Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2./3. Dezember 1949 (Heidelberg)


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<im Scan ist der re. Rand oben von S. 1 leicht abgeschnitten>
Heidelberg, 2. Dezember 49
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Mein liebes Herz,
da hörte ich am Montag auf, mit der Absicht am nächsten Tage weiter zu schreiben, denn ich war zu müde. Aber eine dringende Hausarbeit verbrauchte alle verfügbaren Kräfte. Ganz überraschend hatte ich einen großen Korb Quitten geschenkt bekommen, die ich nicht verderben lassen durfte. Obgleich ich im Freundeskreis ausbot, blieb mir doch ein Teil, der mir recht viel Arbeit machte. Nun ist aber, nach den üblichen Reinmachen am Freitag vormittag, Ruhe und ein behagliches warmes Zimmer und ich hoffe, meine oft so lahmen Gedanken, recht wie ich möchte, zu Papier zu bringen.
Inzwischen kam ja auch Dein lieber Brief, sehr zu rechter Zeit. Denn ich fing gerade an, mich ernstlich zu beunruhigen, weil Du von Husten, Fieber und Schmerzen geschrieben hattest und weil die Drucksache von Susanne adressiert war. Schon sonst ist nämlich vorgekommen, daß sie
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| mir einen ähnlichen Gruß schickte, wenn Du nicht in der Lage warst zu schreiben, und der wahre Grund nicht gesagt werden sollte. Aber wir haben ja ausgemacht, immer die Wahrheit zu melden, und so war auch diesmal meine Besorgnis töricht. Doppelt erfreut war ich daher, von Eurem Sonntag in Freudenstadt zu hören. Hier war das Wetter nicht einladend, und ich bin froh, daß Ihr es doch leidlich traft. Du hast Freudenstadt doch inzwischen mehrfach wiedergesehen, ich würde es wohl ziemlich fremd finden.
Inzwischen kam auch Deine so weitreichende Postanweisung! Auch dafür danke ich Dir sehr herzlich. Du wirst es verstehen, mit welch inniger Dankbarkeit ich Deine so treue, immer bereite Hilfe annehme, wenn ich auch immer dabei den schmerzlichen Hintergedanken habe, daß Dir damit eine große Last zugemutet ist.
Was Du nun über meine näheren und ferneren Angehörigen schreibst, ist sicher sehr berechtigt, aber bei genauerer Kenntnis der Sachlage gibt es doch allerlei mildernde Gründe.
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| Vor allem bei den Vettern, mit denen ich doch immer nur in sehr lockerem Zusammenhang gewesen bin. Was das Grab in Kassel betrifft, so habe ich seit 1919 immer die Pflege bezahlt, bis 1943? glaube ich, eine Bombe die Stätte beschädigte. Damals wurden in der Familie einige Briefe darüber gewechselt, aber ich verlor es aus dem Gedächtnis, wie so manches in dieser wechselvollen Zeit. – Jetzt nun schrieb Walter an mich, daß er die Gräber seiner Eltern neu herrichten lasse, und dabei erfahren habe, daß Großmütterchens Grab jetzt, nach 50 Jahren [über der Zeile] am 16.XI. verfallen würde, und man es für 180 M auf weitere 50 Jahre, oder für 90 M für 25 Jahre wieder mieten! könne. Er und Hans wollten je 30 M beitragen, sie hätten die gleiche Sachlage beim Grab ihrer Eltern. Ich möchte mich bald entschließen. Er hätte beantragt, daß sie mit dem Abräumen noch einige Zeit warten möchten. Da war ja Eile nötig, und ich trug natürlich von selbst das Fehlende bei, fragte aber, ob Walter auch an meine Geschwister geschrieben hätte? Ich bat ihn, die Besorgung der Angelegenheit zu regeln, da er ja doch in der Nähe ist und alles
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| durch Augenschein kennt. – Beide Brüder sind jetzt pensioniert, und Walter ist sicher günstiger daran als Hans, der eine Tochter zu erhalten hat, die seit Jahren auswärts ein Musikstudium betreibt.
Was meine Situation betrifft, so haben sich Ruges mit Sorge erkundigt, und mir gesagt, daß ihre Einnahmen sehr reduziert seien, weil Karl nur Kassenpatienten [über der Zeile] hatte, und keine Operationen mehr ausüben konnte, da er keine Klinik sondern nur Sprechstundenpraxis hatte. Jetzt wird es allmählig besser, aber sie haben in Rügen die älteste Tochter mit vier Kindern zu unterstützen, deren Mann in Frankreich verschollen ist. — Hermann hat ja auch wohl alles verloren, und jetzt nur eine bescheidene Pension, dazu nun die neue Heirat! Und an Beruf ist bei seinem Alter nicht mehr zu denken. Der stellenlose Dieter wird vermutlich auch unterstützt werden müssen. Es sind alles recht dürftige Verhältnisse. Und Du kennst ja Hermann, er ist oft recht wirklichkeitsfremd
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| und macht sich irgend eine Theorie zurecht, die ihn befriedigt.
