Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. August/3. September 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31.VIII.49.
Mein liebes Herz!
Ich wußte es, daß mit der gewohnten Pünktlichkeit heute Dein lieber Brief eintreffen würde. Es ist wieder solch strahlender Sonnentag wie damals, aber wie anders ist die innere Situation! Damals war alles verheißungsvolle, ungewisse Zukunft und jetzt sehen wir vor allem die Grenzen. Aber trotz allem war es reiche Erfüllung dessen, was ich bei jenem ersten Beisammensein an ungewöhnlichen Gaben in Dir ahnte. Möchte doch das Schicksal Dir noch ein volles Ausgestalten dessen gewähren, was Du an Lebensreife weiter zu geben hast!
Daß Du mit dem Erfolg der Erholungsreise zufrieden bist, ist mir eine besondere Freude. Nur schade, daß der Abschied vom See so wenig lohnend war. Bei uns ist in letzter Zeit auch häufig morgens Nebel, aber es hellt sich immer bald wieder auf.
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Wo war denn Dr. Bork in Peterstal und woher hatte er die Adresse? Vielleicht kam er dort auch mit Prof. Buchwald zusammen, der sehr zurückgezogen da oben wohnen und arbeiten soll. – Wie wird es denn mit dem Collegen Krüger? Hat er sich ganz von der akademischen Tätigkeit zurückgezogen? Ist er etwa ernstlich leidend?
Hier ist nun also ein Nachfolger berufen, ich weiß aber nicht, wer es ist. Das Interesse für die Frage ist erlahmt. – Wann beginnt denn das Semester? Am 1. resp. 3. Oktober?

Am 3. September. Am 31. wurde ich unterbrochen, und abends bin ich jetzt meist zu müde, um zu schreiben. Die ständige Gewitterschwüle lähmt mich schrecklich. Aber am 1. Sept. hatte ich es sehr schön, als Nachfeier unseres Gedenktages. Ich machte mit Hedwig Mathy den Weg vom Königsstuhl zum Hohlen Kästenbaum, der jetzt aber der "Neue Kästenbaum" heißen
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| muß. Weißt Du noch, wie wir dort damals Silligs und Willes trafen? Wie lebhaft gedachte ich unsres gemeinsamen Wanderns, und wünschte mir, daß einmal wieder mit Dir machen zu können. Man lebt förmlich auf in der höheren Luft, die man so bequem mit der Bergbahn erreicht. Ich war erstaunt, wieviel weiter der Weg ist, als er mir in der Erinnerung war und wieviel Biegungen er macht. Ich glaubte, es sei nur ein ziemlich grades Stück gewesen. Den Rückweg machten wir über das Felsenmeer mit kurzem Aufenthalt in der dortigen Hütte zum Wolfsbrunnen, wo es dann fast zu kühl zum Sitzen war, wir uns aber mit einer Tasse guten Kaffees (und mitgenommenem Kuchen) von innen wärmten. So war die Sache ohne Anstrengung und mit gutem Einverständnis ein wirklicher Genuß. Desto übler empfand man dann die erstickende Luft im Tal.
Wie wird es mit Deiner Reise nach Ulm gehen? Ich vermute, daß die Rede vormittags
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| stattfinden wird und Du schon heute hinfährst. Denn Du sprachst mal von Ulm am 3.
Hier soll man vor kurzem auszugsweise im Radio allerlei Goethe-reden gehört haben, auch von Dir. Rudolf Nitsche hat es mir nachher gesagt, aber da es schon Schlafenszeit war, mich nicht dazu gerufen. Nach seinem Bericht muß es eine Art Potpuri gewesen sein. Aber es hätte mich doch gefreut, es unvermutet mitzuhören.
Das bringt mich auf Deine Ankündigung der Durchreise hier, und ich möchte Dich herzlich bitten, mir das Programm und Deine diesbezüglichen Wünsche womöglich beizeiten und ausführlich mitzuteilen, daß es nicht wieder geht, wie bei Deinem letzten Hiersein. Das war mir damals garzu schmerzlich. Ich habe so großes Verlangen, daß einmal wieder eine stille Stunde fern von äußeren Hemmnissen komme, in der sich die "Schweigsamkeit nach innen" zu harmonischem Zusammenklang löst.
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| Ich weiß wohl, das kann man nicht wollen. Aber in uns muß die Bereitschaft sein, die alles Störende ausschaltet und Ruhe gibt. –
So weit ich aus dem Fahrplan sehe, sind alle guten Züge von Hamburg hierher nachts. Ich bin ja nie so angenehm gereist, wie z. B. im Schlafwagen MannheimBerlin; aber ich weiß nicht, wie Du darüber denkst. Hoffentlich hast Du Zeit und auch Geduld, Dich im voraus darüber zu orientieren.
Solche Autofahrt MünchenBerlin möchte ich aber nicht machen, und vor einem Besuch in Berlin graut mir in jeder Hinsicht. Was meinen Schwager betrifft, so ist er nun einmal der Mann meiner Schwester, und ihr möchte ich an jener traurigen Erfahrung damals keine Schuld beimessen. Aber sage nur, bitte, Susanne recht tröstlich, daß die kleine Sendung für Aenne nicht abgeschickt ist. Ich hatte instinktiv gezögert, und so ist mir lieb, daß nichts gegen Euren Wunsch geschah. – Was aber den Kaffee betrifft,
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| so weiß ich, daß es nur in Eurem Sinne ist, wenn ich damit freundliche Zuwendungen wie Eier oder Obst ausgleiche.
Mit solcher Prosa möchte ich nun zwar eigentlich nicht schließen, denn ich habe im Grunde noch viel auf dem Herzen. Aber der Brief muß fort, wenn er am Montag bei Dir sein soll.
Darum nur noch innigste Grüße und der Wunsch, daß die Erholung recht vorhalten möge. Grüße auch Susanne und Ida von mir, und laß mich wissen, ob mein Brief vom 28.8. vor oder nach Deinem lieben Schreiben ankam.
Wie immer
Deine
Käthe.