band der Tagebücher und Briefe Goethes [über der Zeile] an sie aus Italien wieder vor, da ist das Echte bewahrt!
Etwas Modernes, das mich anlocken würde ist von Günter Schulz in meiner Zeitung besprochen: Von Gottfried Benn "der Ptolemäer". Kennst Du den Schriftsteller? Da scheint mir auch das gestaltet zu sein, was Du in dem kleinen Aufsatz im Tagesspiegel aussprichst: "auch im Untergang kann das Tiefste des geistigen Menschen noch triumphieren." –

— 18. April. Wo magst Du diese einzig schönen Ostertage zubringen? Ob Ihr in Alpirsbach seid? Ich habe wieder ein überraschendes, sehr gehaltvolles Paket von Euch bekommen und werde noch an Susanne dafür herzlichen Dank schreiben. Auch Kuchen gab es bei mir, nämlich von Frau Steidel in Kirchheim, den die Tochter am Charfreitag mitbrachte, als sie
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| zu mir zum Kaffee kam. Ich habe für dies wirklich reizende junge Ding eine rechte Vorliebe. Sie ist so aufgeweckt und feinfühlig, für eine Bauerntochter so geistig interessiert, daß man immer überrascht ist, und seine Freude daran hat. Sie sprach viel von "ihrer Lehrerin", und es kam heraus, daß diese mir bekannt ist durch Buttmis. – Auch in den Volksschulen sollen nun dies Jahr Goethefeiern stattfinden und Vater Buttmi macht sich allerlei Gedanken darüber. Lieder und Gedichte vorzutragen gäbe es genug, aber etwas in Prosa oder Dramatisches sei für das Verständnis nicht leicht zu finden. Er sucht nach einem kleinen Lustspiel oder dergleichen über Goethes Jugend, das dem Schulalter angepaßt wäre, hat aber bei den einschlägigen Verlagen nichts aufgetrieben. Gibt es da nicht vielleicht etwas mit dem Graf Thoram? –
Draußen zieht sich ein Gewitter zusammen, und man hofft, daß es den sehr ersehnten und notwendigen Regen im Gefolge haben wird. Die Blüte ist ja schon zum großen Teil vorbei und die Äpfel haben noch kaum angefangen zu blühen. –
Wann beginnt denn das neue Semester? Und was kündigst Du an? Wird der Euch verbliebene Kollege seine gewohnte Tätigkeit wieder aufnehmen?
Ich grüße Dich sehr, sehr herzlich.
Deine
Käthe.