Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22./23. Mai 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22. Mai 1949.
Mein liebes Herz!
Ich sitze auf dem Balkon, und da ist das Schreiben ohne Tisch recht unbequem. Aber ich habe das Feld für mich, denn Geschwister Nitsche sind den ganzen Tag fort, und da kann ich die gute Luft auf dem Balkon genießen. Den Nachmittag war ich zu Kaffee und Kuchen bei Heinrichs, wo eine ganz lebhafte Unterhaltung zustande kam. Wir haben allerlei gemeinsame Interessen und meist ein gutes Einverständnis. Herr Heinrich hatte kürzlich eine Art Herzanfall, und da er über 80 ist, macht das natürlich Bedenken. Er ist aber wieder ziemlich wohlauf. Seine Frau sagte mir, nachdem sie bisher recht bedauert hatte, daß Du nicht nach England gegangen seist, sie wäre doch jetzt froh darüber, nach dieser Attacke ihres Mannes, die doch vielleicht eine Folge ihrer Englandreise sei. Das trifft natürlich sehr mit meinen Gefühlen zusammen; denn solche Reise wäre für Dich mit ganz anderen Anstrengungen und Erregungen verbunden als bei ihnen der Familienbesuch bei den Kindern.
Jetzt aber liegt mir natürlich der Ausflug in
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| der Pfingstwoche stark im Sinn. Ich habe auf dem Plan die Umgebung von Wimpfen studiert und habe auch dort wegen eventueller Unterkunft angefragt. Noch ist keine Antwort da. Aber Bedenken macht es mir, daß man doch in dem schönen Badhotel auf dem Berg bei jedem Ausgang wieder hinaufklettern muß. Auch ist die Umgegend sehr arm an Wald. Das Gleiche gilt von Maulbronn. Und doch hat beides seine großen Reize. Es kommt nun darauf an, was Du bei dem Aufenthalt am meisten anstrebst. Ob Gegend zum wandern oder Ruhe. Natürlich hängt auch viel vom Wetter ab. Ich möchte Dir nur nicht vorenthalten, was mir dabei weniger günstig scheint. Ob ein Unterkommen zu Maulbronn möglich ist, weiß ich nicht. Ein nettes Gasthaus liegt unmittelbar am Klostereingang, aber ich kenne nur den Garten daneben, wo wir einkehrten. Innen soll es an der Wand Silhouetten von Klosterianern geben. Auch könnte man ja eventuell in Bretten übernachten, meinte Frau Heinrich. Aber was soll man dort?!
Mir ist ja im Grunde alles recht, und es ist mir nur Hintergrund. Aber es gibt schöne und weniger schöne Hintergründe.
Und schön wäre bei gutem Wetter auch unser
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| Heidelberg: Aber augenblicklich ist wieder mal täglich Gewitterneigung. – Was denkst Du übrigens von Eberbach? Von dort gibt es viel hübsche Umgegend, auch ohne Kohlers zu besuchen, die sich wenig um mich kümmern.

Montag abends. Ich habe die Schweizerreise von 1797 gelesen und es ist mir viel Selbstgesehenes dabei wieder lebendig geworden. Und außerdem merkte ich auch, wieviel ich dabei eigentlich nicht gesehen habe, und man möchte wohl manches davon noch einmal aufsuchen können. Es ist doch sehr einleuchtend, wie Goethe alles in einen großen Lebenszusammenhang gerückt sieht. – Ich las in der Zeitung von der Goethe-Ausstellung in Bielefeld, wie man bemüht sei, möglichst ein Bild der damaligen Lebensbedingungen darzustellen, in dem Zusammenhang der äußeren Gegebenheiten. Wir müssen doch von vielem abstrahieren, was uns Selbstverständlichkeit ist, um uns in die Welt zu versetzen, die die Menschen damals umgab. Und doch ist auch wieder so oft als ob alles nur eine Wiederholung des Gleichen sei, wenigstens in Bezug auf die Wirkung in uns. In gleichen Cottaband mit der Schweizerreise steht die Campagne in Frankreich und verlockte mich
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| sie wieder zu lesen. Wie viel sagt sie einem heute nach den eignen schweren Erlebnissen. Ich hatte beinah nichts davon behalten und was für Bilder der jüngsten Vergangenheit illustrieren jetzt die knappen und schonenden Berichte der soviel gnädigeren Ereignisse einer traurigen Niederlage. –  –
Heute habe ich den ganzen Tag mit einer mühsamen Flickerei meines Mantels zugebracht. Und noch ist er nicht fertig. Es ist ein Elend, wie alles zerreißt!
Die Landwirtschaft erklärt sich ja jetzt mit der Belieferung von Regen für befriedigt, aber der Himmel scheint noch nicht Schluß machen zu wollen. In meinem Zimmer ist es immer ziemlich kühl, und ich war heute mal nicht vor der Tür. Ob Ihr noch heizen müßt? Wenn die Sonne scheint, wohl kaum.
Sobald ich von Wimpfen Antwort bekomme, schreibe ich Dirs. Und wenn ich sonst noch Nachricht einholen soll, laß michs wissen. Ich bin begierig, wofür Du Dich entscheiden wirst, und wünsche herzlich, daß Wetter und sonstige Bedingungen sich nach Wunsch gestalten. Auf alle Fälle aber bin ich in stiller Vorfreude. Viele innige Grüße von
Deiner
Käthe.

[li. Rand] Auch Susanne herzlichen Gruß, aber noch immer leider keinen Brief! Ich bin ein Faulpelz.
[li. Rand S. 1] Die Druckfahnen C.J. wirst Du bekommen haben. Jetzt stand noch in der Neuen Zeitung ein Artikel von Andreas Bauer pro Jaspers.