Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Mai 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3.[unter der Zeile] /6. Mai 1949.
Mein liebes Herz,
Du siehst am Datum, daß ich vorhatte, Dir zu schreiben, aber es wollte nicht dazu kommen. Mir war es seit anfangs der Woche nicht recht gut, und da beherrschte mich eine große Müdigkeit. Aus dem täglichen Leben war nichts mitzuteilen und so schob ich die gute Absicht von Tag zu Tag weiter. Dich weiß ich jetzt in der Hochflut des Semesterbeginns und hoffe, daß Du Frische und Kraft dafür von Überlingen ausreichend mitgebracht hast. Ich empfinde die Witterung mit dem beständigen krassen Temperaturwechsel als recht anstrengend und ich hatte mir wohl dabei auch nun zum Schluß noch einen kleinen Grippeableger zugelegt. Frl. Dr. Clauß hat mir gestern Infludo verordnet, daß ich auch damals bei der Tagung auf der Reichenau nahm; ich bin aber weder erkältet, noch habe ich sonst irgendwelche Beschwerden, nur etwas fiebrig fühle ich mich und da ist mir möglichst viel Bettruhe angenehm.
Heut war ich allerdings bei dem wunderschönen Sonnenschein in Kirchheim in der Apotheke, und machte dabei einen Gang über die Felder, die überall schon bestellt und zum Teil in reichem Gedeihen sind. Landschaftlich ist das hier so schön mit den vielen Obstbäumen dazwischen und dem Hintergrund der Odenwaldkette nach Wiesloch zu, auf deren Höhe wir ja auch manchmal wanderten. Ich finde, daß die Jahreszeiten garnicht mehr innegehalten werden, es blüht alles zugleich. Heute sah ich schon Akazienblüten im Aufbrechen!
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Am Mittwoch abends um ½ 9 kamen, als ich schon gerade ins Bett gehen wollte, die Brüder Matussek. Sie waren direkt von Marbach gekommen, wo sie die so lange schon kranke Schwester begraben hatten. Was eigentlich ihr Leiden war, weiß ich nicht so recht. Man sprach immer davon, daß sie viel an Asthma litt, und das war wohl nun auch die Todesursache. Aber außerdem litt sie ja auch an Schizophrenie. Die Brüder waren sehr traurig und meinten, sie sei trotz allem doch ein Mittelpunkt ihrer Familie gewesen. Sie hängen alle sehr an einander und vielleicht war gerade die stete Sorge um die kranke Schwester Veranlassung, daß sich alles um sich drehte.
Paul M. war gleich sehr eifrig bestrebt, mich ärztlich zu beraten, und ich finde auch seine Verordnung sehr einleuchtend, wenn ich sie auch nicht ohne Frl. Dr. befolgen wollte. Jetzt nehme ich von beiden, was mir entspricht. Und voll allem entspricht mir Liegen und Ruhe, wozu M. sehr energisch riet.
Darum verzeih, wenn ich diesen inhaltlosen Brief schon schließe. Vielleicht kommt er dann doch Montag früh schon bei Dir an. – Ich habe liegend die lebensvollen Goethebriefe aus Italien, und jetzt nun noch die ausgestaltete "Italienische Reise" mit großer Aufmerksamkeit gelesen. Aus der eignen Erinnerung kommt dann hinzu, was einem von dem in Reproduktionen zugänglich war, was einem Goethe damals als eine neue Welt aufging. Es ist mir viel von neuem lebendig geworden. – Auch über Lehmbruck und die moderne Kunst habe ich noch weiter nachgedacht. Wie schade, daß ich nicht mal mit Dir darüber sprechen kann!
Aber noch mehr liegt es mir am Herzen zu wissen, wie sich die Situation mit Krüger gestaltet hat. Ob Du alles nach Wunsch gestalten kannst und ob der neue Assistent einschlägt? Daran denke ich mit lebhaften Wünschen und Dich und den "Anhang" grüße ich herzlich.
Innig und treu
Deine Käthe.