Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4./5. April 1950 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

4. April 50.
Meine einzige Freundin!
Bei meiner Ankunft in Tübingen am 26.III. hatte ich noch recht schwäbische Erlebnisse, bei denen ich aber nicht verweilen will. Hauptertrag der Reise war eine kräftige Erkältung, die seltsamer Weise gestern (nach einem harmlosen Waldweg (höher) von Kirchentellinsfurt nach Altenburg – wieder Pliezhausen nicht erreicht, – schlimmer geworden ist. Ich bin heute den ganzen Tag zu Hause und recht untätig geblieben. Es ist allgemeines, vielleicht klimatisches Nervenelend.
Sonst habe ich Manuskripte gelesen, Briefe beantwortet, Sitzungen beigewohnt – alles recht belanglos. Wir hatten 1½ Tage Besuch von Helmut Kuhn, jetzt Erlangen, früher in Amerika, einem der tätigsten Gönner in der Zeit der Hungersnot. Wenke hat auch seinen Teil [über der Zeile] von dem Besuch abbekommen, da die beiden natürlich über Erlangen viel zu reden hatten.
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| Nach Kuhns Abreise am Freitag trat etwas Ruhe ein – zum ersten Mal seit Scheidegg, und das vertrage ich wohl nicht mehr.
Morgen erwarten wir die 3teilige Familie v. Wißmann (Geograph) und die alten Bürkers (Physiologe.) Geplant ist für den Donnerstag nach Ostern (13.III.[über der Zeile, von fremder Hand] IV) ein kleiner Aufenthalt am Bodensee, Überlingen. Jedoch hat der "Anker" noch nicht geantwortet. Rückkehr 18.III. [über der Zeile, von fremder Hand] IV Auf die Reichenau werden wir wohl diesmal kaum gehen. Hatte ich Dir erzählt, daß Ackerknecht auch mit dem "Mohren" befreundet ist und im Januar noch mit Emmy auf der Reichenau gesprochen hat? Ackerknecht seinerseits ist jetzt durch Darmgrippe verhindert, zu der Vorstandssitzung d. G.G. nach Berlin zu fahren. Von Kippenberg bekam ich die erste sehr schlecht geschriebene Postkarte.
Mit dem Steueramt schlage ich mich herum, weil man hier von mir "Umsatz-
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| und Gewerbesteuer" fordert, die ich in meinem Leben noch nicht bezahlt habe. Bisher erreichten alle Steuerarten zusammen 70–75% des Einkommens.
Dies soll schon mein "Osterbrief" für Dich sein. Aber leider ist garnichts Hübsches drin; stattdessen sogar eine klatrige Stimmung. Von Dir hoffe ich, daß Du diesmal nicht "mitmachst". Heidelberg hat doch nicht diese infamen Temperaturkontraste, die mir so viel zu schaffen machen. Ferner wünsche ich Dir, daß Du die Baumblüte (hier immer noch nicht!) siehst, ohne anstrengende Wege zu machen. Vielleicht hast Du an einem der 3 Feiertage Besuch. Wir werden uns nach Möglichkeit abkapseln. Denn am 25.IV. beginnt schon wieder ein Semester. Für die einstündige Pestalozzivorlesung ist viel Neuerschienenes zu berücksichtigen. – apropos: ich bin soeben wieder zu einem Vortrag nach Zürich eingeladen, habe aber abgelehnt. Was ich "im Lande" schon übernommen habe, genügt: Comburg, Waiblingen, Stuttgart, Karlsruhe. Das ewige Absagen kostet viel
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| Zeit, die man besser verwenden sollte.
Du siehst: das bleibt diesmal ein lederner Brief. Der nächste wird hoffentlich wieder gescheiter. Ich wollte doch, daß Du schon zum Karfreitag so etwas wie ein Ostergedenken hättest, – welches aber kein Spezialfall ist, sondern, wie Du weißt:
in unablässigem Gedenken
(mit Grüßen vom "Betrieb")
Dein
Eduard.

5.IV. In richtiger Voraussicht Deiner Güte habe ich Deinen heute früh eingetroffenen lieben Brief noch abgewartet. Heize nur ja noch ausreichend! Das Buch H. Herz hätte mich früher auch sehr interessiert; jetzt nicht mehr. Ich lese mit Gewinn Pestalozzi Briefe Bd. III. 1767–1797. – mit Brille, denn da hat sich mancherlei verschlechtert. – Sonst geht es heute besser, so daß ich hoffen darf, daß mir das Wagnis Bremen nicht zu teuer zu stehen kommt.
Gutes Osterfest
Dein
E