Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Juli 1949 (Heidelberg)


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<die untere Hälfte der 2. Seite ist am li. Rand beschädigt, wodurch die ersten 1–2 Buchstaben pro Zeilenanfang fehlen; sie sind ersetzt und in spitze Klammern gesetzt>
Heidelberg, 31.VII.49.
Mein liebes Herz!
Dein Brief vom 27. hat mir zu meiner Freude das Ende des anstrengenden Semesters in nahe sichere Aussicht gestellt. Und das Wetter hat so gründlich die Veränderlichkeit abgelegt, daß man hoffen kann, Ihr werdet auch noch in Scheidegg davon begünstigt sein. War dort nicht auch Frau Frommherz zur Kur?
Es ist mir bewußt geworden, daß jetzt, nach 3 Jahren, mir dies Zimmer bei der andauernden Wärme zum erstenmal behaglich war. Das ist natürlich recht wohltuend fühlbar. Auch sonst war mein Dasein freundlich, trotz des lästigen Stirnhöhlenkatarrhs, den ich mir bei einer Nachbarin in einem der Goethevorträge geholt hatte. Vielleicht hat Dir Susanne von meiner Unternehmungslust erzählt? Bei dem Festakt, den Euer Erbe miterlebte, war hier der Sinn für Maß und Form ebenso wenig vertreten wie bei Euch. Geiler konnte die Schleusen seiner Beredsamkeit nicht eindämmen und als Böckmann anfing, war man schon erschöpft. So ist man ihm wohl nicht gerecht geworden. – Von
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| allem, was ich hörte, war mir die Rede von Buchwald am meisten zusagend. Sie gab in großen Zügen ein sehr lebendiges Bild von Goethes Wert als Deutscher und in seiner Weltbedeutung. – Auch die anderen Reden waren alle eine wissenschaftliche Beleuchtung seiner Wirkung nach außen – von Dir habe ich nach Deiner Äußerung in Wimpfen auf ein Vertiefen in sein Wesen, auf ein Besinnen auf den schöpferischen Kern seiner Natur gehofft. Ich habe viel darüber nachgedacht, inwiefern seine Beziehung zu Schiller ihn zweifelhaft und nachdenklich machen <k>onnte. Wie verschieden sind ihre Naturen und wie vollendet jeder in seiner menschlichen Begrenzung.
Auch auf anderm Gebiet hatte ich belebende Eindrücke durch die Ausstellung künstlerischer <Fr>auenarbeit. Da ist mir eine junge Frau: Hanna <Na>gel geradezu ein Phänomen mit 24 farbig getönten <Ze>ichnungen zu Preludien von Chopin. – Hartlaub <hi>elt zu der Vorführung der Bilder einen kleinen <V>ortrag, in dem er die Möglichkeit einer Beziehung <z>wischen Tönen und sichtbaren Formen berührte. <Es> erinnerte mich daran, wie s. Z. schon die Rede
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| war von der Verwandschaft der Gesetze der Musik und der Kristalle.
Ich bin dadurch verhältnismäßig viel mit Bekannten zusammen gewesen, denn es hatten natürlich auch andere Interesse an diesen Veranstaltungen. So habe ich also auch mehrmals Musik gehört, wenn auch keine Elli Ney. Und sehr hübsch war die Feier der hiesigen Volksschule, geschmackvoll und lebendig bis zum Schluß.
Zwischen all den Unternehmungen muß ich allerdings immer sehr gründlich schlafen. Auch die Hitze macht ja recht müde. Aber meine Unternehmungslust hat sich auch dem täglich Notwendigen lebhaft zugewendet und ich habe allerlei längst fällige Anschaffungen gemacht. Du hast mir ja in Deiner Güte mehr Geld zur Verfügung gestellt, als ich verbrauchen konnte, und da man ja nie wissen kann, ob das Sparen einen Sinn hat, habe ich mich für Sachwerte entschieden und mir 4 P. Strümpfe, zusammen für 15 M, und ein Paar Segeltuchschuhe für 9,75 angeschafft. – Auch die Freundschaft sorgt durch Geburtstage u. dergl. für Ehrenausgaben, so Buttmis am 2.8. mit Silberner Hochzeit!
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| Wie dankbar bin ich Dir, daß ich solche Anlässe ohne Sorge bestreiten kann. Die Affäre im Keller hat sich so ziemlich ohne Unkosten für mich erledigt. Im Nachbarhaus war die Kanalisation verstopft, das Wasser stand in der Waschküche und kam durch die Wand ausgerechnet nur zu meinen Kohlen. Jetzt hat das Tiefbauamt den Kanal auspumpen müssen.
Heute dachte ich eigentlich fürs Wochenend in Dielbach zu sein. Aber in letzter Stunde kam vor meiner Abreise die Nachricht, daß Ursel einen Sohn bekommen hat und die Mutter zur Pflege bei ihr ist. So wird vielleicht ein andermal was aus meinem Besuch.
Jetzt habe ich doch noch garnicht gesagt, wie sehr mir die Gratulation von W. Hillgenberg gefällt! In Form und Inhalt, witzig und mit Gemüt. Es berührt mich wie ein Nachklang fröhlicher Jugendjahre. Wie vielseitig ist doch das Echo, das Dir entgegen klingt!
Und damit will ich heute Abschied nehmen. Sei in treuer Liebe gegrüßt!
Deine
Käthe.