Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Juni 1950 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

11.6.50.
Meine einzige Freundin!
Unser kurzes Zusammensein in Maulbronn war einmal wieder von der Art unsrer früheren voll geglückten Unternehmungen. Es war im besten Sinne "stimmungsvoll", und daran fehlt es mir trotz meines vielen Herumfahrens doch recht sehr. Wenn ich in Stuttgart, nicht in Tübingen lebte, so könnte man häufig derartige Begegnungen in der Mitte haben. Aber leider muß ich ja immer noch in unsren Winkel hinein (wie vorher heraus), und das kostet nicht nur Zeit, sondern 7,60 M mehr.
Ich danke Dir, daß Du gekommen bist, und hoffe, daß Du die Sache nicht als zu anstrengend empfunden hast, sondern wie ich die Erinnerung daran gern bewahren wirst.
Nachdem mich der junge Jurist, der mich am Bahnhof begrüßte, noch bis Mühl
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|acker
als dankbarer Hörer angesprochen hatte, traf ich hinter Plochingen einen Kollegen. Nach 4 Stunden war ich am Ziel. Die gute Ida holte mich ab. Am Abend beschäftigte ich mich noch mit den Früchten von 3 Postbestellungen.
Inzwischen war das Hauptereignis der Besuch von Heuß hier. Ich lege Dir das Zeitungsblatt bei. Meinerseits habe ich von dem Universitätsakt bis zum Fackelzug an allem teilgenommen. Hübsch war schon das bescheidene Festessen im Garten der Neckarmüllerei. Studenten auf Kähnen brachten ein Ständchen. Ich saß neben unsrem Staatspräsidenten Müller (dieser neben Frau Heuß) und der Frau Kultusminister Sauer aus Ravensburg. Auf Frau Sauer (folgte dann) Haering. Die Ereignisse auf dem Marktplatz habe ich vom obersten Stock des Rathauses mit angesehen. Es war eines der hübschesten Erlebnisse vom deutschen Volksleben, die ich gehabt habe. Der Fackelzug bei dem Universitätsjubiläum
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| 1910 in Berlin – den ich als junger Dozent mit vom Balkon ansehen durfte, – war zwar großartiger; aber es war ein anderer Ort und eine ganz andere Zeit.
Heuß hatte die Freundlichkeit gehabt, für Dienstag 10.30 und mit einem kleinen Kreise persönlicher Bekannter in das hoch über Lustnau gelegene Rektorhaus einzuladen, wo er und seine Frau wohnten.x) [re. Rand] x) H. hatte noch bis nach 2 im "Kaiser" gekneipt! Wir hatten um 10.05 ein Taxi bestellt, das natürlich nicht kam. Als wir um 10.15 zu Fuß gingen, lag ein Weg von ¾ Stunden vor uns. Da habe ich getan, was ich noch nie getan habe: ich habe unterwegs ein Presseauto angehalten, und der Mann war freundlich genug, uns auf den Berg zu fahren. (Ein glühend heißer Tag.) Oben haben wir dann mit Herrn und Frau Heuß noch ganz ungezwungen sprechen können. Am frühen Morgen hatte ich schon die Vorlesungen wieder aufgenommen.
Freitag war 8–9 Vorlesung, ½ 10 bis 13 Kulturausschuß, 13–15 weinreiches Essen (wie leider immer) auf der Maison de France, 18–20 Seminar.
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| Gestern Nachmittag waren wir in Niedernau und gingen das Tal bis zu seinem Ende.
Bei der Universitätsfeier saß ich neben dem Kollegen Weinreich und konnte endlich einmal die Rede auf Frl. Hedwig Matthy bringen.
Wie geht es Frau Buttmi?
Du wirfst wieder einmal die Frage nach der Aufbewahrung meiner Briefe auf. Es wird in der Tat nötig sein, daß wir uns darüber verständigen. Was daraus entstehen kann, wenn man eine persönliche Korrespondenz ungeschützt zurücklassen muß, habe ich an gewissen Teilen (die einfach auf die Straße geworfen wurden) in Dahlem erfahren. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, die Anweisung zu geben, daß alles verbrannt wurde. So ist es geschehen. Davon Schweigen. – – –
Solche Briefe, wie Du sie in der Hand hast, enthalten natürlich viele Äußerungen, die außer Dir nie ein Dritter zu Gesicht bekommen dürfte. Auch lange nach meinem Tode nicht. Ich brauche auf Einen mir dabei besonders vorschwebenden
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| Fall nicht besonders aufmerksam zu machen. Bei der großen Zahl der Briefe – ich schätze sie auf 2000 – ist es natürlich undenkbar, daß Du sie auch nur teilweise durchsiehst und das besonders Intime vernichtest. Was bleibt also zu tun? Wir wollen uns das noch eine kurze Zeit überlegen. Aber mir scheint fast das Beste zu sein, daß Du 2 Menschen aus Deiner Umgebung die – meinetwegen versiegelte – Verfügung übergibst, die Papiere zu vernichten. Ausgenommen werden könnte allenfalls – auch das wollen wir uns noch überlegen – die Korrespondenz seit 1933 oder 34, (insbesondere auch Japan). Dann müßten aber für diesen Teil Maßnahmen getroffen werden, daß nicht durch vorzeitige Veröffentlichung noch Lebende gekränkt oder gar geschädigt werden.
Ein Privatleben, wie das unsrige – ich nenne es mit Bedacht Ein Leben – hat in unsrer wilden Zeit nicht mehr das Interesse, wie zu Zeiten von Wilhelm u. Caroline. Immerhin Einiges könnte andre Leser auch fördern. Das Problem ist mir im
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| Augenblick zu schwer, als daß ich dazu endgiltig Stellung nehmen könnte. Aber sehr lange dürfen wir es nicht mehr offen lassen.
Nun muß ich wieder zu meinen Arbeitsdingen zurück. Ich schließe daher etwas abrupt mit den wärmsten Wünschen und Grüßen.
Stets Dein
Eduard.