Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. April 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27. April 1949
Mein liebes Herz!
Die innige Freude, die Du mir mit Deinem lieben Brief vom Ostermontag gemacht hast, hätte einen schnelleren Dank verdient! Und nun ist inzwischen noch vorgestern wieder eine große Geldsendung gekommen, obgleich ich Dich bat, diesmal einen Monat auszusetzen. Ich bin Dir so dankbar für Deine treue Hülfe, aber ich möchte sie doch nur so weit in Anspruch nehmen, als es wirklich notwendig ist! Ich will doch nicht Großkapitalist auf Deine Kosten werden! Und es sammelt sich bei mir von Monat zu Monat, obgleich ich garnicht übertrieben spare. So habe ich im Moment 475 M im Hause und am Sonnabend noch die kleine Altersrente zu bekommen. So viel Geld habe ich nicht gern in Vorrat, und zu Bank oder Sparkasse habe ich kein Vertrauen mehr. Es ist dort seit Jahren alles zinslos eingefroren. Rate mir doch mal, was ich tun soll?
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Vor allem aber habe tausend Dank für alles! Ganz besonders daß Du mir trotz der aufgesammelten Post solch ausführlichen lieben Brief schriebst. Auch all die guten Nachrichten auf den Bodenseekarten waren eine innige Freude. Daß Du nochmals auf die Steinpalmen gingst war wohl auch ein wenig Fernwirkung, denn dorthin dachte ich immer ganz besonders. Der Garten vom Badhotel wird wohl leider nicht zugänglich gewesen sein. – Aber das alles liegt nun schon sehr weit hinter Dir, ich wünsche aber sehr herzlich, daß die erfrischende Wirkung von jenen Tagen recht fühlbar geblieben ist. Und jetzt, diesen Sonntag, wo wart Ihr da? Ich male mir aus, auf dem schönen Weg an der Achalm, denn dafür ist doch jetzt die Jahreszeit. Bei uns war dieser Sonntag von wunderbarer Schönheit. Ich habe aber weder in den Ostertagen noch [über der Zeile] am Palm Weißen-Sonntag etwas unternommen. Damals war ich zu müde, und am 24. mußte ich zur Gratulation zu Hoffmanns, (geb. Drechsler) wo der ältere Sohn zur ersten Kommunion ging.
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| Dazu war auch der Onkel aus Karlsruhe hier. Ich fragte ihn nach seiner Arbeit und er erzählte, daß er durch seine Lehrtätigkeit an der Schule und Hochschule, wo er über Pädagogik u. Bildung zu lesen, hat, leider sehr wenig an eigene Tätigkeit komme. Auch ist ja sein häusliches Leben in zwei Zimmern mit zwei Kindern und einem dritten in Sicht nicht gerade eine sehr ruhige Arbeitsgelegenheit. Er sprach aber befriedigt von seiner Lehraufgabe.
Am Montag hatten wir einen entsetzlich schwülen Tag, an dem man sich sehr schlapp fühlte; ein Gewitter stand über der Pfalz, von dem wir aber nichts bekamen, nur ist seitdem allerlei sehr erwünschter Regen gefallen und es hat sich enorm abgekühlt.
In dieser Kühle war ich nun seit vor dem Weltkrieg zum erstenmal wieder in Mannheim. Hedwig Mathy gab den Anstoß, daß ich den Wunsch, dort die Lehmbruck-Ausstellung zu sehen, auch ausführte. Es war mir sehr, sehr lohnend, einmal wieder echte Kunst zu sehen und der große Eindruck beschäftigt mich anhaltend.
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| Es heißt, diese Ausstellung war auch in Tübingen, hast Du sie gesehen? Vielleicht, wenn einem dieser Mann in seiner starken Eigenart begegnet, lehnt man ihn zunächst ab. Ich habe eine seiner Skulpturen schon vor Jahren in Frankfurter Städel gesehen und das blieb eine ungelöste Frage in mir. Hier nun sind eine große Menge Plastiken und unzählige Zeichnungen. Man sieht in das Wollen und Schaffen von Jahren hinein und man beklagt, daß es vor der Zeit abbrach. An Bedeutung möchte ich ihn mit Rembrandt vergleichen. Es ist keine Verklärung des Lebens, aber ein überwältigender Ausdruck seelischer Deutung. Es war wie eine Fortsetzung meiner Lektüre der Goethebriefe aus Rom, wo er den ewigen Wert antiker Kunst erlebt. Hier ist auch etwas von zeitloser Gültigkeit geschaffen. – Ich wollte, wir könnten das einmal zusammen sehen! – Vielleicht ist es sinnbildlich, daß er vor der Vollendung scheiterte.
Jetzt, ehe Matusseks kommen, möchte ich den Brief noch zur Post bringen. Deshalb nur einen eiligen Schluß muß vielen sehr herzlichen Grüßen,
Deine Käthe.