Der einzige Mensch, der mir ganz überraschend mal etwas schenkte, ist Anneliese v. Schlotheim, geb. Malius. Sie schickte mal 20 M die sie von einer dankbaren Patientin unvermutet bekam, und nach der Währungsreform zum Geburtstag 10 M. Mit einem sehr lieben Brief. – [über der Zeile] Aus einem Schreiben von Walter erinnere ich mich, "daß [über der Zeile] die Währungsreform uns nicht viel Erleichterung verschafft hätte, sondern unsere Lage würde immer schlimmer."

3. Dez. Du merkst wohl, daß es mit dem Schreiben nicht mehr gehen wollte, und es kam auch Frau Buttmi, die mich zu dem abendlichen Zusammensein abholen wollte, das wir für den Freitagabend mit ihrer Freundin, auch einer Lehrerin: Frl. Ingold, verabredet haben. Mal bei ihr, mal bei mir! Ich hätte es über dem Wunsch, zu schreiben, beinah vergessen. Aber auch das Schreiben will garnicht ordentlich gehen. Es ist ein solcher Mangel an Initiative in mir, daß ich bei
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| allem, was ich tun möchte, nach dem ersten Anlauf schon denke: geht es nicht auch ohne das? Dabei lastet doch so viel unerledigte Arbeit auf meinem Gemüt, und der Wunsch nach geordnetem Leben ist so lebhaft in mir. Statt dessen fällt mir in stillen Nachtstunden so viel unverbesserlich Versäumtes aus dem langen Lauf des Lebens schwer auf die Seele. "Denn unsre Missetat stellest Du vor Dich, und unsre unerkannte Sünde in das Licht vor Deinem Angesicht" — denn der 90. Psalm und Corinther I,13, das sind mir die vertrautesten Worte der Bibel.
Und so komme ich bei ernstem Nachdenken doch mehr zu der Überzeugung, daß die Schuld an der "Gedankenlosigkeit" meiner Familie zum Teil in ihren eigenen ungünstigen Verhältnissen, und auch in der Ausschließlichkeit meiner Lebensführung gelegen hat. Und im Lauf der letzten Jahre ist der persönliche Verkehr und die briefliche Beziehung immer erschwerter
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| geworden. So kam ich auch mit meinen Sorgen und Schwierigkeiten nur zu Dir, der Du noch ehe ich selbst die Tragweite der Ereignisse einsah, in liebevoller Fürsorge meiner vernichteten Existenz aufhalfest. Aber ich fürchte, daß Du damit eine Verpflichtung auf Dich genommen hast, die mich schon lange beunruhigt. Denn die Verhältnisse verschlechtern sich beständig. – Ich bin leider nur im Sparen von wirtschaftlicher Anlage, nicht im Erwerb. Und jetzt bin ich schon viele Monate ohne Arbeit, d. h. Berufsarbeit! Und ob bei der Soforthilfe etwas herauskommt, wissen die Götter!
Und so sehe ich mit Bedenken, daß ich immer nur Ausgaben mache, als wäre das selbstverständlich. Gerade jetzt gab es mancherlei Anschaffungen, denn alle Gebrauchsgegenstände sind alt und es geht trotz möglichster Schonung manches entzwei. Da ist die Reserve, die eigentlich auf die Sparkasse sollte, doch etwas reduziert. Aber Du sagst ja auch, man hat so viel vergeblich gespart, da ist es wohl erlaubt, nötige Dinge zu ergänzen.
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Nun verzeih, bitte, diese endlose Epistel und lies sie erst abends, wenn Du Zeit hast. Sie soll Dir sagen, daß ich Deinen Brief in Liebe verstanden habe, und ihn von Dir auch verstehe, wenn ich auch aus der Gesamtsituation das Verhalten meiner Angehörigen mir erklären kann, und ihnen nicht übel nehme. Aber es ist betrübend, solch ein überflüssiges Mitglied der Menschheit zu werden.
Paul Matussek konnte ich Deine Ermahnung noch nicht zuteil werden lassen. Er kam am Mittwoch nicht mit. Es geht ihm aber wieder besser.
Und nun will ich diese Bogen noch zur Post bringen und hoffen, daß sie am Montag bei Dir sind. – Heute hat es den Versuch gemacht, zu schneien; aber es wurde nur Matsch. Ob es bei Euch schon unter Null ist? Mein Ofen macht seine Sache gut und ich brauche nicht viel Material. Und bei allem was mir täglich Gutes widerfährt, denke ich dankbar an Dich, Du Lieber. Und meine treuen Wünsche begleiten Dich und Dein Wirken. Von ganzem Herzen
Deine Käthe.