Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24./25. August 1950 (Lenzkirch/Sommerbergstr. 25)


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Lenzkirch, Sommerbergstr. 25
den 24. August 50.
Meine einzige Freundin!
Deine lieben Zeilen 1) via Tübingen, 2) direkt und die Karte mit Frl. Silber habe ich dankbar erhalten. Jetzt, nehme ich an, hast Du Besuch von Frl. v. Anroy, die ich wohl nur einmal gesehen habe. Bitte grüße sie von mir – nachträglich.
Lenzkirch, bei überwiegend gutem, ja sehr gutem Wetter, zeigt erst die Vorzüge, die uns 1925 wohl z. T. verschlossen geblieben sind. Nur kommt mir jetzt alles viel weiter vor, was wohl auf die herabgesetzte Leistungsfähigkeit zurückzuführen ist, und auf die Tatsache, daß wir damals an vielem nur so pflichtmäßig vorüberliefen. Ich will einige unsrer Touren im einzelnen erwähnen; einen Nachmittag in Saig ohne Einkehren übergehe ich.
1) über den Hochfirst nach Neustadt. Dabei wollte ich zugleich unseren Fehler von 1925 erkunden. Diesmal gingen wir über den Sommerberg sozusagen senkrecht auf den Hochfirstrücken, kamen auf der anderen
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| Seite auf eine Serpentinenfahrstraße, von der man einiges abkürzen konnte. Dieser Weg hat volle 2½ Stunden gedauert. – Du erinnerst Dich, daß wir damals, vom Neustädter Bahnhof aus, die Wahl hatten zwischen rechts und links hinauf. Wären wir rechts gegangen, so hätten wir oben den "Pfad" nach L. hinunter bestimmt nicht gefunden. Wir entschieden uns für links. Da mußten wir einen weiten Bogen machen, brauchten aber nicht auf volle Hochfirsthöhe, sondern kamen auf der Kappeler Höhe heraus. Unter 2½ Stunden war das auch nicht zu machen. Wir sind also kaum falsch gegangen.
2) In Kappel (Stern) sehr nett Mittag gegessen, dann auf Kappeler Höhe und den Hochfirstrücken in mittlerer Höhe nach Saig gegangen. Also nicht im 1. Stock, sondern im 2. Stock. Der Weg führt nicht mehr glatt durch. Beim Einmarsch in Saig trafen wir auf das Kinderheim des Frl. Schwörer Vielleicht besuche ich sie noch einmal. Kaffee in Saig. Rückkehr über Hirahof, der durch sein Blechdach (fast alle Schw.-Häuser) nicht gerade schöner geworden ist.
3) u. 4) Viel "Studien" haben wir auf das Wutachtal verwandt, ohne bis heute ins
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| Klare gekommen zu sein. 3) Eisenbahn [über der Zeile] erst 11 Uhr! bis Gündelwangen (Hermine!) Kurz zurück nach Holzschlag, dann hinunter nach Stallegg.x) [li. Rand] x) Beim ersten Besuch dort sind wir furchtbar eingeregnet. Schon erwähnt? Ziel Bad Boll oder Dorf Boll. Den Weg von Stallegg abwärts fanden wir an einer Stelle nur mit zeitraubendem und anstrengendem Herumsuchen. Wir waren sehr angenehm überrascht, daß die Schattenmühle jetzt eine hübsch eingerichtete Wirtschaft hat. Dort aßen wir ein verspätetes Mittag. Weiter in Richtung Bad Boll am Fluß. Da aber der Weg – nauf und nunner – zu anstrengend war und wir um ¾ 6 in Bonndorf sein mußten, kehrten wir nach 20 Min. um, gingen durch die Lotenbachklamm (erinnerst Du Dich?) in die Höhe. Oben auf der kahlen Landstraße machten wir den Fehler, 4 km bis Bonndorf, statt 2 km nach Gündelwangen zu gehn. Anstrengend, besonders weil Zeit schon knapp.
4) mit unsrer Zimmernachbarin [über der Zeile] ab 8.40. Frl. Neyen bis Schattenmühle, wie zuvor. Dort gutes Mittagessen und längere Ruhe. Dann unten bis Bad Boll, das völlig tot liegt, auch keine Erfrischungshalle mehr hat. Steil hinauf nach Dorf Boll und dann wieder endlos sich dehnender Weg (ansteigend) bis Bonndorf, wo wieder nur 20 Min. blieben bis zur Abfahrt des Autobus nach L. um ¾ 6. Das
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| war gestern. Zur Ermüdung kam heute starke Gewitterschwüle. Um 17 kam das Gewitter bei uns herunter. Den ganzen Tag unfähig zu irgendeiner Unternehmung.
Am Samstag 19.8. war Dr. Oelrich für 8 Stunden hier. Da haben wir auch nur auf Bänken herumgesessen.
Die Hälfte der Zeit ist hier schon herum. Ob wir am 30. oder 31. zurück sein werden, richtet sich nach dem Termin, der für eine Begegnung mit Frl. Geppert in Villingen festgesetzt werden wird. Leider jedoch werde ich dann zum 31.8. nicht schreiben können.
Kaufe Dir doch bitte am Samstag 27.8. die "Deutsche Zeitung (+ Wirtschaftszeitung.)" Sollte mein Artikel noch nicht drin sein, so kommt er wohl am 3.9., und Du erhältst die 20 Pf. vergütet.
Jetzt muß ich schnell noch einen halbstündigen Abendspaziergang machen – Dein gedenkend! Innigst
Dein
Eduard.

25.8.   Heute wassergesättigte Luft und Schwüle. – Ich empfehle, den Verkehr mit Frau F. allmählich einschlafen zu lassen. Man kommt da nur in unangenehme Situationen.   Ernst Wiechert tot – Sus. hat gerade <re. Rand> gestern s. letzten Roman gelesen, den mir der Verleger unter Hinweis auf s. hoffnungslosen Zustand vor 3 Wochen geschickt hatte.
Nochmals grüßend Dein E.