Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. Oktober 1949 (Heidelberg)


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<auf S. 3 am re. Rand sind im Scan teilweise die letzten Buchstaben abgeschnitten>
Heidelberg. 23. Okt. 1949
Mein lieber einziger Freund.
Dein Brief von 17. Oktober kam mir recht zur Zeit, denn ich brauchte recht nötig einen guten Zuspruch. Wie seltsam ist es, wenn plötzlich ein Mensch, mit dem man in einem gleichmäßigen stillen Einverständnis zu sein glaubt, eine so völlig unvermutete Seite hervorkehrt. Ich habe mich diese ganze Woche recht damit herumgeschlagen, erst mit der Tatsache an sich, dann aber mehr noch mit der Art, wie Hermann es mir mitteilte, oder eigentlich nicht "mitteilte". Denn nichts von dem, was auch Du ganz selbstverständlich fragst, habe ich erfahren. Ich habe lange gebraucht, bis ich eine entsprechende Antwort auf all diese Eindrücke fand, die ehrlich war, ohne verletzend zu sein. – Ich frage mich auch, in wieweit bin ich doch dem Broseschen Einschlag im Familienzusammenhang
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| fremd geblieben? Kurt und Aenne waren mir immer wesensverwandter. Und dann noch etwas Anderes: habe ich mich selbst nicht von der Familie isoliert, durch meine Übersiedelei nach Heidelberg und mehr noch durch die Konzentration meines ganzen Wesens auf den geliebten Freund? Auch die Verschiedenheit der politischen Einstellung hatte ja Trennendes, aber das ging doch nicht so tief, wie dies letzte Erlebnis.
Aber alles in allen ist es doch wohl für Hermann ein rechtes Glück, daß er wieder ein Menschenkind gefunden hat, das mit ihm das Leben teilen will. Ich hatte ja wohl gedacht, er würde durch das Zusammensein mit der Tochter nicht so vereinsamt, aber für Mechthild ist es vielleicht auch gut, unabhängiger zu bleiben.
Im Gegensatz zu dem Menschengewimmel bei Dir ist es um mich sehr still. Nachdem ich am 18. den 60. Geburtstag von
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| Rösel Hecht vorgefeiert hatte, bin ich sehr für mich gewesen und habe mich mit meinen "Lebensbetrachtungen" herumgeschlagen. Ich soll eigentlich über den nächsten Sonntag zu Kohlers kommen, aber ich kann mich noch nicht so recht dazu entschließen. Die eigentlich schönen Tage sind ja wohl nun vorbei, und für das Zusammensein im Haus hat es immer noch Zeit. Aber vielleicht wären, wie Frl. Buttmi meint, da gleich zusammenhängende Feiertage, die eine Fahrpreisermäßigung bedingen – – das will ich mal ergründen.
Ich freue mich, davon zu hören, wie die Stuttgarter Vorträge verlaufen sind, und ob es mit dem Auto gut klappte. Und ganz besonders hoffe ich auf entschiedene Entlastung durch Wenke. Es wäre schön, wenn Du durch ihn mehr Freiheit für eigene Arbeit gewinnen würdest. Aber Du hast, glaube ich, kein Talent, Dich entlasten zu lassen. – Es amüsiert mir, daß die Argen
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|tinier Deine "Lebenserfahrung" als die neueste Arbeit ausgeben. Das sollte wahrscheinlich eine Empfehlung sein.
Morgen werde ich den Ofen für die Heizung bereit machen. Noch ist er bis oben voller Papierreste. Aber das dunkle Nordzimmer wird bald zu frostig werden. Ich bin schon manchmal etwas rheumatisch und auch mal wieder gestolpert, sodaß ich 2 Wochen die Folgen spürte. Aber jetzt ists vorbei. Ich kann mir nicht so schnell die unangemessene Fixigkeit der Bewegungen abgewöhnen.
Seit über einer Woche packe ich an einem Paket für Susanne, aber immer kommt mir was dazwischen. Jetzt soll es aber wirklich fort. Für Dich ist leider nichts von Gewicht dabei. Auch heute wirst Du finden, daß der Zettel das Porto nicht wert ist. Aber er bringt Dir doch viele, viele innige Grüße in täglichem, stündlichem Gedenken. Und Gruß auch an den "ganzen Clan."
Deine

Käthe.