Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Juni 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Juni 49
Mein liebes Herz!
Schon seit Tagen wollte ich Dir schreiben, welche große freudige Überraschung ich hatte, als ich entdeckte, daß in der neuen Auflage der "Magie der Seele" nun die Weltfrömmigkeit auch mit enthalten ist! Das Buch, das Du mir in Wimpfen gabst in dem Augenblick, als ich noch halb betäubt war von dem so unprogrammgemäßen Verlauf Deiner Ankunft, lag hier jeden Abend griffbereit an meinem Bett; aber ich war täglich so ermüdet, daß ich nicht mehr lesen konnte. Endlich am Dienstag, also fast eine Woche nach unserem Zusammentreffen, schlug ich es auf und fand die zweite Vorrede. Ich hatte so garnicht an die Möglichkeit einer Veränderung gedacht, daß es mir war, wie neu geschenkt, daß nun das Buch nicht mehr als Torso in die Welt gehen mußte. Denn gerade die Weltfrömmigkeit war mir seiner
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| Zeit wie eine Offenbarung und sie ist auch der Unmittelbarste und Impulsivste der drei Vorträge. Mir war es die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches, den ich schon vor unserer Bekanntschaft lebhaft in mir trug: es müsse jetzt jemand kommen, der Glauben und Wissen wieder versöhnte! Denn das religiöse Verlangen in mir war immer lebendig, aber Glauben war mir gleichbedeutend mit dogmatischer Gebundenheit und damit konnte ich mich nicht abfinden. Wohl hatte ich durch Dich gelernt, gedanklich Religion und Kirchenglauben zu unterscheiden, aber diese klare Durchleuchtung der seelischen Einstellung war mir wie eine Rechtfertigung meines Suchens und meines Weges! – Und wieder wie damals empfand ich jetzt die Schilderung der Naturauffassung nicht beseelt genug, um dann gegen den Schluß hin auch im Wissen die erlösende Kraft aufgezeigt zu finden. Das alte Exemplar des Buches von der Evangelischen Verlagsanstalt steht in würdigem Einband in meinem Bücherschrank, und nun kann auch die Tübinger Auflage in
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| ihrer beglückenden Vollständigkeit daneben stehen und wird unter keinen Umständen verliehen. Aber ich habe gleich, damit der "arme Autor" auch daran was verdient, ein Exemplar gekauft, das bereits in Gedanken den verschiedensten Eigentümern zugeteilt ist. Jedenfalls wird es nicht das letzte sein, das durch meine Hände geht, denn ich kenne seine lebensvolle Wirkung, die ich auch andern vermitteln möchte.
Was Du von der Ablehnung durch die Evangelische Theologie schreibst, ist hoffentlich nicht auf die Dauer zutreffend. Ich habe von den mir zugänglichen Stellen nur Zustimmung gehört. Es waren allerdings keine prominenten wie Dibelius, der wohl für sein Kirchenregiment davon Gefahr fürchtet. – Hier hat ein Nauenheimer Geistlicher, den Hedwig Mathy sehr verehrt, sogar versucht, Dein Buch in seinem weiblichen Bund vorzulesen, aber da ging es etwas über das Niveau. Es waren wohl zu viel fromme Seelen dabei. Im hiesigen Kirchenblättchen war am letzten Sonntag auch ein sehr bezeichnender Artikel: Hier irrt Goethe. Diese Menschen haben garkeine Ahnung, wie beschränkt
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| sie sind in ihrer starren Wortgebundenheit. Der Verfasser hieß auch bezeichnender Weise Wallach. –
— Den Dr. Matussek habe ich noch nicht wiedergesehen. Am Mittwoch kam nur der Bruder, der am Bodensee gewesen war, per Anhalter, und mit einem Bekannten. Sie haben im Kloster Hegne gewohnt, billig und gut, und haben die Reichenau und Mainau gesehen. Paul M. war eingeladen für einige Tage in die Schweiz, und er hatte eine Erholung nötig. Ich bin begierig, was er davon berichten wird.
Mich beschäftigt vor allem was Du mir bei unserem Zusammensein erzähltest. Es ist alles so schnell wie ein Traum vorüber gegangen und manches Wichtige, was ich gern mit Dir besprochen hätte, habe ich nicht gegenwärtig gehabt, wie ich überhaupt nicht so innerlich befreit war, wie ich es gern für Dich gewesen wäre. Vor allem konnte ich es garnicht abschütteln, daß ich eingeschlafen war, während Du so mühsam da heraufwandern mußtest. Hätte ich Dich abholen können, wäre ich über die Müdigkeit fortgekommen, und wäre froh gewesen!
