Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25./26. Dezember 1949 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg, 25.XII.1949
Mein liebes Herz!
Nun ist es doch 1. Feiertag geworden, ehe ich den versprochenen Brief anfange. Und gestern blieb es beim stillen Gedenken, wozu Eure lieben Briefe mit ihren eingehenden Mitteilungen recht lebendige Anregung gaben. Aber es fehlte die Energie zum Schreiben, denn die Liste der nötigen Schreiben, die in diesen Tagen mein Gemüt belastet, hat mir allen Mut genommen. Und so fange ich denn wieder einmal mit Dir an, und hoffe, daß dann die Andern leichter folgen.
Wie weihnachtlich froh hat mich Dein lieber Brief gemacht, der eine so frische Stimmung atmet. Dich gesund und zufrieden zu wissen ist für mich zum Leben notwendig. Dann ist es mir keine Schwierigkeit froh zu sein, und die Erinnerungen geben nur Anlaß, dankbar zu sein. Auch die schöne Mappe mit den Klosterbildern hat dazu beigetragen und ich lasse mir gern die Hoffnung wecken, einmal mir Dir das schöne Maulbronn zu besuchen. Wie immer
[2]
| ist Deine Gabe natürlich das Schönste, denn was ich hier von allen Seiten sehr liebenswürdig bekam sind nur Fressalien! Auch Hermann, Heinrich Eggert und Kohlers eingeschlossen. Die beiden H.'s haben merkwürdigerweise Kaffee! geschickt. Und dabei fällt mir ein, daß Du die Antwort auf Deine sanitären Ermahnungen noch vermißt hast, die ich für diesen Brief aufschob. Also, mit dem Cognak kann ich mich nicht befreunden, und entbehre ihn auch nicht. Aber was ich als besseres Stärkungsmittel empfinden würde, und was ich seit geraumer Zeit nicht mehr angeschafft habe bei der unerhörten Teurung das ist für mich wieder ein Ei. Das könnte ich mir für die bewußten 20 M bei den heutigen Preisen etwa 40× leisten, und da hoffe ich auf Deine Zustimmung. Alkohol ist ein momentaner Antrieb, aber keine Stärkung und hat einen Rückschlag zur Folge, das wollen wir für unser nächstes Zusammensein aufheben!
Daß ich mich bei den zwei Einladungen zu heute "zwischen zwei Stühle" setzte, hat Dir der Weihnachtgruß schon gesagt. Ich habe es aber weiter nicht beklagt, denn ich habe mich heute mal so
[3]
| recht nach Herzenslust ausgeruht, morgens und nach Tisch lange geschlafen. – Am 2. Feiertag werde ich zum Kaffee bei Pfarrer Koelle sein, wo nicht die Tochter Gunhild, sondern die Nichte Frau von Buchwald Hausfrau spielen wird. Und am Donnerstag werden die Herrschaften dann zu mir kommen, mit Frau Héraucourt und Tochter Hanne zusammen. – Am Vormittag morgen denke ich mal wieder im Weißen Haus nach dem Befinden der beiden beim Autounfall Verletzten zu fragen. Von Frau Deetjen habe ich Dir wohl immer nur berichtet, daß ich dort in ihrer großen Gärtnerei aufs Liebenswürdigste mit Gemüse und Obst versorgt wurde. Aber die geistig-künstlerische Atmosphäre habe ich wohl nicht besonders erwähnt. Das war jedesmal eine besondere Freude und ich kam in letzter Zeit eigentlich nur noch deswegen zu einem kleinen Besuch dorthin. Ich denke gern an das letzte Zusammensein mit der schwer zugänglichen, aber gütigen Frau. – Die Schwester, Frau von Braunbehrens, hat nahe bei dem alten Kahlhof ein Landhaus, in dem jetzt der Sohn mit seiner Frau wohnen soll.
[4]
| Sie selbst war vor etwa 14 Tagen noch sehr krank, fast gelähmt. Jetzt möchte ich gern Näheres hören. Eventuell geben mir Konrads Auskunft.
Diese Autounfälle sind schrecklich, und bei dem rasenden Fahren jetzt sehr häufig. Wie mag das Unglück mit Sabine geschehen sein? Und wer betreut jetzt das Kind? Von Sabine hörte ich zuerst durch Frau Rohde, die ganz verliebt in das Kind war, das sie wohl bei Honigs versorgt hatte? Von Mariannchen sprach sie nicht, die hat mir damals in ihrer kindlich heiteren Art sehr gefallen. –  – Das Leiden Deines Vetters Ernst Körner (Potsdam?) wiederholt sich hier bei Herrn Rehberger, dem Mann meiner Waschfrau, dem sozial tätigen, überzeugten Kommunisten. Auch da nehme ich innerlich teil und will im Laufe der Woche wieder nachfragen. Damit verbindet sich immer ein Besuch bei Frau Frobenius und Mutter, was immer etwas mit geteilten Empfindungen verbunden ist. Ich fürchte dort wird man in eine Katastrophe steuern, aber ich bin eben zu "geizig", um etwa abzuhelfen!! Und dieser "zunehmende Geiz" hat bereits dazu geführt, daß
[5]
| ich in diesem Monat über 25 M mehr als sonst im Durchschnitt ausgegeben habe! Lieber, Goldener es ist doch nötig zu sparen, und ich bin von jeher dazu erzogen, vernünftig einzuteilen. Aber für Luxus haben wir es doch jetzt nicht übrig, wo so viele Mangel leiden. Ich finde immer, daß ich es sehr gut habe, wenn auch die allgemeinen Verhältnisse mein Niveau herunter drückten. Aber ich habe nicht Sorge ums tägliche Brot, und das danke ich Dir, Du Guter.
