Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. August 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg, am 28. zum 31.VIII.
1949
Mein liebes Herz!
Du weißt gewiß von Hermann schon direkt, daß er in Berlin ist. Ich bekam von dort einen Brief vom 20, der mir sein Eintreffen meldete. Vorher hatte meine Schwester mir schon die Absicht mitgeteilt. Er fuhr mit dem Autobus von 7,35 bis 22,35 und schildert die Berliner Verhältnisse mit Preisen und Vorräten wie hier bei uns. Aber Du weißt ja auch, daß seine Frau ihn einen "Schönfärber" nannte, wie es ja unsere Vorfahren in Sachsen waren. Leider hat er mir aber im gleichen Brief eine Nachricht gegeben, die mich tief betrübte. Er hatte die mir auch befreundete Annemarie Böttcher, jetzt Frau Michaelis besuchen wollen, aber erfahren, daß sie Lungenentzündung habe. Drei Tage später schrieb mir der Gatte, daß sie nicht lange nach der Geburt ihres Söhnchens an Herzembolie starb. Sie war ein wertvoller, mir sehr lieber Mensch. So gehen die Freunde fort, eins nach dem andern. Und
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| uns bleibt nur das Gedenken!
Lebhaft wurde ich auch an meinen Jugendfreund Ernst Schwalbe erinnert durch einen langen Brief seiner Tochter Elsi Clauser, die ihre Flucht aus Liebenwerda nach jahrelanger Trennung von Mann und verschiedenen ihrer Kinder schildert. Sie hat viel Schwierigkeiten und Nöte, aber nichts Grauenhaftes bei den Russen erlebt. Jetzt richtet sie sich, wieder vereint, so gut es geht in Stuttgart ein.
Seit gestern abend haben wir auch im Hause einen Schrecken. Nachdem Rudolf Nitsche gerade sehr erholt und froh von 3 wöchentlichem Aufenthalt in Furtwangen bei einem Onkel zurückkam, klagte Trudel plötzlich über heftige Schmerzen, die trotz einer Morphiumspritze nicht aufhörten und der Ärztin noch keine erkennbare Ursache angaben. Heute ist sie in das Krankenhaus gebracht worden. Es war schlimm, sie unaufhörlich jammern zu hören.
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| Hoffentlich geht die Sache so schnell vorbei wie sie kam.
Meist gehen ja aber die guten Tage rascher vorüber! Ihr seid nun wieder im gemütlichen Diebinge und es wird sicher aufs neue behaglich sein im eigenen Heim. Ich war sehr froh, daß Du endlich doch zu einem Gefühl von Erholung kamst und daß Scheidegg Euren Beifall hatte. Da war sicher anfangs nur das tropische Wetter schuld am Versagen. Wir haben hier nach wie vor drohende Schwüle, aber kein Gewitter. Auch heute wird es, fürchte ich, wohl bei einigen Tropfen mit ferner Donnerbegleitung bleiben.
Eigentlich hätte ich gern heut vormittag die städtische Goethefeier besucht, um endlich einmal Hellpach reden zu hören und mir einen persönlichen Eindruck zu verschaffen. Wie immer ist sein Thema "reizvoll": Vom toten und lebendigen, vom zeitgemäßen und vom ewigen Goethe. Ich mußte aber verzichten, denn es gab nur noch Stehplätze, und den konnte heut Rudolf N. wegen der erkrankten Schwester nicht benutzen.
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| Wenn ich doch am 3. Sept. eine andere Goetherede hören könnte! Ich habe mich stattdessen wieder mit den Kulturbegegnungen II. beschäftigt. Es ist eine große Aufgabe und eine tröstliche Hoffnung, die da gezeigt wird. Im übrigen liegt immer der Goetheband mit der Farbenlehre abends bereit, aber ich bin meist zu müde. Ein wenig neugierig machte mich neulich Deine Äußerung, daß Du Schmeil "in Heidelberg" sprechen wolltest. Wie ist das zu denken?
Meine Pläne verlaufen sich meist im Sande. Nach mehreren Versuchen [über der Zeile] zu einer Verabredung ist noch nichts aus dem kleinen Erholungsaufenthalt in Dielbach geworden. – Übrigens: Deine Schilderung vom Verlauf des Anpumpens will sich an mir bewahrheiten. Ich wehre mich aber. Und die Antragsformulare für Soforthilfe habe ich mir geholt, aber noch nicht studiert. Vermutlich wird bei der Sache der Betrag von 17 M! herauskommen.
Jetzt will ich nach dem bereits abgeflauten Gewitter den Brief noch zur Post bringen und ihm nur noch viele, viele herzliche Grüße mitgeben. Jetzt schone aber auch die neugewonnen Kräfte!
Deine Käthe.

[li. Rand] Was macht Susannes Fuß?