Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. Dezember 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Dez. 1949
Mein lieber Einziger!
Die beiliegende Anzeige sagt Dir, welch eine schmerzliche Woche hinter mir liegt. Der so ganz unerwartete Tod dieser still verehrten Frau hat mich tief getroffen, und ich hatte das schreckliche Gefühl mit all meinem Denken an sie ins Leere zu greifen. Ich habe jetzt seit Jahren viel Güte in diesem Haus erfahren, und die Veranlassung zu diesem Verkehr war eigentlich die Not der Zeit. Aber es war außerdem ein stilles Einverständnis zwischen uns, das bei gelegentlichen Gesprächen wohltuend zum Ausdruck kam. Sie war eine bedeutende Frau, und der Verkehr mit ihr war mir zum Lebensgewinn geworden, wie man ihn in meinem Alter wohl nur noch selten findet. – Am Donnerstag fand im Weißen Haus eine Gedenkstunde statt, in den Räumen, die früher für Geselligkeit geöffnet waren, und die jetzt teilweise
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| von Conrads bewohnt sind. Sehr schöne, ergreifende Musik von Cembalo und einer eigenartigen Flöte und eine sehr verständnisvolle Würdigung des Lebensganges der Verstorbenenx [li. Rand] x von einem Neffen v. Braunbehrens gaben einen harmonischen Ausklang. Nachdem auch noch – ich weiß es nicht ob Herr Conrad oder Prof. Ernst – sehr warme Gedächtnisworte gesprochen hatte, schloß wiederum die tiefernste Musik die ungemein weihevolle Stunde. Das war sehr schön und dieser eigenartigen Frau würdig.
Jetzt lastet noch die große Sorge um die beiden Patienten im Mannheimer Krankenhaus, die die Katastrophe überstanden haben, aber durchaus nicht so leicht verletzt sind. Und das ganze Unglück geschah bei einem beabsichtigten Besuch der Mannheimer Picasso-Ausstellung, durch unvorsichtiges Bremsen des Führers, eines Studenten.
Verzeih, mein liebes Herz, daß ich so ausführlich in dieser Sache bin. Sie hat mich die ganze Woche über tief bewegt und all die letzten
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| Fragen an das Leben aufgewühlt. Das Erste, was einem bewußt wird, ist ja gewöhnlich das Gefühl, wie viel man versäumt hat, lebendig zum Ausdruck zu bringen.
Schon vorher waren meine Gedanken immer wieder zu Deinem Aufsatz für die "Neue Zürcher" zurückgekehrt. Der war mir so recht die Einleitung in die Adventsstimmung gewesen. Und dann klang er so zusammen mit dem Bild dieses abgeschlossenen Lebens, das in erster Linie ästhetisch, und ebenso voll echter Güte war. Durch Deine Worte gewinnt mir der Faust immer mehr an innerer Einheit: als Kunstwerk und als menschliche Bestimmung. Gerade im Augenblick des Todes erkennt man doch so erschreckend das Unzulängliche des besten Willens und daß es mangelnder Wirklichkeitssinn ist, wenn man die versöhnende Lösung zum Schluß dem Unbußfertigen nicht "angemessen" findet. Da leuchtet die christliche Botschaft von der "Erlösung" durch Liebe, die im kirchlichen Dogma so unverständlich bleibt.
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Bei diesem Unzulänglichen kommt mir auch das Ungenügen meines letzten Briefes in den Sinn. Ich hatte Dir recht schildern wollen, wie ich ganz selbstverständlich freudig bereit war, meinen Beitrag für die Grabstätte zu geben, da ich mich doch als die Nächstverbundene der beiden lieben Verstorbenen fühle, mit denen ich seit meinem dritten Lebensjahr in unmittelbarer Gemeinschaft lebte. Da war ich geborgen in steter Fürsorge. Das ich – seit Onkel Hermanns Tode – in der ganzen Familie keinen Rückhalt mehr hatte, schob ich, besonders in den letzten Jahren auf den Rückgang der Verhältnisse. Daß ich nicht mehr darunter litt, das hat Deine immer bereite Güte verhindert, die ich so selbstverständlich mit freiem Herzen annehme, wie ich mir der gleichen Gesinnung für Dich bewußt bin, wenn ich sie auch garnicht betätigen kann. Aber es ist mir schon oft bewußt geworden, daß ich zu sehr gewöhnt wurde, diese Sicherung meiner Existenz hinzunehmen und eigentlich völlig über meine Verhältnisse zu leben. Ich glaube sparsam zu sein, und habe auch früher
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| nie mehr ausgegeben, als ich zur Verfügung hatte – im Gegensatz zu jemand, der mich gerade jetzt wieder (natürlich vergeblich) anpumpen wollte! Aber wie verträgt sich solche Ablehnung mit christlicher Nächstenliebe? Und für mich selbst geht mir doch das Geld so glatt durch die Finger! So habe ich mir gestern nach jahrelangem Zögern ein paar wollne Schuhe gekauft. Denn meine waren nur noch Lumpen und mein Zimmer ist doch so fußkalt.
Und da ich nun von all dem Herzbewegenden ins Materielle gekommen bin, will ich Dir doch gleich noch mitteilen, daß der Vorbescheid im Betreff der Soforthilfe gekommen ist. Es wird also von den 70 M Unterhaltshilfe wirklich die Altersrente mit 53,20 M abgezogen, also 16,80, d. h. 17 M monatlich gezahlt. Dazu kommt eine Nachzahlung für April bis Oktober mit 150 M. die in Teilzahlungen gemacht wird, deren Abrechnung ich nicht verstehe. Es wird sich also die monatliche Rente
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| jetzt statt der 53 M 20 auf etwa 90 M, mit der Nachzahlung belaufen. Ich hatte in Deinem Sinne auf mehr gehofft, aber immerhin ist es bis auf weiteres ein kleiner Zuschuß. Denn mit dem Verdienen scheint es nichts mehr zu sein. Und zum Verkaufen habe ich kein Talent. Ich wollte, es würde mir da mal jemand Sachkundiges helfen!
Nun muß ich mit dieser nüchternen Prosa Schluß machen, damit ich den Brief noch in den Kasten bringen kann. Ich möchte Dir nur gern noch mitteilen, daß all meine 3 Dauerpatienten noch leben, z. T. gebessert, z. T. nicht. – Paul Matussek habe ich Deine Mahnung ausgerichtet, und er läßt sagen, daß ein großer Teil seiner zeitweisen Erschöpfung eine Folge der anstrengenden psychotherapeutischen Behandlung gehäufter schwerer Fälle sei.
Doch nun gute Nacht! Hoffentlich hast Du eine ausruhendes Wochenende gehabt und fängst mit frischen Kräften die neue Woche an. Ich grüße Dich innig und denke Dein bei allem was ich erlebe
Deine Käthe.

[li. Rand] Grüße auch Susanne herzlich.