Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20./21. November 1949 (Heidelberg)


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<im Scan sind die S. 1+3 am re. Rand abgeschnitten>
Heidelberg, 20.XI.49
Mein liebes Herz!
Der Sonntagabend soll doch nicht vergehen, ohne daß ich Dir wenigstens noch einen sichtbaren Gruß schicke. Obgleich ich ja eigentlich nichts erlebe, sind die Tage doch immer ausgefüllt bis zur völligen Ermüdung. Soeben aber komme ich aus der Stadt, wo ich bei Frl. Seidel einen sehr guten Tee zu trinken bekam und der hat mich ungewöhnlich belebt. Es ist immer sehr nett, wenn man mit ihr gemütlich zusammen ist, so abgehetzt wie sie im Drang der täglichen Arbeit auch sein mag. Sie erzählte von der Wiesbadener Ausstellung der Bilder aus dem Berliner Kaiser-Friedrich-Museum, und ich sah den Katalog und ein schönes Boticelli-Album. Die Ausstellung, zu der man von hier mit einem Auto für Tagesausflug fahren konnte, hätte ich auch sehr gern gesehen. Aber ich habe nicht mehr den Mut für solche Sachen. Und doch reut mich das wieder, denn ich versimple
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| wirklich bei solcher Enthaltsamkeit. Auch daß ich mir vorgenommen habe in diesen dunklen Wintermonaten nicht mehr abends auszugehen, werde ich kaum durchführen können. Denn es ist ja bald schon um 4 Uhr Nacht und ich wäre dann völlig wie eingesperrt. Auch heute nach dem guten Tee zu zweien, was doch wirklich keine Extravaganz ist, war es beim Rückweg völlig dunkel. – Das Wetter ist noch immer recht angenehm, gestern etwas neblig und gegen Abend leichter Regen, heut wunderschöne warme Sonne. Ob Ihr etwas Hübsches unternehmen konntet? Die Wälder [über der Zeile] Berge sind noch von einer fabelhaften Schönheit mit den Wäldern im vielfarbigen reichen Laubschmuck. Bei uns hat im Stadtgarten sogar der Gingo noch fast sein ganzes goldenes Laub. –
In meinem Zimmer sind jetzt die Wände durch das ständige Heizen ganz angewärmt. Ob es auch bei stärkerer Kälte vorhalten wird, muß sich erst erweisen. Den kleinen Sparofen,
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| der neben dem anderen stand, habe ich auf den Boden spediert und dadurch doch etwas Raum gewonnen. Ein neues Rohr ist angesetzt und der ganze Ofen schön gewichst, kurz, es ist etwas gebildeter bei mir geworden. Alles in allem für 5 DM. –  – Gestern war ich auf dem Friedhof und habe bei Knapsens und bei Adele ein paar bescheidene Blümchen hingelegt. – Ob wohl der Marienfriedhof und das Grab meines Vaters noch vorhanden ist?! Von Kassel meldet Walter, daß die Stätte von Großmütterchen und Tantchen neu gekauft werden muß. Er und Hans wollen jeder 30 M zugeben, und ich bat ihn, die Sache zu regeln, mit dem Beitrag von mir, ebenfalls 30 M. Ich denke, es wird Dir recht sein, denn ich bin doch "die Nächste dorten".
Hier im Freundeskreis bereiten sich leider mehrere, den Weg in diese letzte Ruhestätte anzutreten. Der Mann von Elsbeth Gunzert-Wille, der in Hindelang eine Venenentzündung und Lungenembolie durchmachte, liegt jetzt mit Rippenfellentzündung hier in der Klinik. Der sympathische Kommunist in Ziegelhausen,
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| der Mann meiner Waschfrau, hat nach zweimaliger Magenoperation jetzt einen Tumor. Eine Operation ist sehr wahrscheinlich, wenn noch ratsam! – Und Hanna Heraucourt wird immer kümmerlicher. – Etwas noch Schlimmeres vermute ich nach dem letzten Brief von Hermann bei Irmgard, die Ihr ja wohl kennt – seiner ältesten Tochter. Sie hat periodische Lähmungserscheinungen und alles deutet meiner Meinung nach auf die schreckliche Krankheit, an der meine Schwester und Cousine Annchen Malcus starben, die multiple sklerose. –
Nun hat der "kleine" Matussek kürzlich von einem Arzt gesprochen, der eine wirksame Behandlung dagegen gefunden haben soll. Ich will ihn am Mittwoch danach ausfragen. Beim letzten Mal waren mal wieder beide Brüder bei mir; der Dr. war in der Woche vorher wieder mal krank gewesen. Wie der Bruder meint, arbeitet er zuviel mit Reizmitteln, um neben der Klinik noch für eigene Arbeit frisch
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| zu sein. Die Unterhaltung mir ihm war besonders lebhaft und anregend. Er sprach davon, daß er einem Kollegen in Amerika von einem bestimmten grundlegenden Gedanken bei der Psychoanalyse geschrieben habe, der sogleich – echt amerikanisch – eine neue "Methode" mit Nennung von M.'s Namen daraus gemacht hätte! – Ihn selbst beschäftigt augenblicklich sehr die Frage, was denn eigentlich der "Glaube" an sich sei. Alles was ich zu sagen wußte, wurde als entweder psychologisch oder religiös abgelehnt. Soweit ich verstand, sucht er einen metaphysischen Grund dafür. Auch von Freiheit war die Rede.
Sehr viel vom "Glauben" war die Rede in dem Kügelgenschen Briefen an seinen Bruder, die ich eben auf Anregung von Susanne wieder lese. Die ganze Lektüre war mir sehr anziehend durch das Bild des feinen, sensiblen Menschen, das man daraus gewinnt. Es war mir völlig neu, denn ich habe es wohl 1923, wo ich
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| das Buch (vermutlich von Dir) bekam, wahrscheinlich garnicht aufgenommen.
Auch in der Zeitung ist immer allerlei, wovon ich gern mit Dir spräche. Da war kürzlich eine Artikel von Herre, der sich entrüstet, daß die Barbara Blomberg jetzt im Drama zu einer Idealgestalt erklärt wird. – Ein Goethebuch von Wachsmuth (Dahlem?) wird empfohlen. – Ein Hans-Georg Gadamer wurde hier Philosoph. Wer ist das denn?
Erinnerst Du Dich noch an den Besuch im Heidelberger Kindergarten, wo uns Frl. Coppius so wenig zusagte? Fritz Sartorius urteilt da anders. –

