Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. März 1950 (Tübingen)


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Tübingen, den 10. März 1950
Meine einzige Freundin!
Heute kam dein lieber Brief. Er hat mir die beruhigende Gewißheit gegeben, daß Du Dir in den Tagen meines Aufenthaltes in Heidelberg nicht durch Anstrengungen geschadet hast. Auch ich denke gern an den Philosophenweg. Wir repetieren so allmählich die Pfade, die für uns mit lieben Erinnerungen erfüllt sind.
In der Bahn traf ich noch den sympathischen Heidelberger Kollegen Metzke, der sich aber auf eine Vortrag in Heidenheim zu präparieren hatte und mich daher ruhig weiterlesen ließ. Zu Hause angelangt, war ich doch recht müde. Denn die Anstrengung des Semesters ist noch nicht ausgeglichen. Ich mußte mich aber sofort auf neue Arbeit werfen: zuerst Briefe in Sachen der G.G. schreiben, die Post erledigen, dann an den ganz neu zu machenden Vortrag für Stuttgart
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| gehn. Am Montag um 3 Uhr war ich mit Susanne schon wieder auf der Bahn. Wir besuchten zunächst Frau Hangleiter, eine sehr sympathische Bekanntschaft von Scheidegg her. Als wir gegen ½2 8 in die Technische Hochschule kamen, herrschte schon ein schrecklicher Kampf unter denen, die nicht mehr hinein konnten. Der Saal faßt 450 Hörer. Es standen und hockten um mich herum und in den Gängen mindestens noch 150. Die übrigen mußten draußen bleiben. Wegen ungünstiger Akustik mußte ich das etwas intime Thema: "Grenzen der Menschheit" schreiend behandeln. Unter den Anwesenden befanden sich u.a. die alte gute Elly Ney und Frl. Lampert, die sich leider zu solchen Veranstaltungen nur noch schleppen kann. – Hinter dem Vortrag war ich wirklich wie ausgepumpt. Aber man hatte uns ein Auto gestellt, und so waren wir, bei herrlichem Mond durch den Schönbuch fahrend, in 57 Minuten schon um 10¼ zu Hause.
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Ich machte mich nun sofort an das Ms: "Vom europäischen Bildungsideal" für ein Sammelwerk. Soeben habe ich es beendet. Im ganzen weiß ich kaum, wie ich die Arbeitsfülle der "Ferien" bewältigen soll. 7 große Mss!! Ich habe schon 2 Prüfungstermine hinter mir. Einmal gingen wir über den Berg nach Hirschau und fuhren mit einem Klapperomnibus zurück. Besuch hatten wir von Frl. Titze (wo wir 1946 in Dahlem gewohnt haben.) Sie ist jetzt Bibliothekarin hier.
Die Korrekturen von der Stadelmannrede sind auch schon da.
Das Hinscheiden von Elly Frommherz war gewiß eine Erlösung. Aber für mich hatte ich doch gehofft, sie wiederzusehn, falls ich im April an den Bodensee komme. Welcher Lebensweg voll Leid und Schmerzen 1913–1950! An Herrn Frommherz binden mich keine sehr starken Gefühle – eher an Christel Sauter.
Morgen werden wir die Schmalenbergerei besuchen. Den Vortrag für Bremen werde ich aufschreiben; dann ist es am Abend selbst weniger anstrengend. Im ganzen ist es
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| ein Unsinn. Wegen dieser einen Stunde muß ich 5 Tage unterwegs sein. Ich experimentiere daher mit dem Gedanken, auf der Rückfahrt mich mit Litt in Köln oder Koblenz zu treffen; dann kommt doch noch etwas für mich persönlich dabei heraus.
Es freut mich, daß Du mit den Matusseks gute Gemeinschaft hältst. Bitte grüße auch jetzt Buttmis und Heinrichs.
Nach herrlichen warmen Tagen (nachts unter 0!) regnet es heute hier. Du wirst Dich bei Sonnenspaziergängen bitte nicht überanstrengen!
Nun hätte ich wohl wieder einmal alles erzählt. Sollten wir uns gelegentlich der Fahrt nach Bremen nicht sehen können, komme ich schon ein andres Mal bald in Deine Nähe. Als ich zurückkehrte, waren nicht weniger als 4 Vortragseinladungen da. U.a. Wolfenbüttel (kommt nicht in Betracht; das wären wieder 5 Tage.)
Sei von uns allen sehr herzlich gegrüßt. Mit dem Schreiben an Susanne mache dir keine Mühe. Es ist ja längst alles bestellt.
In immer gleichen Gefühlen des Dankes und der Liebe
Dein getreuester
Eduard.

[li. Rand] Beinahe hätte ich vergessen, mich für "Schule u. Lehrschaft" zu bedanken! Du wirst es kaum entbehren, und Frau "Schmalenbender" wird es <Fuß> sehr erfreuen.