Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. Dezember 1949 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21.XII.1949
Mein liebes Herz!
Vor Weihnachten sind die Tage auch bei mir überbesetzt und es ist keine eigentliche Schreibruhe. Aber wenn überhaupt noch ein schriftlicher Gruß am Heiligabend bei Dir sein soll, muß ich heute noch den Versuch dazu machen, nachdem der jüngere Matussek fortgegangen ist. Einen richtigen Brief hoffe ich in der Stille des 24. zu schreiben, während Ihr, wie ich hoffe, auch eine weihnachtliche Feierstunde habt.
Dein lieber Brief vom 8. war mir eine besondere Freude, und seine Ermahnungen sind auf fruchtbaren Boden gefallen, denn ich war in manchem schon zu gleicher Ansicht gekommen. Über Einzelheiten erstatte ich nächstesmal Bericht!
Gestern hatte ich schon eine recht stimmungs
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|volle Stunde bei der musikalischen Schulfeier, die Herr Buttmi leitete. Ganz besonders bewegt mich immer der Chor der kleinen, jubelnden Kinderstimmen, die in der feinen Schulung sehr ausdrucksfähig wirken. – Zum ersten Feiertag hatte mich Frau Heinrich eingeladen, und so sagte ich natürlich bei Frau Franz ab, die den Tag unbestimmt gelassen hatte, und dann auch auf den 1. Weihnachtstag verfiel. Nun ist aber Herr H. erkrankt, und so werde ich still zu Hause bleiben, was mir ganz lieb ist.
Heute habe ich von dem Gärtner an der Rohrbacher Landstraße bei Bethanien wieder die üblichen schönen Tannenzweige geholt und sie schmückten schon mein Zimmer, als Matussek kam. Leider allein, denn der Bruder ist wieder krank, aber diesmal völlig unverschuldet. Er hat einen üblen Furunkel am Knie, und soll eigentlich in die chirurgische Klinik,
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| liegt aber vorläufig in seinem Zimmer in der Psychiatrischen. Er ließ mir durch den Bruder auftragen, Dir doch sehr herzliche Grüße auszurichten da er leider selbst nicht schreiben kann. Es ist recht übel gerade jetzt zum Fest, da es fraglich ist, ob er zum Vater nach Marbach kann. Hoffentlich hilft das Penicilin, denn ein operativer Versuch war erfolglos. – Mit dem Bruder las ich den Goethe-Aufsatz, und wir waren sehr andächtig. Mit ihm habe ich immer sehr offenherzige Gespräche über religiöse Fragen. – Durch Trudel Nitsche bekam ich von Springer umsonst einen Abzug des Sonderdrucks, den ich gern Frl. Dr. Clauß verehren wollte. Ich weiß, wie sehr sie an Deiner Auffassung interessiert ist, und ich wüßte nichts Besseres, um ihr meine Dankbarkeit zu bezeigen.
Ob ich Dir schon schrieb, daß mir Heinrich Eggert ein nettes Päckchen schickte? Der ist ja auch oft etwas wunderlich, aber von Herzen gut! Es ist mir nur immer betrübend, von allen Seiten verwöhnt zu werden, und selber so wenig für andere zu tun. – Ob Du gespürt
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| hast, wie gern ich den Kalender recht hübsch gemacht hätte? Aber es fiel so dürftig aus und ich merkte recht, wie die Kunstfertig[über der zeile] keit nachläßt. Ich war nur froh, daß es wenigstens zur Zeit fertig wurde. – Zu den Federn habe noch ein nettes Erlebnis zu berichten. Die beiden schönen elfenbeinweißen Entenfedern riß Frau Steidel vor meinen Augen dem Vogel aus. Eilend entwischte er ihr und direkt auf die andere Ente los, der sie unter beständigem Dienern mit deutlicher Entrüstung [über der Zeile] laut schnatternd erzählte, was ihr passiert war. Es war so dramatisch, daß man lachen mußte; und eine unverkennbare Vogelsprache.
Ob Euer "Student" reisefähig ist oder ob er bei Euch sein wird? Diese Furunkel scheinen eine Art Epidemie zu sein. Hier fing auch Frau Buttmi wieder damit an, und was für besonders unangenehm gilt, in der Nase. Es wurde aber nicht schlimm.
Im weißen Haus hörte ich, daß die Schwester von Frau Deetjen noch immer gelähmt sei, dagegen geht es Fräulein zur Nieden besser. – Möchten die Weihnachtsbriefe von allen Seiten gute Nachricht bringen, daß man den Frieden auf Erden noch <li. Rand> einmal zu genießen meint! Mag er auch nur in unserem Herzen sein.
<Kopf>
Und so: von Herzen
Deine Käthe.

[li. Rand S. 3] Grüße Susanne sehr herzlich. Ich schreibe bald auch an sie!