Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20./21. April 1950 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, den 20. April 1950.
Meine einzige Freundin!
Die Verhandlungen mit Springer und das Wiederauftauchen von Herrn Gans sind an sich ganz erfreulich. Aber ich möchte in keinem Falle, daß Du Dich da zu sehr engagierst. Hat man etwas angenommen, so muß es manchmal zu einem bestimmten Termin fertig sein; das gibt dann Unruhe und Überanstrengung. In Deinem Alter hat man das Menschenrecht, von beruflichen Verpflichtungen frei zu sein. Deine Augen vertragen keine dauernde Beanspruchung.x) [li. Rand] x) Meine sind in diesen Ferien rapide schlechter geworden. Kann nur noch mit Brille lesen. Nimm allenfalls an, was Du ganz con amore machen kannst, kleine Aufträge, die Zeit haben. Aber verpflichte Dich zu nichts, was Dir schädlich werden könnte. Alles zu seiner Zeit. Vor 10 Jahren wäre das ganz hübsch gewesen. Heute mußt Du Dich der Betrachtung und der Teilnahme am Leben der Freunde widmen, keinesfalls aber noch in irgend einen Wettlauf eintreten. –
Bei Cilli Grafe ist ein kleines Mädchen
[2]
| angekommen, wie ich in der Zeitung gelesen habe. Direkt gratulieren werde ich nicht. Bei der Tochter von Kippenberg ist ein Mädchen von 12 Jahren nach schwerem Leiden gestorben. Man sagt, daß (vorher) der Stiefvater, der sich zu einer Blutübertragung entschlossen hatte, dadurch so geschwächt worden ist, daß er schon vorher einer Grippe erlag. Ein schwer geprüftes Haus! Du weißt wohl, daß auch bei Frl. Héraucourt 2 Blutübertragungen gemacht worden sind.
Gestern um 13 sind wir hier angekommen. Trotz der Verlängerung der Reise um ½ Tag haben wir die Blüte am Bodensee nicht mehr erlebt. Am Samstag war das Wetter so schlecht, daß wir vormittags nur die Sammlungen im Reichlin-Meldegg-Haus besichtigten, die wir auch gesehen haben. (Das Nebenhaus ist bei der Besatzung völlig zerstört worden.) Am Nachmittag sahen wir den Film "Fledermaus", einen blühenden, aber erheiternden Unsinn.
Sonntag gingen wir am See entlang über Birnau nach Unter-Uhldingen und aßen dort zu Mittag in angenehmem Haus. Um 13.15 fuhren wir nach der Mainau über. Das steinerne
[3]
| Haus am Hafen (Korrekturen der Lebensformen 1914 bei Sturm, siehe Bild!) existiert nicht mehr. Der Park ist in Ordnung; aber es blühte wenig. Die kleine Gastwirtschaft ist ein vornehmer Restaurationssaal geworden; daneben Baracken des Christl. Vereins junger Männer. Das Allerneueste aber ist die Eröffnung eines "Torkelkellers" im Felsen unter dem Schloß. Schwedische Kultur! – Nach "noblem" Kaffee gingen wir über Litzelstetten nach Dingelsdorf und fuhren um 17.05 von dort nach Überlingen über.
Montag Nachm. sah es so drohend aus (wie überhpt das Bild immer farblos schwarz war), daß wir nur hinter dem Hôtel St. Leonhard im Walde herumtorkelten und nicht über Nußdorf hinauskamen, von wo wir auf halber Höhe zur Stadt zurückgingen. Abends immer in dem stillen kleinen Hôtel.
Dienstag sah es besser aus. Um 12.40 fuhren wir nach Dingelsdorf über, gingen zunächst zu dem unveränderten Wallhausen. Die Villa, die den Weg versperrte, hat jetzt den Durchgang gestattet. Unter dem Burghof gingen wir auf dem – nur selten beschwerlichen – Waldweg in 3½ Stunden bis Bodman. Außer Holzarbeitern ist uns kein Mensch begegnet.
[4]
| Durch die Marienschlucht war der Weg nach Kargegg hinauf als "lebensgefährlich" bezeichnet. Den anderen Zugang fand ich nicht. So blieben wir unten. Ohnehin war der Weg recht anstrengend. Du erinnerst Dich, daß wir ebenfalls immer ganz stumpf in Bodman angekommen sind, daß sich dann noch so weit hinzieht. Der Ort ist enorm modernisiert. Die "Linde", dies primitive Gasthaus, hat sich um ⅔ angebaut und aufgestockt. Wir kehrten aber dort nicht ein, sondern fuhren mit dem Motorboot nach Ludwigshafen, wo wir bis zum Abgang des Zuges noch ¾ Stunden im "Adler" saßen. (Abends wunderbarer Alpenblick!)
Vorgestern sind wir um 8½ mit dem Dzug via Radolfz, Singen, Tuttlingen, Oberndorf bis Horb gefahren. Dort ½ Stunde Aufenthalt u. dann elender Bummelzug. Zu Hause lag ein Berg von Post, den man hätte photographieren sollen. Es lag mir daran, abends um 20 noch in eine Herrengesellschaft zu gehn, bei der diesmal auch "unser" Staatspräsident anwesend war, mit dem ich dann in eine lebhafte politische Diskussion kam, stark behindert durch Herzaffektion, die ein württembergischer Wein (2/4!) hervorgerufen hatte. Das Leben in frischer Luft hatte mich auch in Rauschzustand versetzt. Leider sind meine Augen fürs Lesen plötzlich [über der zeile] verzeih die Wiederholung! viel schlechter geworden. Heute habe ich jenen "Berg" abgebaut, darunter viel Goethegesellschaft. Schwerer Blitzschlag (soeben!) <li. Rand> bei Gewitter. – Vor dem 2.V. werden die Vorlesungen kaum anfangen. Totmüde! Schluß für heute! Dein getreuester Eduard. 21.IV. und noch einen Morgengruß!