Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. November 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg, 29. Nov. 49
Mein liebes Herz!
Heut kam Deine Druckfahne als Adventsgruß und erfreute mich, was bei diesem trüben Wetter not tut. Habe Dank, ich freue mich sehr wieder mal etwas von Dir zu lesen und habe mirs für den Abend aufgehoben. Mir gegenüber auf dem Tisch steht Dein Bild aus Mainz und versetzt mich lebhaft in die Abendsituation an Deinem Schreibtisch in Tübingen. Wie gern würde ich mich gerade heute da überzeugen von Deinem Befinden, das mich durch Deinen letzten Bericht etwas beunruhigt. Hoffentlich ist auch bei Dir das Fiebergefühl ohne weitere Folgen abgeklungen. Ein Ausflug am Samstag wird wohl kaum möglich gewesen sein, bei uns wenigstens war das Wetter unfreundlich und regnerisch. Aber jetzt steigt das Barometer wieder und vorhin ging ich mit Frau Buttmi den oberen Weg an der alten Wohnung vorbei bis zum stattlich ausgebauten Eingang des Friedhofs.
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| Ich holte sie dazu ab, denn ich hatte solch Verlangen nach einem Weg im Freien. Es wachsen da verschiedene schöne Häuser empor, und auch unten an der Landstraße vermehren sie sich wie die Pilze. Die Straße ist jetzt bis zur Markscheide mit doppelgleisiger Elektrischen stattlich ausgebaut, geradezu imponierend. Und die Bahn fährt jetzt bis zum Eichendorffplatz alle 6 Minuten, immer zwischen den Fernwagen, die meist zwei Anhänger haben, noch ein Einzelwagen. – Auch Straßenbeleuchtung ist wieder eingeführt, was mir recht tröstlich ist. – Seit wir Nebel und Nässe haben, fällt das Laub nun doch endlich. Es war noch so schön bei meinem letzten Weg nach Ziegelhausen.
Den gestrigen Sonntag habe ich sehr angenehm verlebt bei Frau Franz, zu Mittag und Nachmittag mit Hedwig Mathy zusammen. Da gibt es nach dem Essen immer eine allgemeine Ruhepause, und nach dem guten Kaffee noch ein gemütliches Plaudern, der Kaffee hat mich
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| aber heut nachts im Schlafen gestört. Ich bin jetzt nur noch Ersatz gewöhnt; und finde ihn ganz ausreichend und bekömmlich.
Was mich sehr beschäftigt, ist der Tod von Radbruch. Ich hatte immer im Sinn, seit ich durch die Goethe-Vorträge wieder beweglicher geworden war, eine Gelegenheit zu suchen, wie ich Radbruch hören und einen Eindruck seiner Persönlichkeit gewinnen könnte. Nun habe ich das endgültig versäumt. Überhaupt denke ich darüber nach, wie sehr ich durch die lastenden Ereignisse der letzten Jahre um jede Berührung mit dem geistigen Leben in Heidelberg gekommen bin. Bei dem erschreckenden Nachlassen von meinem Gedächtnis lohnt es sich ja auch eigentlich garnicht mehr, Anregung zu suchen. Und ich bin ja im Grunde auch ausgefüllt, von dem, was ich durch Dich und mit Dir erlebe. Wie freue ich mich nun heute wieder auf die Berührung mit Deinen Gedanken!
Matusseks kamen am Mittwoch leider wieder nicht. Ich hatte so gern nähere Erkundigung einziehen wollen über die Heilmethoden der multiplen Sklerose.
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Bei Frl. Schupp hörte ich, daß Herr Conrad jetzt in einem sehr eleganten Neuenheimer Fremdenheim wohnt, wo auch mir bekannte Aniliner schon länger sind und es sehr gut finden. Er ist nur unzufrieden, daß sein Zimmer nach Norden geht. Das kenne ich ja auch. Aber ich glaube, ich würde es doch unbedingt dem Blick auf die Baracken und die Wäsche an der Leine vorziehen.
Meine Zeitungsausschnitte wirst Du inzwischen bekommen haben. Der Bericht über Tibet ist nicht weniger aufregend als der s. Z. von Sven Heddin. Das Verfahren erinnert an die griechischen Orakel. Was hältst Du von dem Martinszug? Habt Ihr auch einen gehabt? Ich meinte, er hätte nur Sinn, wo er Tradition ist. Aber jetzt wird ja alles gefeiert, was irgend möglich ist. Auch der typische Sommertagszug von Heidelberg wird verallgemeinert. – Auch das Glücksspiel ist große Mode. In unserer Straße haben zwei junge Ehepaare je 10000 M. gewonnen. Ist ja nicht so übel, nicht wahr?
<kein Briefschluß – vermutlich erst mit dem folgenden Brief zusammen abgeschickt, siehe dessen Anfang>