Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Oktober 1949 (Heidelberg)


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<Die Nachbemerkung auf S. 4 ist auf dem Scan zur Hälfte abgeschnitten>
Heidelberg, 16.X.1949.
Mein liebes Herz!
Es ist ein milder Sonntag-nachmittag und ich sitze allein zuhaus und auf dem Balkon, möchte Dir erzählen, daß ich bei schönstem Wetter unsern gemeinsamen Weg über den Königsstuhl noch einmal ging und Deiner gedachte. Hedwig Mathy war meine Begleiterin; sie war auch besonders von dem Blick bei der Posseltslust in seiner zarten Beleuchtung sehr entzückt. Hinterher blieb sie noch gemütlich bei mir zum Tee.
In Deinem lieben Brief vom 3. Okt. hat es mich ein wenig erstaunt, daß Du besonders meine "Geduld" erwähnst! Es ist mir doch nicht im geringsten bewußt, daß ich in den Tagen mit Dir "Geduld" gebraucht hätte! Es war alles so schön und harmonisch, ein Gnadengeschenk des Himmels, daß ich es nur in stiller Dankbarkeit über mich ergehen ließ. Noch viel möchte ich Dir sagen über das, was Du noch über die Stimmung dieser Tage schreibst, aber ich bin heute mit meinen Gedanken sehr von einer
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| ganz anderen Sache absorbiert. Von Mädi aus Oeynhausen bekam ich einen Brief, daß sie Mitte des Monats "Onkel Hermann" erwarte, er werde mir wohl von seinen Plänen geschrieben haben. Aber seit dem August habe ich keine Nachricht von ihm. Und gestern schrieb nun meine Schwester, sehr lieb bezugnehmend auf alle Familiengedenktage des Oktobers, daß nun Hermann denselben noch einen hinzufügen wolle. Sie müsse freilich gestehen, daß es ihr zunächst "einen kleinen Stoß" gegeben habe.: der Altersunterschied sei ja noch größer als bei Paul und Lietz, und das sei doch zu sehr gegen die Natur. Aber Hermann sei ja noch so frisch und elastisch, daß man sich wohl nur für ihn freuen müsse etc. –  – und ihm noch viel glückliche Jahre wünschen mit seiner Erika."
Ich muß nun sagen, daß der "Stoß" für mich kein kleiner, sondern ein recht starker war. Diese Tatsache, von der ich direkt überhaupt
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| nicht die leiseste Mitteilung bekam, und die ich für ganz ausgeschlossen gehalten hätte, muß doch in mir jetzt dem Bild des Bruders erst sinngemäß eingeordnet werden. Vorläufig scheint mir die Welt etwas aus der Ordnung geraten zu sein. Erst die Cläre Fürst mit ihrem Dr. Espe. Nun gar mein Bruder! – Ich habe mich sehr besonnen, wer diese Erika sein kann, und da fiel mir ein, daß Hermann mal eine Freundin seiner Tochter Mechthild erwähnte, die auch in Tutzing lebt. Das wird sie sein. Und nun ging ich in Gedanken zurück zu ähnlichen Situationen meines immer so ich-befangenen, weltfremden Bruders. Da war Kurt ganz anders! Als Hermann hier studierte, war er sterblich verliebt in die Enkelin von Großmutter Knaps. In Bonn verlobte er sich wendend mit Gerda Kamp, und in Greifswald als junger Lehrer band er sich fürs Leben. – Einmal sprach er mir davon, es sei ihm immer, als stände etwas zwischen ihm und der Wirklichkeit,
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| vielleicht ist dies hemmungslose Draufgehen die Kehrseite davon. Jedenfalls ist seine Art zu reagieren mir oft seltsam erschienen und anders als man erwartet, wie ein Mangel an Reife. Wie kann er unter den gegenwärtigen Verhältnissen in seiner Situation diesen Schritt verantworten?
Lieber, Du findest gewiß, ich unterhalte Dich etwas ausführlich über diese Sache, aber Du wirst ja begreifen, daß sie mir etwas nahe geht. Im Übrigen verläuft mein Dasein still weiter. Am Dienstag werde ich bei Rösel Hecht die Vorfeier ihres 60. Geburtstags miterleben, zu der die Tochter Gesangvortrag bieten wird. Im ganzen gehe ich nicht gern abends aus, da ich mich nicht mehr so sicher auf den Füßen fühle. Aber Du hast ja gesehen, bei Tageslicht geht es noch ganz gut.
Und nun sei in treuem, dankbaren Gedenken innig gegrüßt, schließe die Reihe der Goethe-Vorträge mit Befriedigung und freue Dich an jedem sonnigen Tage.
Immer
Deine
Käthe.

[li. Rand] Am 20. in Stuttgart wird gewiß auch die Schoepffersche Nichte, Fr. v. Buchwald, Deinen Vortrag hören. Ich beneide sie beinahe darum.