Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Januar 1950 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

21.I.50.
Meine einzige Freundin!
"Wenn ich wäre wie Sie", dann schriebe ich jetzt keinen Brief mehr. Denn in der Reaktion auf einen pausenlosen Dienst von Wochen bin ich heute todmüde. Aber ich habe mir durch radikales Neinsagen diesen Abend erkämpft und muß ihn ausnützen. Denn morgen wartet tausenderlei "Liegengebliebenes" auf seine Erledigung. Du aber mußt Nachsicht haben, wenn Buchstaben fehlen oder gar der Sinn fehlt.
In Deinem heute eingetroffenen lieben Brief sagst Du mit Recht, daß ich von den Köngenern oder von Bad Boll wohl nicht mehr viel berichten würde. Denn das ist schon wieder antiquiert. Von den Köngenern ist auch nicht viel zu erzählen. Es war harmonisch. Aber die kaum 8 Stunden waren doch zu kurz, um so Fühlung zu gewinnen wie 1949. Auch hielt Hr. v. Grävenitz, der Bildhauer u. Schwager v.
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| Weizsäcker (Solitude), am Nachmittag noch einen Vortrag, den wir durchaus hören sollten. Stattdessen berühre ich den Besuch der Frau Schmalenberger mit einen netten Enkeltöchterchen bei uns am 8.I. Da war viel die Rede von dem Vater Budenbender und vom Hermersberger Hof – du lieber Gott! Das ist nun bald 40 Jahre her!
Nach Bad Boll bin ich ziemlich ungern gefahren, habe es aber nicht bereut. (Nur bleibt eben alles liegen, wenn man kein freies Wochenende hat.) Ich führ am Samstag 3 Uhr mit der Bahn bis Wendlingen. Von dort wurde ich im Auto abgeholt und in dem Kurhause, das jetzt den Herrnhutern gehört, von den etwa 100 Studenten mit einem unbeschreiblichen Jubel empfangen, der sich übrigens auch daraus erklärt, daß außer mir nur noch 1 Tübinger Professor gekommen war! Am gleichen Spätnachmittag sprach noch der Bruder unsres Frl. v. Thadden und ein französischer Student. Am Abend von 8–11 machte ich es auf Ersuchen wie der Sophist Protagoras: ich setzte mich hin und erklärte: "Jeder kann mich alles fragen" (vgl. bei Plato.) Das zog dann über 40 Studenten an, und eigentlich
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| war dieses Vertrauen und dieses ernsthafte Suchen ebenso rührend wie beglückend. Am nächsten Tage ging es von 8–18 ohne eigentliche Pause. Euer netter Philosoph Metzke hielt einen hübschen Vortrag. Diskussionen, gemeinsame Mahlzeiten, Kaffee bei der Direktion – alles ohne jeden Mißklang und oft wirklich in die Tiefe gehend. Um 18 Uhr nahm uns zu fünfen ein Amerikaner in s. Auto mit nach Tübingen, auch unsren Hrn. v. Mutius, und obwohl wir einmal falsch fuhren, waren wir via PliezhausenKirchentellinsfurt schon um 19 Uhr in T. Als Susanne um 23 von Alpirsbach kam, lag ich schon im Bett. Denn am nächsten Morgen um 8 war Kolleg. Ich bin jetzt bei Goethe (Lessing, Kant, Herder, Goethe) und lese immer noch in – 2 Auditorien. (Es folgen: Schiller, Humboldt, Fichte (Schelling) Hegel.)
Der heutigen Rede ging mancherlei Verdruß voran. Schwäbische mangelhafte Regie! Erbe übernimmt zu viel und macht das Einzelne nicht mehr mit voller Hingabe. Das kenne ich schon von Berlin. Er selbst kam überhaupt nicht [re. Rand] (wie er auch in Boll fortblieb.) Die Einladung gelangte erst gestern (!) in die Zeitung, und dgl. Trotzdem
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| war der Saal unten ganz besetzt und etwa 150 noch auf den Galerien. Im ganzen wohl 700. Ich hatte die Aufstellung des Lautsprechers verboten, der mir 2mal das Gehörtwerden verdorben hat. Professoren im Talar. Einzug auf jedem Bein 1 Minute stehend. Ich will von mir aus sagen, wie ich über das Gelingen denke: Meine Rede war trotz der zu knappen Vorbereitungszeit ein rhetorisches Kunstwerk, wie man es nur mit 68 Jahren kann. Ich war gut disponiert, ausgezeichnet bei Stimme. Nachher habe ich viel Freundliches gehört. Natürlich waren auch Verärgerte da. Stadelm. war ein bedeutender Geist, und ich bereue nicht, fast alles von ihm gelesen zu haben "müssen." Zur Erholung waren wir heute 2 Stunden in Reutlingen, auf dem "Schönen Weg", und die Schreibmaschinistin erhielt zur Belohnung Apfelkuchen mit Schlagsahne.
Nicht so günstig liegt die Entwicklung von Cillis Ehe und die Erfahrung eines Briefes von ihr, in dem sie die Absicht des Bruchs mit mir ausspricht. Ich werde (doch) in anderer Tonart antworten. Denn sie ist sehr einsam, hilfsbedürftig und außerdem guter Hoffnung. Davon ein andermal. Denn heute bin ich nun wirklich und endgiltig down. Innigst und mit allen guten Wünschen, die Du kennst
Dein Eduard.

[li. Rand] Nach Schluß des Semesters komme ich wohl zweimal durch Heidelberg durch und bleibe auch – je nach Möglichkeit – einmal einen Tag.
[re. Rand] Hier war ein reizender persischer Professor mit dem Namen Human, ein wirklicher "weiser Humanus"!