Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15./18. Mai 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15.V.1949
Mein liebes Herz!
Der Luxus eines behaglich warmen Zimmers hat mir den Sonntag sehr verschönt. Es ist ja nicht so sehr der Geiz, was mich oft am Heizen verhindert, als vielmehr die Mühe und der Schmutz, den es mit sich bringt. Auch bin ich ja viel in der Woche nicht in der Stube, teils in der Küche, teils im Dorf oder in der Stadt, oder bei Bekannten. So auch z. B. gestern! Da fand ich beim Milchholen auf dem Schulhof eine junge Meise, die verzweifelt gegen eine Mauer flatterte, offenbar zu früh aus dem Nest gefallen war. In der hohlen Hand trug ich das kleine Lebenwesen mit dem angstvoll klopfenden Herzchen zu einer Frau im Hause bei Hérancourt's, die einen Zeisig im Käfig groß gezogen hat, der ihr kürzlich fortflog und nach ein paar Tagen gerupft mit halbem Schwanz freiwillig wieder zurückkam. Das war mir ein Zeichen ihrer Befähigung und sie nahm sich auch gleich des neuen Schützlings mit Liebe an. Am Abend hörte ich, daß er sich
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| einzuleben scheine. Ob es eine Meise mehr oder weniger gibt, ist ja gewiß nicht wichtig, aber ich kann solch lebendiges Geschöpfchen nicht hülflos verkommen sehen!
Im Übrigen aber waren die Gedanken bei den Berlinern. Möchte doch die augenblickliche Wendung der Verhältnisse, die ja mit ziemlicher Skepsis aufgenommen wird, sich zum Besseren auswachsen! Überall begegnet man den gleichen Themen, die die Leute beschäftigen. Da ist noch immer der Artikel von Curtius, der sowohl Kritik als auch lebhafte Zustimmung findet. Da ist die Entrüstung über die Tatsache, daß Thomas Mann die Goetherede in Frankfurt halten soll! Sage mir, wer hat denn das zu bestimmen gehabt? Ich bin ganz unwissend über diese ganze Institution. Es liegt nahe zu vermuten, daß da ein schwächliches Bestreben zur "Wiedergutmachung" zu grunde liegt.
Einen sehr schönen Nachmittag habe ich gestern erlebt. Frau Franz hatte mich aufgefordert teilzunehmen, da bei ihnen im Hause musi
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|ziert werde: Geige, Gesang, Klavier. Wir waren nur zu viert, die zuhörten, und es war mehr ein frohes, erstes Zusammenspiel der drei Musikerinnen: Gretel Franz hatte die Klavierbegleitung, Frau Schönherr war die vorzügliche Sängerin, und Fräulein Harnack spielte die Geige. Sie hat mir einen starken Eindruck gemacht durch eine sehr ernstes, gehaltenes Wesen und ein sehr inniges, klangschönes Spiel. Sie ist die Schwester des Neffen von Adolf H., der als Opfer des Nazismus mit seiner Frau umkam, und lebt jetzt als Musiklehrerin mit ihrer Mutter in Neckargemünd. Es wurde von ihr gesagt, daß sie sehr unter Depressionen leide und auch noch darunter, schwerhörig zu sein. Wenn man direkt mit ihr spricht, versteht sie es wohl, aber nicht im größeren Kreise. – Es wurden Arien von Händel gespielt, die sehr schön waren. Und Frau Schönherr sang da noch Goethelieder und einiges von Schubert und Schuhmann. Sie hat wirklich eine herrliche Stimme; zur Sängerin ausgebildet, hatte sie geheiratet und
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| nach ganz kurzer Ehe den Gatten durch einen Unfall bei der Badischen Anilinfabrik verloren, wo er als Chemiker tätig war. Sie hätte seitdem den Gesang aufgegeben, aber jetzt ist der Trieb zur Musik in ihr wieder so mächtig geworden, daß sie von neuem begonnen hat. Das Spiel gestern war ein erster Versuch in Gemeinschaft mit den beiden Andern.
