Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Mai 1950 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

5. Mai 1950.
Meine einzige Freundin!
Eine recht bewegte, aber arbeitsscheue Zeit war es, über die ich heute zu berichten habe.
Am 25. April waren wir beide in Reutlingen. Während ich beim Friseur war, besuchte Susanne Frl. H. Was sie dort hörte, klang leider garnicht günstig. Es war wieder ein sehr ernster Herzanfall gewesen. – Nachher unternahm ich das Wagnis, mir einen fertigen Anzug zu kaufen. Ich hatte mich nämlich im vorigen Jahr über meinen Schneider zu sehr geärgert. Weil er seinen Stoff zu teuer gekauft hatte, nahm er mir für einen Maßanzug mehr als 330 M ab (den genauen Preis hat man mir verheimlicht.) Nun habe ich ein ganz brauchbares Alltagsobjekt für knapp 150 M gefunden. Bisher hat es sich bewährt. Da mich gleich danach Ursula Ludwig im 100 M anpumpte und ich für eine Wohnungsbaustiftung 50 M zeichnen mußte, ist der Vorteil schon wieder ausgeglichen.
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In der vorigen Woche war hier ein Kongreß für Konstitutionsforschung (im Hause des alten ekligen .....) Dazu hatten sich Beckers (die Freunde von Tokyo) angesagt, und auch wir waren eingeladen. Am 26.IV holten wir Bs. nachm. von der Bahn ab und der Tag ging dann auf das Zusammensein drauf. In ihrem Hôtel traf ich zum ersten Male auf Hellpach, den Frau Mahn betreute. 27.IV. besuchten wir alle vorm. und nachm. den Kongreß. Gelernt habe ich kaum etwas. Aber habe Kroh wiedergesehn und gehört – der früher lange hier war und jetzt an der Fr. Univ. Berlin ist.   Am 29.IV. nachm. gingen wir zu vieren nach der W.er Kapelle, die am 2.V. ihr 900jähriges Jubiläum feierte. Nachher amüsante Stunde in Hirschauer Dorfwirtshaus, wo mich ein Bauer auf 75 schätzte.x) [re. Rand] x) Der Weg – im ganzen 4 Stunden auf den Beinen, wurde mir zu anstrengend. Als wir nach Hause kamen, hörten wir, daß inzwischen der Prinz Louis Ferdinand bei uns vergeblich geklingelt hatte (während Ihre Kgl. Hoheit im Auto sitzen blieb.)
Der Besuch brachte die Pfarrersfamilie ganz
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| durcheinander; sie sagte "Herr Prinz", er: "Majestät". Am nächsten Tage telephonierte er wieder an und stellte seinen Besuch für Montag (1.V.) in Aussicht. Damit nagelte er uns den ganzen, sehr schönen Tag fest. Erst um 5 sagte er sich für Dienstag nachm. an. Das hatte den Vorteil, daß wir wenigstens das Nötige einkaufen konnten. Beide kamen dann auch um ½ 5 "auf ein Stündchen", mit Blumen für S., und blieben – 2½ Stunden. Das Gespräch verlief sehr lebhaft und unbefangen. Sie – eine Großfürstin – hat bereits 7 Kinder. Beide brachten auch Grüße von der Kronprinzessin und dem Grafen Hardenberg. Sie hatten an der Beisetzung des Prinzen Hubertus in Hechingen teilgenommen. (Du erinnerst Dich an meinen Besuch bei ihm im Hause Binswanger von der Reichenau aus – ca 1929.)
Am 2. Mai früh habe ich meine Vorlesung über Sokrates und Plato eröffnet, von nicht zu beschwichtigenden Kundgebungen begrüßt. Ich erzählte ihnen dann, daß ich im Botanischen Garten auf dem Wege zur Vorlesung von Sokrates in ein Gespräch verwickelt worden wäre, in das ich allerhand Einleitendes einkleidete. Heute, bei der 1stünd. Pestalozzivorlesung, die ich gar nicht ins Maxi
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|mum verlegen wollte, war das Hausx) [re. Rand] x) nämlich doch das Maximum überfüllt. Soeben komme ich von der ersten Seminarstunde. Ein langer Tag: morgens um 8 und dann wieder abends von 6–8. Gestern war ich bei unsrem Minister mit anderen, heute auf dem Ministerium. Nun möchte ich endlich wieder einmal gesammelt arbeiten können.
Inzwischen ist Kippenberg – zu meiner Freude – wieder so weit gesund geworden, daß er in alles dreinreden kann. Ich werde aber um Klarheit bitten: regieren kann nur er oder ich, nicht wir beide. Ich habe schon viel unangenehmes Zeug machen müssen. Jetzt läuft die Sache wieder.
Ich halte es auch für wahrscheinlich, daß der Autor der Rezension der alte Arbeiterstudent J. ist. Schmeil schickte sie mir; kurz darauf eine miserable Besprechung der "Volksschule" in einer Ostberliner päd. Zeitschrift. Es ist ja nicht überraschend, daß die alles Westliche und besonders mich eo ipso herunterreißen.
Wir haben sehr schlechtes, kühles Wetter gehabt. Die Ammer ist "reguliert" worden und die Brücke bei den Gingkos wird seit Wochen erneuert.
Morgen ist „Großer Senat", Montag Comité culturel mixte. Dazwischen muß ich die eigentliche Arbeit und viele Extradinge klemmen. Verzeih daher, wenn ich hier aufhöre. Ich hoffe, daß Du Dich bei dem schlechten Wetter recht vorgesehen hast. Weitere <li. Rand> Nachricht folgt bald. Innigst Dein Eduard.
[] Frau Biermann lebt jetzt wieder in Cronberg u. hat Frau v. Holzhausen besucht, bei der Christi Bethmann Aufnahme gefunden hat.
[Kopf] Welche Theateraufführung bei uns Du meinst, weiß ich nicht. Ich komme nie ins Theater.
[li. Rand S. 1] Mit der Mainau stehe ich in Verhandlungen wegen Beteiligung an einem Kursus im Oktober. Beckers waren am Sonntag mit Kongreßomnibus in: Heiligenberg, Meersburg, Mainau, Konstanz, Lindau, Weingarten. Viel fürs Geld!