Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Oktober 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Okt. 1949.
Mein liebes Herz!
Es war nicht meine Absicht, mit dem Dank für Deinen lieben Brief so lange zu zögern, aber es kamen unerwartete Hindernisse. Auf Dein Schreiben hatte ich schon recht sehnlich gewartet, wie Du Dir jedenfalls dachtest, und umso glücklicher war ich dann darüber. Du findest immer die rechten Worte, um das auszusprechen, was auch mir in der Tiefe die Seele bewegt. Daß auch in Dir diese wunderbar schönen, ungetrübten Tage des Beisammenseins dies klare Bewußtsein friedvoller Erfüllung wachgerufen haben, das macht mich doppelt glücklich. –
Auch gesundheitlich schienen mir Deine Zeilen befriedigend zu lauten, und die große Ermüdung der Vortragsreise, die sich hier in Gliederschmerzen äußerte, ist
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| hoffentlich doch durch die kurze Ruhezeit hier überwunden. – Was Du von den Ereignissen, im täglichen Ablauf Deines Lebens, hier erzähltest und was Du als bevorstehend schriebst, beschäftigt mich, und die "Geschichte der deutschen Volksschule" habe ich mit Aufmerksamkeit zu Ende gelesen. Möge doch auch in diesen verworrenen Zeiten die gesunde Wechselwirkung zwischen den Bedürfnissen des Volkslebens und der Leitung durch den Staat gedeihlich weitergehen.
Eine merkwürdige Bekanntschaft habe ich dieser Tage gemacht. Ist Dir bei gelegentlichen Verhandeln mit der franz. Behörde in Baden-Baden mal ein Dr. oder Prof. Espe begegnet? Anfangs der Woche bekam ich einen Brief von der Tochter meiner Cousine Maria Fürst, geb. Eggert, der Schwester von Heinrich. Sie ist seit etwa 1 Jahr mit jenem Mann verheiratet, ist aber erst jetzt entschlossen, ihre
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| ärztliche Tätigkeit an einem Berliner Kinderkrankenhaus aufzugeben und ganz zu ihm überzusiedeln. Am Donnerstag hatte sie mir ihr Eintreffen hier angesagt und sich ein Nachtquartier bestellen lassen. Sie hatte am Freitag in einer Klinik zu tun. Die Zeit ihres Eintreffens war unbestimmt, und sie kam also unerwartet mit Mann und einer erwachsenen Tochter im Auto an. Da ich natürlich dafür nicht vorbereitet war, konnte ich nur das Zimmer als Ruhestelle anbieten und sie hatten auch genug zu Essen bei sich. Er fuhr dann mit der Tochter weiter nach Mainz, wohin die franz. Behörde umzieht und ihn, so wie fünf andere seines Stabes mitnimmt. – Clärchen blieb dann hier und hat im "Löwen", da die Rose keinen Platz hatte, ganz ordentlich übernachtet. Das Zimmer gefiel mir beinah besser als das in der Rose, aber der Verkehr im Restaurant ist geringeres Niveau. – Am Donnerstag
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| ging ich noch mit Clärchen in die Stadt, wo sie Erinnerungen aus ihrer Studienzeit auffrischte und abends waren wir bei mir. Am Freitag hatte sie in der Klinik zu tun und nachmittags sollte sie wieder abgeholt werden. Wir warteten mit dem Kaffee bis gegen 6, da kam ein Telegramm: "komme morgen". Also mußte sie nochmals in den Löwen, und da ich am [über der Zeile] Sonnabend Vormittag die Frau Moser zum Putzen da hatte, sahen wir uns erst zum Essen, wozu sie mich in den Löwen einlud. Zum Kaffee war dann diesmal der erwartete Gatte wirklich da, und hatte außer der Tochter noch einen Collegen bei sich. Ich habe ja keinen näheren Eindruck von diesem Mann bekommen, aber ich muß gestehen, mein Geschmack ist er nicht. Zur Vermittlung zwischen den Einrichtungen deutscher Erziehung mit der franz. Behörde möchte mich mir einen anderen Typ wünschen. Über den persönlichen Geschmack in der Wahl
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| des Ehepartners ist ja überhaupt nicht zu urteilen. Dieser Dr. Espe scheint mir recht rabbiat zu sein und die ganze Einstellung der Beiden sagt mir nicht zu. Von Dir wußte er natürlich, behauptete aber, Du wärst viel krank, besonders vorigen Winter. Es ist merkwürdig, wie eine Frau in den Vierzigern, die eine selbständige Stellung hat, sich noch so merkwürdig verlieben kann.
Für mich hat also diese Episode von Donnerstag mittags bis Sonnabends zwischen 6 und 7 Uhr gedauert und mich recht müde gemacht. Ich bin froh, heut still für mich zu sein, die Unruhe dieses Besuchs war recht anstrengend.
Aber die Erinnerung an unsere gemeinsamen Herbsttage wirkt noch immer kraftspendend in mir weiter, und mein Herz ist voll Dankbarkeit für dies Geschenk des Himmels, das mir
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| immer von neuem in Dir und durch Dich zuteil wurde.
Jetzt werden nun die Tage merklich kühler und ich vermute, daß der Vollmond uns wohl das Einsetzen der Regenperiode bringen wird. Mein Zimmer sticht schon jetzt merklich von der Temperatur der immer sonnigen Küche ab. Aber zum Heizen kann ich mich noch nicht entschließen, so gern ich wenigstens mal alles aufgesammelte Altpapier los würde.
Viel warme Grüße an die gesamte Rümelinstraße, und Dir noch einmal ganz besonders von
Deiner
Käthe.

[] Clärchen fiel immer aus einem Staunen über meine "Frische" in die andere. Die Leute meinen offenbar immer, ich müßte schon völlig versimpelt sein.