Ich bin ja nicht musikverständig, aber gute Musik wirkt unmittelbar auf mein Empfinden und hat mir etwas zu sagen – entweder ganz direkt oder durch Erinnern an früher Erlebtes. So sprach mir der Händel auch von Deinem Spiel bei meinem letzten Besuch in Tübingen, wo er mir bedeutender und tiefer verständlich geworden war, als je zuvor. – Und dann: Über allen Gipfeln ist Ruh – da sah ich die Hütte auf dem Schwalbenstein, und den Rückweg über das Gabelsberger Jagdschloß – wie lange, lange ist das her, und doch ist es noch heute gegenwärtig! –
Zwischen der Musik gab es noch Tee und Kuchen, kurz, es war in jeder Weise genußreich!

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Mittwoch. 18.V.49.
Endlich Fortsetzung, nachdem gestern Dein lieber Brief mich so unerwartet rasch nach dem vorigen vom 8. Mai überraschte und sehr erfreute. Mache Dir keine Sorge, daß ich Dich auf den wunderschönen Plan eines Zusammenseins in der Pfingstwoche festlegen möchte, aber schon der Gedanke ist mir eine Herzensfreude, und doppelt wird er es sein, wenn er Wirklichkeit werden sollte. Ich werde nach Möglichkeiten der Unterkunft mich erkundigen. Von einem längeren Aufenthalt in Maulbronn habe ich freilich noch nie gehört. Aber freuen würde es mich, wenn Du es kennen lerntest. Da wäre wohl Wimpfen eher eine Gelegenheit. Aber sollte der "Notfall" eintreten, so fürchte nicht, daß ich Dich mit der "Köchelei" behelligen würde. Es gibt jetzt allerlei gute Gaststätten, also könnte das ganz nach Wunsch eingerichtet werden. Ein solches Wiedersehen von ein paar Tagen würde mir einen in der Stille gehegten großen Wunsch
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| erfüllen, denn ich empfinde trotz Deines treuen ausführlichen Schreibens doch immer sehr, wie vieles ungesagt bleiben muß. Es ist überhaupt augenblicklich eine so ereignisreiche Zeit, in der man gern über vieles Wichtige sprechen würde.
Die Ausschnitte aus unsrer Zeitung betreffend CurtiusJaspers schicke ich Dir mit. Solltest Du sie behalten wollen, ist mirs recht. Sonst möchte ich sie gern selbst aufheben, und Susanne ist vielleicht so gut, sie mir wieder zu schicken. – Das Bildchen von Wimpfen hatte ich schon vor einiger Zeit für dich ausgeschnitten, im Gedenken an unsern Ausflug dahin, bei dem Du so entsetzt über die schmutzige Stadt warst, die gerade in der Zeit der Weinernte und der Treber stand. Und dann kam der Rückweg nach Rappenau über die von Feldmäusen wimmelnden Äcker. Das waren nicht gerade sehr verlockende Eindrücke, und ich weiß nicht recht, ob eine sonst noch lohnende Umgebung in der Gegend ist?
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Ich hatte heute die Brüder Matussek erwartet, aber es kam nur der jüngere, mit dem ich mich immer recht gut vertrage. Vom Dr. erzählte er, daß er seit anfangs der Woche garnicht wohl sei und zu Bett liege. Was eigentlich vorliege, wußte er nicht genau zu sagen, er fühle sich schwach und glaube sich für einen Vortrag überarbeitet zu haben. Ob eine Infektion bestände, wäre nicht anzunehmen, da er kein Fieber habe. – Mein Mißbefinden war ja auch so unmotiviert und angreifend, daß ich mich zunächst ernstlich krank fühlte und dann verging es doch schnell.
Jetzt will ich aber doch den Brief noch spät in der Kasten bringen, drum laß Dir nur noch innigen Dank sagen und viel liebe Grüße! Gruß auch an die beiden Andern von Deiner
Käthe.