Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. November 1949 (Heidelberg)


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<im Scan ist die S. 1 am re. Rand abgeschnitten>
Heidelberg, 3. Nov. 1949
Mein liebes Herz!
Mit großer Freude fand ich hier bei meiner Rückkehr von Dielbach Deinen lieben Brief vor. Hab herzlichen Dank dafür, daß Du mir trotz der Müdigkeit schriebst. Mit dem, was Du von Hermann sagst, kann ich nur völlig einverstanden sein, nur kann ich aus langer Erfahrung und geschwisterlicher Zuneigung seine überraschenden Seltsamkeiten leichter aus seinem Wesen heraus verstehen. Aber diesmal war es nicht nur seine völlig unvermutete Heirat mit einem Menschenkind, das er mir gegenüber nie erwähnt hatte, sondern vielmehr die Art der Mitteilung, die ich entschieden als kränkend empfand.
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| Ich habe [über der Zeile] schrieb ihm das auch, nachdem ich mich einige Tage auf- und abgeregt hatte und eine möglichst schonende Form wählte – und es kam dann auch wendend eine Entschuldigung aus Oeynhausen, wo er bei Pramanns länger war. Er schob es hauptsächlich auf eine unglückliche Verkettung der Umstände, da er in Tutzing vom 2.–12. Oktober krank zu Bett lag, während auch die Tochter Mechthild im Krankenhaus war. Du wirst es verstehen, daß es für mich noch etwas Anderes damit auf sich hat, aber das hindert natürlich nicht, daß ich den Beiden das Beste wünsche.
Viel Tatsächliches erfahren habe ich durch den Brief freilich auch nicht; nur, daß Erika beruflich als Buchhalterin tätig war. Ob sie nun zusammen in Hagen oder in
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| Tutzing leben werden, erfuhr ich nicht, vermute aber das letztere.
Inzwischen war ich nun von Samstag bis Mittwoch in Dielbach. Am Tage zuvor wollte ich eigentlich noch absagen, denn meine Monatsfrau hatte mir einen Katarrh ins Haus gebracht; aber er ist sehr mäßig geblieben und oben war die ganze Familie viel ärger infiziert. Mir aber hat die Ruhe sehr wohlgetan und bis auf einen sonnigen Spaziergang auf den "Acker" und zu dem ausgeschachteten Platz für das neue Schulhaus bin ich nur im geheizten Zimmer gewesen. Ich habe an den bewußten grauen Socken gestrickt und mit der wirklich reizenden Barbara – genannt Bärbel – Brettspiele und Bimbo gespielt. Abends spielte Otto meist Klavier, Bach, Beethoven und Schubert – und
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| im Übrigen war auch ein harmonisches Einverständnis. – Die Rückfahrt ging glatt, und ich kam gerade eine Minute nach dem Ablauf der Sonntagskarte hier wieder an. Mein Zimmer war natürlich recht unbehaglich, aber ich heizte gleich tüchtig, und ebenso heut, sodaß es allmählig eine angenehmere Luft bekommen wird. Die Wände strahlen vorläufig noch eine fühlbare Kälte aus. Bei nächtlichem Frost haben wir aber noch am Tage warmen Sonnenschein. Es wird bei Euch ebenso sein.
Von den Stuttgarter Vorträgen hörte ich mit Freude, daß Du mit dem Eindruck zufrieden warst. Ich bin begierig, ob Frau v. Buchwald, die Schoepffersche Nichte, Dich wieder hörte. Sie war beim vorigen Mal sehr davon begeistert. –  – Du solltest Durchreisende auf Deine Sprechstunde verweisen. Aber ich weiß wohl, das wäre grausam. –
Ob Deine Müdigkeit auch von dem Kälteeinbruch kam? Ich bin ja immer ein Murmeltier und könnte einen Winterschlaf antreten.
<Kopf> Das merkst Du wohl an der inhaltlosen Karte, die ich in Dielbach an Susanne schrieb. Sie blieb ohne <li. Rand> Marke, weil ich vergessen hatte, welche mitzunehmen. Sie wars auch nicht wert.
<Fuß S. 1>
Und nun noch viele innige Grüße Dir, und einen guten Semesteranfang morgen.
Deine
Käthe.