Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. April 1950 (Überlingen)


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Überlingen, 15.IV.50.

<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>
Meine einzige Freundin!
Daß Du doch den weiten Weg über die Strahlenburg gemacht hast, war etwas leichtsinnig. Hoffentlich ist er Dir doch nicht schlecht bekommen, sondern hat er Dich seelisch erfrischt und gefreut. Hier blüht es immer noch nicht, abgesehen von wenigen Günstlingen der Lage. "Hier" ist es überhaupt so eine Sache. Wir sind am 13.IV um 8 abgefahren, in Sigmaringen umgestiegen und in traurigem Tempo durch Krauchenwies (!), Schwackenreute, Zizenhausen oder Mühlingen (ich weiß nicht mehr, wo wir auf dem Rückweg 1925? einstiegen), Stockach nach Radolfzell gefahren. Farbloser Blick auf die Reichenau, bei Wind und Wolken. Mittag mit Weißherbst in Radolfzell. Ankunft im "Anker" (Überlingen) um 14½. Nachm. gingen wir noch windreich, aber trocken, über Nußdorf nach Birnau und zurück. (2½ St.) Gestern vorm. im hübschen Stadtgarten. Nachm. mit – diesmal maßvollen – Umwegen trotz immer schlechter werdender Aussicht nach dem Haldenhof [re. Rand] 2 St. 40 Min. zu. Hinter Hödingen auf der Höhe begann ein Regen, der bis heut nicht aufgehört hat. Der Lehmboden war bald so glitschig, daß einige Stellen
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| kaum zu passieren waren. Eine junge Dame hatte uns überholt und ging den sog. "schattigen Weg" (ungeheurer Umweg.) Susanne verdiente an ihr 1 M. Ich wettete, daß sie nie auf den Haldenhof kommen würde, zumal bei dem Wetter!) Und siehe da, sie traf 3 Minuten später ein. Oben kein Gast, dafür aber m. kleine Kellnerin vom vorigen Jahr. Nicht die Spur von Blick! Der harmlose Wiesenweg abwärts nach Sipplingen war auch schon so rutschig, daß ich einmal einen Kniefall machte und daß wir den Zug nach Überlingen knapp erreichten. Ich bin lange nicht so eingedreckt worden und habe nichts zum Wechseln bei mir. Das Wetter erweckt nicht die mindeste Hoffnung. Die Waldwege (zumal bei Wallhausen) werden unpassierbar bleiben. Aber es kommt keine Post, und ein bißchen Erholung wird es doch geben. Am 18., spätestens am 19.IV wollen wir wieder in Tübingen sein.
Ostersamstag war ich noch bei Frl. Héraucourt. Sie war im Augenblick auf; in unvorstellbarer Weise abgemagert; hatte Spritzen wegen des Herzens nicht vertragen; daher jetzt (homöopathisch?) Spritzen mit Ameisensäure. Ich sehe da nicht sehr hoffnungsvoll. Vom See soll ich Dich tausendmal grüßen. Überall liebe Erinnerungen, überall aber auch unser beider Gegenwart!
<li. Rand>
Mit innigsten Wünschen und vielen Grüßen von beiden Reisenden
Dein Eduard.

[re. Rand] Weißherbst regiert die Stunde!