Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Juli 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg, 8. Juli 1949
Mein geliebtes Herz!
Wie lange schon schreibe ich in Gedanken an diesem Brief, denn Du kannst mit Recht längst den Dank für Deine liebe Sendung erwarten, die bereits am 28.VI. von Tübingen abging! Sie war größer, als ich Dich bat, sie einzurichten, aber ich bin doch erfreut, daß sie wenigstens die übliche Summe jetzt um eine Kleinigkeit herabsetzt. Auf alle Fälle aber empfing ich sie mit inniger Dankbarkeit. Die wenigen Zeilen auf dem Abschnitt waren mir natürlich besonders lieb. Aber sie brachten mir die unerfreuliche Nachricht, daß das Bildchen aus dem märkischen Wald, das ich mit so viel Sorgfalt verpackt hatte, doch zerbrochen ankam. Ich hatte bestimmt gehofft, es werde heil ankommen, aber man muß es auf der Post sehr mißhandelt haben. So muß ich mich mit dem Aberglauben trösten, daß Scherben Glück bedeuten, und daß ich dies Dir von ganzem Herzen wünsche, das weißt Du ja!
Und der 27. wird Dir dies warme Gefühl
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| in reichem Maße geschenkt haben wird, davon bin ich überzeugt. Ich habe auch ein wenig schon von den Eindrücken des Tages gehört, vor allem durch einen sehr lieben Bericht von Susanne und durch die Abschrift des schönen "anonymen" Briefes. Er hat mit beneidenswert klaren Worten das Wesentliche gesagt und einen beglückenden Ton echter Verehrung.
Daß Ihr ein paar Sonntage inkognito verbrachtet, die Du Deinem Goethevortrag widmen konntest, hat mich sehr gefreut. Es ist ja auch in Eurer Wohnung so schön und licht, daß es auch ohne Spaziergang mal auszukommen ist.
Bei mir ist es wohl fast ein wenig Vorurteil, daß ich mein Zimmer etwas als Gefängnis empfinde. Augenblicklich sitze ich auf dem Balkon und genieße die Freiheit! Denn meine Wege sonst ins "Freie" beschränken sich auf notwendige Besorgungen im Dorf und in der Stadt. Aber morgen, Sonnabend, werde ich mich mit den Brüdern M. auch an der Bergbahn! treffen und einen Waldspaziergang vom Königstuhl über den Speyrerhof abwärts machen. Ich bin ganz zufrieden bei der Wärme nicht steigen zu müssen! Denn Du hast
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| ganz recht, daß ich gern Anstrengungen fürs Herz vermeide. Soweit sie körperlich sind, kann man das, und im übrigen hat die letzte Zeit so viel Freude gebracht, daß es entschieden belebend wirkte. Hast Du das auch gefunden? Bei mir war der "bewußte Brief" von ganz fühlbarer Wirkung. Mögen andere "Zeitgenossen" nach der Gunst der Öffentlichkeit haschen, mir scheint die Liebe, die Du erweckst, unendlich wertvoller.
Schade, daß Flitner nun doch für Heidelberg entschieden hat! Am 14. Juli um 18 Uhr wird er hier in der Reihe der Goethe-Vorträge sprechen. Das hoffe ich zu hören. – Und morgen möchte ich womöglich um 11 Uhr die Eröffnungsrede von Dr. Troll (Mainz) hören über "G. und die Grundlagen des Naturverständnisses." – Das wird in der alten Aula sein. Ich denke dabei an die Reden, die wir vor langen Jahren mal gemeinsam mit dem Vorstand im alten Museumssaal hörten. Du sahst sie dabei zum erstenmal! War es Windelband, der sprach?
Meine Geistesgegenwart ist leider recht unzuverlässig. So habe ich leider am Montag ein Conzert, auf das ich mich sehr gefreut hatte, einfach versäumt, weil ich mal wieder datumlos dahinlebte. Ich
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| hatte das Billet schon 2 Wochen vorher bei Frl. Mathy bestellt, und nicht selbst in der Hand, aber den Tag wußte ich. Erst nachts um 1 Uhr fiel mir plötzlich ein, daß es ja schon vorbei sei. Solche Sachen passieren mir zuweilen und deprimieren mich, denn sie sind nicht Gleichgültigkeit, sondern die Folge davon, daß meine Gedanken von irgend etwas zu sehr abgelenkt und in Anspruch genommen sind, daß Anderes "verdrängt" wird. Diesmal war es Einkochen von Obst und das Zeichnen eines sehr mühsamen Schemas, was mich so ausfüllte. Schändlich, nicht wahr?
Heute war auch etwas, das meine Gedanken unerfreulich beschäftigte. Der Wasserzufluß in meinem Kohlenkeller nimmt kein Ende und alle Reklamationen meinerseits schafft keine Abhülfe. Aber ich bin jetzt energisch geworden!
Wohltuend empfinde ich es, daß es bisher niemals unerträglich heiß geworden ist und daß die Nächte angenehm abkühlen. Möchtest auch Du dabei die erwünschte Arbeitsfrische haben und Dich wohl fühlen.
Zum Sonntag wird dieser Gruß ja leider nicht schon bei Dir sein, aber auch ohne sichtbares Zeichen wirst Du mein ständiges Gedenken fühlen! Ich grüße auch Susanne herzlich und danke ihr einstweilen durch Dich, tue es aber bald selbst.
Immer getreulich
Deine Käthe.