Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Januar/1. Februar 1950 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

31.I.50
22 Uhr.
Meine einzige Freundin!
Hoffentlich hat Dich das "Hühnerauge" nicht gebissen! Seit der Walkmühle und sonst sind mir diese Tiere unheimlich, die einem anspringen und mit ihrem gierigen Schnabel in die Hände picken, wenn man es garnicht vermutet. Noch weniger aber wünsche ich, daß Dich die Arbeit zu sehr anstrengt.
Ich hatte auch einen "medizinischen Abend". Unser 75jähr. "Frauen-Mayer" sprach heute vor einer Woche über "Wahrheit und Lüge am Krankenbett" und hatte außer einigen Theologen auch mich eingeladen. Ich liebe diesen warmherzigen alten Mann (denke an die Frau Schneider (?) in Wimpfen!), der noch immer aufs sorgsamste tätig ist und ein Wohltäter der Menschheit ist, mit einem guten katholischen Glauben. Ich hatte auch wegen des Götze-Claren mit ihm zu tun, über den ich soeben Euren Weizsäcker befragt habe.
Nach den üblichen schwäbischen Regie
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|mängeln fuhr am Samstag das bereits mit Georg Weise + Frau und Wilhelm (Romanist) mit Frau gefüllte Auto bei mir vor. Susanne hatte keine Neigung mitzukommen, und ich weiß auch nicht, wo sie noch hätte sitzen sollen; schon mir wurde der seit Heidelberg empfindliche Knieknochen beinahe eingedrückt. In 1½ Stunden waren wir trotz glatter Straße in Ehingen. Ich hielt mit Erfolg vor der ganzen Sippschaft meinen schon mehrmals "gelaufenen" Vortrag und war mit den Genannten, vermehrt um den Ehinger Bürgermeister und Hrn Wendling (Wendlingquartett, Schwager von Julius Petersen) samt Sohn u. Schwiegertochter bis ½ 12 zusammen. Orje Weise u. Wilhelm redeten erst am Sonntag. Ich mußte schon um 8.20 wieder abfahren und kam bei dieser Gelegenheit auf die klägliche Albbahn Münsingen, Lichtenstein, Reutlingen. Dabei habe ich den imponierenden Lichtenstein (das Scheenscht in gansch Siddeitschland) zum 1. Mal aus der Nähe gesehen. Nach nur 3½ Stunden war ich schon zu Hause, um – weiterzuarbeiten.
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2 Stunden brauchte ich am gleichen Tage noch, um eine eidesstattliche Erklärung in der Sache von Hans Günther richtig zu formulieren, die nun – wie erwartet – in das Stadium der gerichtlichen Verhandlung eingetreten ist. Meiner Meinung nach ist Günther jetzt ausgesprochener Psychopath, der sich und seine Familie zugrunde richtet.
Die alte Frau Benary, von der ich seit ca 1943 nichts mehr gehört hatte – das ist Schuld ihrer Tochter – ist mit 89 Jahren in Possenhofen gestorben.
Einen schmerzlich-erfreulichen Brief erhielt ich von der Baronin v. Holzhausen in Cronberg. Sie gehört zu der Familie von Holzhausen (Frankfurt), bei der Fröbel als Hauslehrer begonnen und tiefe Seelenschicksale erfahren hat. In dieses Haus ist nun Christi, Sabines Töchterchen (4–5 Jahre), fürs erste und vielleicht für länger gekommen. Es ist erschütterend, wie das lebhafte Kind auf Vatis und Muttelis Rückkehr wartet. Schön ist es, wie warm-verständnisvoll Frau v. Holzhausen darüber schreibt. Sie möchte von mir etwas wissen, um Sabines Bild dem Kinde richtig
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| überliefern zu können. Ich werde einen langen Brief zu schreiben haben.
Was ich hinzufügen möchte, muß ich bis morgen aufschieben. Denn ich bin nicht nur "für heute" müde, sondern auch schon semestermüde. Heute war die 40. Vorlesung. Das will etwas besagen, wenn man jede wie einen Sondervortrag behandelt. Am 24.II. schließen wir.

1.II.50.
Heute ab 9 Uhr (nach der Vorlesung) trat plötzlich so starkes Glatteis ein, daß wir mit Mühe aufrecht nach Hause kamen. Ich werde aus diesem Grunde wohl die Fakultätssitzung um 20 Uhr schwänzen. Dir empfehle ich bei solcher Gelegenheit ein entsprechendes Verhalten.
Wir hatten Herres und "Euren" Willy Andreas, der Vertreter für Stadelmann ist, zum Samstag eingeladen. Spontan kommen sie nicht mehr, und diese Absage ist die zweite. Anscheinend ist er tief gekränkt, daß ich für den von ihm gehaßten Stadelmann die Gedenkrede gehalten habe. So war er immer. Wenn man die Fälle Günther, Herre, Cilli so hintereinander erlebt, fragt man sich, ob man wirklich so ein minderwertiger Mensch ist, von dem man sich lossagt.
Das Krankenhaus in Reutlingen muß sehr abseits liegen. Ich bin noch nie an ihm vorbeigekommen. Mein Aufenthalt in R. beträgt jetzt immer nur 1½ Stunden. Ob ich mir im Februar diese leisten kann, ist fraglich. Aber <li. Rand> wenn es möglich ist, werde ich es versuchen. – Bitte sagen Hrn Dr. Matussek herzlichen Dank für seinen lieben Brief. Shinohara, dessen Adresse ich beilege, ist ganz <re. Rand> munter, hat mir ein Buch über s. Erlebnisse in Dtschld gewidmet und einige Aufsätze von mir übersetzt. – Oh! – leider ist es die höchste Zeit, <Kopf> daß ich abbreche. Du weißt, mit welchen sorgenden Wünschen und warmen Grüßen. Dein Eduard