Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8./11. Mai 1949 (Heidelberg)


[1]
|
Sonntag abend. 8.V.49
Mein liebes Herz!
Mit dem Alter soll man weniger Schlaf brauchen. Davon merke ich nichts, "im Gegenteil", das Schlafbedürfnis nimmt bei mir ständig zu. Ich muß öfters denken: "so ihr nicht werdet wie die Kinder!" Bin ich vielleicht dabei kindisch zu werden? Es wäre gut, wenn ich dann wenigstens im wachen Zustand recht tatendurstig wäre, aber damit ist nicht viel zu wollen. Und so ist auch heute der schöne Sonntag recht inhaltlos vergangen und ich hatte doch so viel Briefe schreiben wollen. Der Sonnenschein ließ mich wünschen, daß Du irgend einen hübschen Weg machen würdest, um Dich nach der ersten Semesterwoche recht
[2]
| wohltuend zu entspannen. Ich habe eigentlich sehr lange nichts gehört und allerlei Fragen kreisen in meinem Kopf umher. Aber ich will Dich nicht plagen, sondern in Geduld warten. Du wirst mir schon von selbst berichten!
Der Anstoß durch die Zeitungsnotiz über das Lustspiel der Frau von Stein hat mich recht eigentlich in zeitgemäße Goethelektüre versetzt. Nach den Originalbriefen von 1786 las ich die offizielle Italienische Reise und ich bin sehr erstaunt, wie man aus vielen Bruchstücken und Erinnerungen ein so einheitliches lebendiges Ganze machen konnte. Es wirkt auf mich wie unmittelbares Erleben, denn man fühlt mit welcher Intensität alles ergriffen und gestaltet ist.
Heute war nun wieder etwas auf Goethe Bezügliches in der Zeitung: von Ernst R. Curtius, "G. oder Jaspers?" – Du weißt ja, daß ich den Fragwürdigen nicht liebe, aus mancherlei Gründen! Aber diese Auseinandersetzung hat
[3]
| mich erschreckt, als hätte ich einer Prügelei beigewohnt. So sehr ich mit dem Herzen bei denen bin "für die er gesprochen hat", so sehr finde ich daß der Ton verfehlt und gehässig gesteigert ist. Man könnte eine persönliche Differenz vermuten und Frau J. wird sagen: "Er ist neidisch auf den Goethe-Preis!" Schade, daß diese Zurechtweisung so über das Ziel schießt, daß sie an Wirksamkeit einbüßt.
Ich bin so froh, daß Du niemals Dich in solche Polemik einläßt. Du hast es nicht nötig. Schon damals, als Du Kritik abwehrtest in rein sachlicher Form, war mir das eigentlich für ihn zuviel Ehre. –  –  – Vor längerer Zeit las ich mal den Bericht über einen Vortrag, daß [über der Zeile] in dem Jaspers gesagt hätte "wir hätten uns nicht genug mit Goethe beschäftigt". Und ich behielt es, weil ich dachte: "warum hat er es denn nicht getan?" und mich ärgerte seine anmaßliche Ignoranz. Jetzt sagt er "ich kann auch anders!"

Am 11.V. Da blieb nun am Sonntag mein Brief stecken, während Du mir so viel und so Gutes berichtetest. Gestern kam
[4]
| Dein liebes Schreiben und hat mich ganz besonders erfreut. Jetzt wüßte ich nur gern, wo und wie dieser Theo eigentlich lebt? Wie schön ist doch dieser Nachklang einer so unbeschreiblich schweren Zeit! –  – Ist Professor Leese Philosoph in Hamburg? – Soll ich wünschen, daß Flitner herkommt? Ich könnte ja denken, daß es ein Magnet mehr in Heidelberg für Dich wäre. Aber eigentlich habe ich so gern Dein Inkognito hier, und fürchte eine Konkurrenz! – Übrigens, wie ist das mit der Fahrt nach Marburg? Würde dabei wohl diesmal die Möglichkeit für den damals verfehlten Spaziergang bestehen? Wie dankbar wäre ich für eine Stunde ruhigen Gespräches, denn es ist doch trotz all Deines lieben getreuen Schreibens noch immer viel, was mir zu fragen bleibt.
– Ob Du wohl meinen Schrecken über die scharfe Form, wie Curtius den Carlos Apostata abkanzelt, recht zimperlich findest? Ich bin
[5]
| ja sachlich mit seiner sittlichen Entrüstung durchaus eines Sinnes, aber die Form des Kampfes scheint mir zu wenig vornehm. Heut lese ich nun, daß Curtius jetzt statt Deiner nach Chicago eingeladen ist, zur Goethefeier zu sprechen. Das freut mich, denn das wird sicher keine "Kritik", sondern eine würdige Vertretung deutschen Geistes sein. –
Ich glaube menschlich wäre es für Dich erfreulicher, wenn die fraglichen Berufungen für Wenke hier und für Flitner bei Euch bestünden. Wie es beruflich stände, weiß ich freilich nicht. Auf alle Fälle bin ich froh, daß Du mit dem Semesterbeginn zufrieden bist. Mögen die 16 Auserwählten sich bewähren.
