Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. August 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Aug. 1949
Mein liebes Herz!
Das war mir eine rechte Enttäuschung, daß Dein lieber Brief vom 9. (? laut Poststempel) mir nicht vom befreitem Aufatmen zu berichten hatte, sondern ziemlich enttäuscht sich über die Wahl der "Sommerfrische" äußerte. Ganz gewiß ist daran ja in erster Linie das unerhört heiße Wetter schuld. Aber wir hatten zwischendurch doch immer kühlere Tage, fast immer Nordwind, besonders verlockend war damals der Freitag Eurer Abreise. Ob es jetzt wohl bei Euch auch erträglicher wurde? Ich habe dabei eigentlich mehr an Susanne gedacht, die doch Hitze viel weniger verträgt als wir. Ich will nur hoffen, daß die Sache sich jetzt für Euch beide zum Besseren gewendet hat!
Vorhin habe ich "meiner Wahlpflicht genügt", und ich danke Dir noch extra, daß Du durch Deine freundliche Beantwortung meine eigene Entscheidung bestätigt hast. Verwirrend war es hier nur, daß auf dem Wahlzettel in letzter Stunde das FDP in DVP umgeändert
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| wurde. Unser Kandidat ist ein Schlossermeister, der daneben ein sehr angesehener Beigeordneter der Stadt ist und als Vertreter des Bürgerbundes ist er noch Stadtrat. Außerdem aber ist er auch der Großvater der Wera, in deren Zimmer Du bei Buttmis logiertest! Frau Buttmi weiß auch von seinem echt sozialen Wirken als Innungsmeister zu berichten. Hoffentlich haben sich recht viele für ihn entschieden!
Die Lage von Scheidegg hatte ich mir mit Atlas und Kursbuch gesucht, und mir vorgestellt es müsse am Nordabhang der Berge liegen und darum auch von unseren nördlichen Winden bestrichen werden. Nun werdet Ihr ja aber morgen in Wangen sein, mit wiederholtem Umsteigen, und dann steht noch Immenstadt bevor, das damals auch klimatisch drückend war, kurz ich sehe schwarz!! Hoffentlich ist in der Waldeinsamkeit an dem Wasserfall irgend ein verlockendes Sitzplätzchen in der Nähe.
Ich hörte im Weißen Haus daß Conrads wieder hier waren und noch an den Bodensee gehen. Alle 4 Kinder sind schon unterwegs. Mit den drei Damen Deetjen, v. Braunbeerens, Zurnieden stehe ich recht gut und es war wieder sehr nett vorgestern. Es
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| gibt dann auch immer etwas Obst oder dergl. zu "Erzeugerpreisen". Denn sonst kaufe ich das doch wenig, weil Rohrbacher Wucherpreise nehmen, sie sind schlimmer als die Juden!
Heute habe ich Heinrichs besucht, die ihre Tochter mit dem Enkel zu Besuch aus England haben. Und anschließend ging ich zu Dr. Hoffmanns, wo immer über Sonntag der Mann, der in Frankfurt in einem großen Wirtschaftsamt arbeitet, anwesend ist. Ich konnte ihn wegen der Soforthilfe befragen; er hat mich auch s. Z. darauf hingewiesen. Ich soll abwarten, bis die Formulare kommen. Hier auf dem Rathaus war noch nichts bekannt. Und als ich mich s. Z. meldete, wurde mein Name aufgeschrieben und mir die Zusendung eines Antrags zugesagt. Frau H. hat mich dann mit Gewalt, in der Art ihrer guten Mutter, genötigt, zum Essen dazubleiben. Da ich schon sehr oft abgelehnt habe, wäre es wohl unhöflich gewesen, und es war dann wirklich recht gemütlich. So recht im Gegensatz zu dem Ton im Hause, wie er meist herrscht. Aber heute als ich mich bücken wollte, um etwas aufzuheben, kam mir Trudel ganz eilfertig zuvor. Ich kann mich nicht erinnern, wann sie das je getan hätte.
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| Das verlange ich ja garnicht, aber ich bin recht froh, wenn ein normaler höflicher Verkehr stattfindet. Auch bei den Verwandten zeigt sie sich jetzt liebenswürdiger, seit sie nicht mehr ihr ganzes Herz für den jungen Mann braucht. Er soll die Beziehung definitiv abgebrochen haben.
Schrieb ich Dir schon, was ich täglich dankbar empfinde, daß ich nämlich jetzt nach 3 Jahren zum ersten Mal das Zimmer behaglich finde? Kälte und Dunkelheit sind nun schon wochenlang verbannt. –  – Hanne Heraucourt leidet an den Folgen einer septischen Angina, deren Gift sie in ihren Gelenken nicht überwindet. Mit dem Herzen ist es gebessert, aber die Kur, die sie jetzt durchmacht, bringt immer von neuem Schüttelfrost und vermehrte Schmerzen.
Daß Oesterreich gestorben ist, war wohl eine Erlösung. Ich hoffe, daß das eigne Haus die Witwe in Tübingen festhält! Bitte, schreibe mir doch, wie Cilli jetzt heißt und wo sie wohnt.
Und nun hoffe ich, daß bei Euch jetzt wirkliche Ferienstimmung eingekehrt ist, und daß das gute Hotel auch für die leibliche Erholung sorgt.
Seid herzlich gegrüßt und gib Dir Mühe, das Nichtstun zu genießen.
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Paul Matussek hat 6 Wochen Krankenurlaub, leider. Er soll nach Ascona.