Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. August 1950 (Lenzkirch/Sommerbergstr. 25)


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Wieder Max Krause-Block
Lenzkirch,
Sommerbergstr. 25
bei Frau Gromann
den 16. August 1950
(Wundts Geburtstag).
Meine einzige Freundin!
Also wieder in Lenzkirch! Am Tage vor der Abreise bekam ich noch eine erhebliche Darmverstimmung, so daß wir am 12.8. nicht mit dem frühen (Eil)zuge fahren konnten, sondern erst Mittags via Rottweil, Villingen, Donaueschingen, Kappel-Gutachbrücke. Dort eine Stunde Aufenthalt. Die Sommerbergstr. ist die, die am Krankenhause vorbei nach Kappel führt. Der erste Eindruck recht enttäuschend. Das Zimmer liegt im 2. Stock. Dorthin gelangt man auf einer 40 cm breiten Hühnertreppe. Es enthält 2 Betten (2 Wandschränkchen) und einen Tisch + 2 Stühle. Dann kann man sich gerade noch zum Bett hin bewegen. Also ist das Schreiben im Zimmer schwierig. Aber der Blick vom Fenster auf Unter-Lenzkirch hin ist recht hübsch. Auch sonst wird dieses Manco – eben das Zimmer – ausgeglichen durch einen [über der Zeile] Glasveranda (Frühstück), einen gepflegten Garten und eine recht sympathische junge Mitgästin aus Wies
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|baden
. Wir essen bald hier, bald da, bevorzugen aber die Metzgerei zum Wilden Mann, weil man in diesen einfachen Kneipen mehr sieht und hört als in Hôtels. Außerdem billig, – ¼ Wein nur 80 Pf. Der Hirsch hat sich sehr vergrößert, hat hinten noch immer Stallgebäude, sieht aber nicht anziehend aus. Anscheinend noch die selbe Besitzerin (?); für uns liegt er schon zu unbequem. Das Bahnhofshôtel (Vogt) hat rechts und links angebaut; ist jetzt das beste. Adler unverändert.
Sonntag 13.8. waren wir bei teilweise Regen in Kappel (im Stern). Vormittags treiben wir uns auf den Waldbänken hinter unsrem Hause herum, die 1925 noch fehlten. Montag Nachm. 1 Stunde im Tal bis Kappel-Grünwald, mit Bahn zurück. Gestern früh war das Wetter verlockend. Wir zogen daher um ½ 9 los über die verfallene Kohlbachhütte und Hinterhäuser nach Schluchsee. Dieser hat sich durch das Stauwerk und die Bahn ganz verändert. Die Fläche soll 5mal so groß geworden sein. Wir aßen im "Stern", nicht, wie 1925, im "Schiff". Etwas Gewitterregen und drohende Bewölkung. Zurück
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| wollten wir eigentlich über Dresselbach. (wie wir.) Aber wir fanden einen neuen, sehr schönen Weg, der westlich nahe an Dresselbach vorbeiführt, z. T. mit herrlichem Blick Richtung Donaueschingen, mit vielen Himbeeren. Die Gegend dort hat sich durch Abholzungen sehr verändert. Im ganzen, bei sehr maßvollem Tempo, 3 Stunden hin, drei Stunden zurück.
Lenzkirch selbst hat sich verschönt (Uhrenindustrie baut der Schramberger Konkurrent Junghans ab), ist aber einfach geblieben. Unser Lebensstil wird erheblich billiger sein als in Scheidegg. Die Luft ist vorläufig nicht viel wert, über Tag recht wasserwarm.
Susanne ist zufrieden, obwohl sie im Schwarzwald keine Bergriesen hat. Betrübend ist ihr völlig mangelnder Ortssinn und die Interesselosigkeit für Lagen und Ziele. Die Abende sind stumpfsinnig, weil sie ab 20½ zu gähnen beginnt.
Du hast inzwischen hoffentlich ein hübsches, (aber nicht gewitterloses?) Zusammensein mit Frl. Silber gehabt. Unsre Adresse konnte ich Euch nicht sofort angeben, weil mir in den ersten Tagen recht schwach zumute
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| war. Ich hatte vorher noch mächtig gearbeitet und aufgeräumt. Am Nachm. vor der Abreise war noch Susanne Eggert mit ihrer Schwester (aus Berlin) da. Sie sind in einsamer Gegend hinter Altensteig zu längerem Erholungsaufenthalt. Hier ist als Besuch erwünscht Dr. Oelrich. Mit der Lotte Geppert (in Königsfeld) wollen wir es kurz machen – wohl auf der Rückreise um den 29.8.
Ob Du dieses Geschreibsel lesen kannst? Es ist eben eine recht beengte Schreibgelegenheit.
Auf allen Wegen hier gedenke ich Deiner und unsrer schönen, unvergeßlichen Eindrücke. "Das kommt nicht wieder", bleibt aber ewig lebendig. Vielleicht erwacht wenigstens meine Denkfähigkeit hier noch. Vorläufig sieht es schlecht damit aus. (Alle Kraft geht in die Beine.)
Wir beide grüßen Dich herzlichst. Ich hoffe, bald Gutes von Dir zu hören.
In steter Liebe und Treue
Dein
Eduard.