So sitze ich also täglich im gut geheizten Zimmer, was auch meine Besucher immer anerkennen, und was bei Dürre's trotz der hohen Kosten nicht der Fall war. Dort hatte ich es aber bequem, und hier muß ich selbst heizen! Ich habe aber Geschick und Freude daran, nur verdient man nichts dabei. Und mit den Aufträgen ist es seit Monaten nichts mehr.
Es ist mein Bemühen, mein restliches Hab und Gut möglichst vereinfacht und geordnet einzurichten. Es kommt nur meist über den erneuten Ansatz dazu nicht hinaus. Auch da
[6]
| ist ja der "Geiz" in gewissem Sinne hinderlich. Ich möchte nichts verschleudern, sondern die Sachen möglichst zweckmäßig verwerten. So z. B. die Bücher, die auf dem Speicher in der Kiste stehen. Aber ich kenne den Wert nicht und wenn ich mal tot bin, wird man sie doch Hals über Kopf verkaufen müssen. Also wäre es besser, ich täte es jetzt mit Vernunft. Aber ich bin untüchtig dazu, leider.
Und meine Gedanken sind auch von anderem erfüllt. Teils sind es Sorgen im Familien- und Freundeskreise, teils Betrachtungen allgemeiner Art. So ist es eigen, wie die Menschheit als Ganzes gleichzeitig an den verschiedensten Stellen zu gleichen Überzeugungen und Einstellungen kommt. Es ist der Zeitgeist, in den der Einzelne eingebettet ist und so wollen wir hoffen, daß die Kraft der Liebe auch im allgemeinen Leben zu voller Reife sich entwickele, zur Überwindung all des Schauerlichen, was die politische Wirklichkeit und dämonische Bosheit entfesselt. Mit Goethe und mit dem Evangelium haben wir in diesen weihnachtlichen
[7]
| Tagen neu die Gewalt dieser höchsten Urkraft empfunden, die zugleich Leben-weckend und Leben überwindend ist. Du sagst, "daß wir von dieser Liebe nichts wüßten, wenn wir als Menschen nicht zuerst geliebt worden wären". Ja, jedes Kind in seiner rührenden Hilflosigkeit wird ganz selbstverständlich mit Liebe umhegt, sie kommt ihm von außen entgegen, und daran wächst es zu eigenem Empfinden, bis es von diesem Gefühl selbst überwältigt wird und es sich durch manche Kämpfe hindurch zu höchster Offenbarung entfaltet. – Durch Not und Kämpfe geht die Menschheit jetzt wieder besonders, und deshalb suchen die Einsichtigen den Weg zu neuem Leben zu zeigen. Sieh dieses Zettelchen, das unmittelbar nach dem Weltkrieg geschrieben war – und jetzt wieder die beiden Goetheaufsätze! – Da ist es mir wie eine Bundesgenossenschaft, was in unserer Zeitung von einem Pater Ambrosius geschrieben ist, der mit einer fabelhaften Wirksamkeit in gleichem Sinne für alle Volksschichten Italiens predigt. Die Kirche weiß sich diesen Begeisterten gleich sinnvoll einzugliedern. Ein deutscher Gelehrter ist auf die persönliche Wirksamkeit von Mensch zu Mensch angewiesen. Da freut es mich
[8]
| besonders, daß Du wieder zu den Köngenern gehst.

26.XII. Damit sind wir nun gleich ins neue Jahr gerückt, und Du weißt, wie Dich meine innigen Wünsche in diesen neuen Lebensabschnitt begleiten. Wir wollen es weiter so halten, wie bisher, tapfer, tätig und treu. Wenn auch bei meiner Tätigkeit nicht viel herauskommt, so werde ich doch im übrigen nicht versagen. Wie dankbar bin ich, daß ich Dir angehöre durch die Bestimmung einer höheren Liebe.
abends. Jetzt habe ich noch von einem wohltuenden Eindruck zu berichten, den ich beim Besuch der Frl. zur Nieden hatte. Es geht ihr wieder nahezu normal und auch Frau von Br. hat die Nervenlähmung überwunden. So sind die Beiden wie durch ein Wunder verhältnismäßig gut davon gekommen. – Jetzt eben komme ich nun vom Pfarrer Koelle, den ich gewissermaßen als Erbschaft von Schoepffers übernommen habe. Seine Tochter bat mich s. Z. an ihm die Freundschaft etwas fortzusetzen. Er ist freilich dem verehrten Schwager nicht ebenbürtig, aber ein liebenswürdiger, alter Herr.
Ich ließ den Brief liegen, um doch endlich auch den an Susanne beifügen zu können.
So nimm vorlieb mit diesem schlecht stilisierten Geschreibsel, das Dir auch gleich die innigsten Neujahrswün<re. Rand>sche bringt.
<Kopf>
Täglich [unter der Zeile] und stündlich Dein gedenkend im Sinne des Kalenderspruchs
Deine
Käthe

[li. Rand S. 6] Es wäre noch so manches zu erwähnen, ganz besonders die Trauerrede, <li. Rand S. 5> die Dir wohl intensive Beschäftigung, aber auch Befriedigung bringen wird.