Montag. 21.XI. Gestern überwältigte mich die Müdigkeit und jetzt kam nun heute Dein lieber Brief, der als Datum meines letzten Schreibens den 3. Nov. angibt. Vielleicht bilde ich mir nur ein, seitdem noch einmal kurz geschrieben zu haben? Auf alle Fälle tat es mir leid, wenn Du die Pause als lang empfunden hast, und ich kann mich nur mit der lähmenden Müdigkeit entschuldigen, die
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| die Gedanken, die immer unterwegs zu Dir sind, nicht zu Papier kommen läßt. Was Du von Deinem Befinden schreibst, macht mir natürlich ein wenig Sorge, weil Du Dich so garnicht schonen kannst, wenn Du Dich nicht wohl fühlst. Aber mit dem "Gleichschritt" hast Du wirklich wieder Recht. Seit Dielbach, wohin ich schon mit Erkältung kam, fühle ich mich noch nicht wieder normal. Ich habe eigentlich keine nachweislichen Beschwerden, aber gegen Abend fühle ich mich noch immer ein wenig fiebrig und vor allem bin ich immer müde und wie zerschlagen. So bleibt leider viel Arbeit liegen, die recht nötig erledigt werden müßte und ich werde immer nachlässiger. –
Deine liebe Karte vom 9.XI. brachte mir so viel erfreuliche Nachricht: über die so stark besuchte Vorlesung, über die Rückkehr des begabten Schülers aus Rußland und der gute Bescheid über den andren. – Von dem Erdbeben habe ich nichts gemerkt. Ich habe an jenem Sonntag bis 9 Uhr geschlafen!! Was Du von unserem "Männe" schreibst, ist ganz
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| meine Meinung. Er hat auch äußerlich viel von seinem Großvater Brose, aber er ist ein Gemisch, und dieser andre Zusatz, den habe ich doch lieb. Hierhergekommen ist er nicht mit seiner Frau, aber ihr Bild hat er geschickt, das ich aber wiedergeben muß, sonst würde ich es Dir beilegen.
Ich möchte Dir noch sagen, daß ich Dir von dem Beitrag zur Kasseler Grabstätte nicht etwa schrieb, weil mir die Ausgabe zu groß wäre; ich bin ja durch Deine Güte so versorgt, daß ich trotz mancher nötigen Anschaffung in letzter Zeit augenblicklich noch mehr als 200 M im Hause habe. Ich möchte nur gern Dir Rechenschaft geben über die Verwendung. –
In der Zwischenzeit war ich einmal im Schoepfferschen Hause bei dem Bruder der verstorbenen Frau und dessen Tochter. – Und einmal war ich mit Frau Buttmi in einer Versammlung der FDP, wo die Stadtväter über die Sorgen der Stadt für Gas, Wasser, Strom und Wohnungsbau berichteten. Wenn die Wege in die Stadt nicht wären, hätte ich gern die Fortsetzung der Goethe-Vorträge besucht. Aber ich muß verzichten. – Wie schön denke ich mir Deine Vorlesungen, und wie wird die Studentenschaft davon bewegt sein. Da ist Deutschland noch am Leben.
<li. Rand> Ich will den Brief fortbringen, so dürftig wie er ist. Als Drucksache kommen <li. Rand S. 7> ein paar Zeitungsausschnitte, die mir auffielen. Und unsichtbar kommen <li. Rand S. 6> viele liebenden Gedanken und treue Wünsche.
Deine Käthe.

[li. Rand S. 5] Sage doch Susanne vielen Dank für ihren lieben, mich sehr erfreuenden Brief.