Ganz perplex bin ich, daß ich Dir über das Bild von Halbritter nichts geschrieben haben soll. Das ist einfach unverständlich. Laß Dir aber auch jetzt sehr für die Übersendung
[6]
| herzlich danken. Ich dachte dabei gleich an den Weg von Rottenburg, am Rande des Neckartals, wo du mir davon sprachst, und ich finde auch, daß es von allen Versuchen, Dich zu porträtieren, der am besten gelungenste ist. Es scheint mir ein Beweis für die richtige Erfassung des Typischen, daß ich im ersten Augenblick dabei auch an Deinen Vater erinnert wurde. Der geistige Ausdruck von Auge und Stirn ist sehr lebendig; aber weniger entspricht mir der Mund, der fester und energischer in der Linie sein sollte. Ich habe mich in letzter Zeit so viel mit der Photographie aus Mainz unterhalten, die immer vor mir auf dem Tisch steht und in die ich alles das hineinsehen kann, was ich in Dir lebendig weiß. Das ist bei der geprägten Auffassung eines andern weniger möglich.
Du erwähnst in Deinem Brief auch das Thema Morgener, das ich auch auf jenem Weg von Rottenburg kennen lernte. Ist denn der Vater so schlecht gestellt? Hat er keine Pension?
Die Verlobung von Cilli Oesterreich erfreut mich auch herzlich. Eine Anzeige habe ich nicht
[7]
| bekommen. Du warst damals in den Zeiten des Confliktes nicht dafür, daß ich weiter an sie schrieb. Und damit hat sie wohl die Beziehung für abgebrochen angesehen. Inzwischen hat sie sich zwischen Euch ja wieder hergestellt, d. h. mit Cilli selbst; mit den Eltern wohl kaum. Es wäre ja auch nur Flickwerk. Aber es ist betrüblich, daß auch in Bildungskreisen die kleinlichen Schwächen wie Neid und Mißgunst so herrschend bleiben. – Jetzt werde ich ihr aber auch einen Glückwunsch schreiben.
Und über die üble Auseinandersetzung von Curtius mit Jaspers finde ich in unserer Zeitung die Ablehnung Wohlgesinnter! –
Deine liebevolle Aufforderung, nicht ängstlich mit den täglichen Ausgaben zu sein, hat mich bewogen einige Anschaffungen zu machen, die allmälig ziemlich dringend wurden. Denn der alte Besitz ist so verbraucht, daß es bei vielen Dingen kein Flicken mehr gibt. So habe ich mir heute eine neue Einkauftasche zugelegt, und Stoff zu einer Küchenschürze und einem Rock habe ich auch angeschafft. Man bekommt sonst wirklich das Gefühl zu verprolitarisieren.
[8]
|
Was Du von der Caux-Aufführung? sagst, berührt in mir die allgemeine Tendenz der Gegenwart, amerikanischen Geschmack nachzuahmen. Es ist eine fremde Welt, zu denken und zu fühlen, die uns infiziert werden soll. Wie wohltuend berührt da die Goethelektüre! Freilich der Reisebericht von Frankfurt bis Tübingen ist ungemein nüchtern, nur das Landschaftsbild wird hie und da anschaulicher geschildert. Überall sieht der Herr Minister auf den Anbau und die Verwaltung. Auch die Geologie geht ständig nebenher; es ist überhaupt, als ob er fortwährend dem Leben den Puls fühlt. Was würde er sich gefreut haben, wenn er in Mauer schon dem Pithecantropus begegnet wäre! – Sehr viel unmittelbarer sind die Berichte von 1775[unter der Zeile] /77, die ich mir schon vorher gesucht hatte. Jetzt 97 tritt das Persönliche sehr zurück.
Doch ich will diesen kunterbunten Brief noch zur Post bringen, drum für heute, lebewohl! Woher kommt uns nur diese ständige Müdigkeit?! Bei mir hat sie doch keine Berechtigung!
Sei von ganzem Herzen gegrüßt und habe weiter Geduld mit Deiner schläfrigen und vergeßlichen Freundin! Ich grüße auch Susanne und Ida, und <li. Rand> bin immer in treuem Gedenken Deine Käthe.
[Kopf] Amüsiert hat mich die Schwerfälligkeit der veralteten Einrichtungen in Tübingen. Und ich denke an die Examen<Wortteil unleserlich>.