Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Juni 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Juni 1949.
Mein liebes Herz!
Nachdem Du in der Ferne zwischen den Bäumen meinen Blicken entschwunden warst, wandte ich mich schweren Herzens wieder nach Wimpfen zurück. An der Kirche war weiter nichts zu sehen, da man sie innerlich nur bei Führung betreten kann und ich hatte ja keine Zeit der Aufforderung zum Klingeln Folge zu leisten. Also zurück zum Bahnhof. Kurz vorher kam mir ein Autobus entgegen, in dem ich unsere hustende Nachbarin zu entdecken glaubte. So hättest Du vielleicht den weiten Fußweg ersparen können. Aber in dem Kiez ist da nichts bekannt gemacht. – Ich versuchte in einer Konditorei nach einer Tasse Kaffee zu fragen, aber es war zufällig keine Bedienung anwesend und warten wollte ich nicht, so ging ich nochmals
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| ein Stückchen den Weg aufwärts, den wir gerade herunter gekommen waren, und blickte vergeblich nach der Fähre bei Jagstfeld aus. Zu meinem Bedauern fand ich in meiner Tasche noch das letzte Stück Kuchen; allein und betrübt wie ich war – aß ich es auf. Du bist ohne Regen in den Zug gekommen und ich fuhr dann in völlig gutes Wetter hinein. Die Bahn war pünktlich und der Anschluß zur Elektrischen ohne Rennerei tadellos. Müde wie ich war, ging ich bald schlafen und bedauerte Dich, der Du eine so lange Fahrerei aushalten mußtest. Es war eine recht ungleiche "Hälfte" des Weges, die Du Dir zugemutest hast. Überhaupt ist Dir wohl in diesen Tagen manche Entbehrung zugemutet, anstatt daß sie eine Erholung gebracht hätten. Das bedaure ich ganz besonders. Denn für mich war es in jeder Beziehung schön. Die äußeren Unzulänglichkeiten berühren mich weniger, für mich ist es schon eine Wohltat, ein paar Tage nicht selbst für alles sorgen zu müssen. Und dann ist doch in meinem Bewußtsein nichts als Deine
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| liebe Gegenwart. Der Himmel hat seinen Sonnenschein gespart, damit er mir umso fühlbarer von Dir käme! Aber heute war hier ein strahlendes Wetter –  – wozu?! Vormittags Einkauf im Dorf, dann nachmittags zur Waschfrau in Ziegelhausen. Kohlschwarze Gewitterwolken im Westen haben vermutlich in der Pfalz sich ausgetobt, hier gab es nur wenige Tropfen, nachdem ich wieder zuhaus war. Bei Rehbergers war wieder eine große Sorge. Der Mann ist in der Klinik mit schweren Magenblutungen.
Wie froh bin ich, daß Du trotz aller Anstrengungen einen gesunden Eindruck machst. Die gute Pflege daheim wird auch das Manko in Wimpfen hoffentlich rasch ausgleichen.
In mir klingen nun unsere Gespräche nach und geben meiner Seele neuen Auftrieb. Es ist freilich noch mancherlei unberührt geblieben, wovon ich gern etwas von Dir gehört hätte. Du weißt ja, ich bin immer so bereit, Deinen Gedanken zu folgen und bis eine etwaige Zwischenfrage möglich ist, habe ich sie wieder vergessen. – Eine wesentliche Angelegenheit
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| war mir die Sache mit der Goetherede in Frankfurt, die ich doch gut an Deine Erwähnung von Kippenberg hätte anschließen können. Mir ist übrigens hier schon gesagt worden, was natürlich immer mein Gedanke war: Daß diese Aufgabe Dir gehört hätte. Nun kann sich Tübingen rühmen, Dich dafür gewonnen zu haben.
– In dem Gedanken, den Du zu Grunde legst, werde ich jetzt die Reise von 97 noch einmal lesen und überhaupt, auch sonst mir Zugängliches.
Für heut aber will ich Dir nur noch einmal sagen, wie ich Dir von ganzem Herzen danke, daß Du mir diese zwei Ferientage geschenkt hast. Ich wollte nur, sie wären auch für Dich so erholend gewesen.
Grüße Susanne und auch Ida.
Ich denke Dein in Dankbarkeit und Liebe.
Deine
Käthe.