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Von dem wirklich hübschen Feiertags-Ausflug mit Rösel Hecht sagte Dir meine Karte. Es war nur ein gemütliches Schlendern, der Weg vom Schriesheimer Hof bis Heiligkreuzsteinach in der Luftlinie etwas über 3 km. wurde in Etappen gemacht und Rösel war so behaglicher und zufriedener Stimmung wie selten. Für mich aber redete vor allem die ganze Gegend in ihrer wunderbaren Lieblichkeit und ihrer persönlichen Bedeutung für mich. Der Abhang mit den einsamen Kiefern ist natürlich nicht mehr da, und auch der Waldrand, wo wir die Häherfeder fanden und wo das Schicksal entscheidend zu mir sprach, war nicht zu erkennen, aber das Bedeutungsvolle jener Stelle war mir nicht Vergangenheit, sondern lebendige Gegenwart. Und so lebe ich in der Gewißheit einer höheren Führung, voller Dankbarkeit gegen das Schicksal und Dich, Du geliebter Freund.
Denn das ist ja auch der Grund, daß ich es nicht
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| als drückend empfinde, daß ich so weitgehend Deine materielle Hilfe in Anspruch nehmen muß. Aber es wäre mir lieb, wenn ich Dir diese Sache möglichst erleichtern könnte, da Du ja selbst nicht unbegrenzt begütert bist. Wie es nun damit steht, will ich Dir berichten. Ich war auf dem Wohlfahrtsamt und traf dort einen jüngeren, angenehmen Beamten, der mir sagte, daß ich bei einer Altersrente von 53 DM einen Zusatz von 10–15 M Unterstützung erhalten könne. Das wäre ja aber doch keine nennenswerte Entlastung für Dich, und soviel hoffe ich doch durchschnittlich immer noch zu verdienen. Besonders da ich wieder eine gewisse Aussicht auf Arbeit habe, diesmal in der Ambulanz. – Ein möglicher Ersatz aber für die verlorenen Sparkassenguthaben durch das Sofortgesetz sei davon unabhängig und danach will ich unbedingt streben, die Wohlfahrtsunterstützung aber vorläufig nicht beantragen. – Bist Du damit einverstanden? Eine gesetzliche Verpflichtung zwischen Geschwistern
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| soll übrigens nicht bestehen, sodaß da keine Weiterungen zu befürchten wären. Menschlich würden beide mir sicher gern beistehen, wenn sie in der Lage wären; aber sie haben ja selbst nicht genug und haben beide Kinder, die Hülfe brauchen. So sind sie sicher dankbar, daß sie mich durch Deine Fürsorge versorgt wissen und – meinem Herzen bist Du doch der Lebste!
Das aber möchte ich Dich dringend bitten, daß Du für den nächsten Monat nichts schickst. Denn ich halte es nicht für richtig, im Augenblick, wo man seine Bedürftigkeit bekommen will, etwas Erspartes anzulegen. Und bei allen notwendigen Anschaffungen des Moments habe ich noch 270 M im Hause, die also mit den 53 M am 1. Juli mehr als ausreichend sind. Also, bitte, erst wieder im August! Denke doch, dafür hätten wir jetzt den Aufenthalt in Wimpfen gehabt. An der Verteuerung der Sache war schließlich nur die Frau Schneider schuld. Denn die Frau Schnell mag wohl immer solche Badeorts-Preise nehmen.
Die Schwüle, die uns dort bedrückte, ist ganz vorbei. Gestern habe ich ganz abscheulich gefroren.
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| Hoffentlich bist Du nicht ganz ausgehungert in Tübingen angekommen. Ich machte mir Vorwürfe, daß ich nicht irgendwie für Nachhülfe gesorgt hatte. Aber es war alles so schnell vorbei, ehe ich es recht erfaßt hatte.
Und jetzt will ich mich noch mit dem Einkochen der Kirschen befassen. 6 sterilisierte Gläser sind schon fertig. So gehen die Tage in lauter unwichtigen Dingen hin und doch bleibt auch dabei immer ein Restbestand unerledigt.
Frl. Dr. Clauß ist verreist, in Urlaub. Und ich hätte gerade gern ihren Rat gehabt. Aber auch ohne das fühle ich mich heut wieder besser. Es ist ja, wie Du wohl gemerkt hast, eigentlich nur das Alter, das mir zu schaffen macht.
Meine Gedanken kehren immer wieder zu Deiner Goetherede zurück. Es ist mir eigentlich erstaunlich, daß man ihm in Weimar seine Ehe verdacht hat. Es war wohl hauptsächlich anstößig, daß die Betreffende nicht hoffähig war. – Die innere Einsamkeit bestand ja ohnehin seit der italienischen Reise. – Ich warte mit Spannung <Kopf> auf die Deutung, die Du dem Schwanken in der <li. Rand> Selbstbeurteilung geben wirst. Mit innigen Grüßen und Dank für < li. Rand S. 7> alles Sichtbare und Unsichtbare Deine Käthe